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Fragen Sie Reich-Ranicki Über die „Frankfurter Anthologie“

05.03.2006 ·  Wer die Auswahl von Gedichten und ihren Interpreten für die „Frankfurter Anthologie“ trifft? Marcel Reich-Ranicki wirft einen Blick auf die berühmte Reihe, der vor über dreißig Jahren ein kurzes Leben prophezeit worden war.

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Von wem werden die Gedichte und die Interpreten für die „Frankfurter Anthologie“ ausgewählt? Bei dieser Gelegenheit: Mir ist aufgefallen, daß in der „Frankfurter Anthologie“ seit einiger Zeit die Gedichte nur noch von Autoren kommentiert werden, die aus der von Reich-Ranicki einst geleiteten Literaturredaktion der F.A.Z. hervorgegangen sind. Soll das etwa so bleiben?
Dr. Herbert Borcher, Berlin-Schöneberg

Marcel Reich-Ranicki: Die Interpreten werden immer von mir ausgewählt. Es sind Schriftsteller, Kritiker, Journalisten, Philologen, insbesondere Germanisten, jedenfalls Autoren, die als Kommentatoren von Gedichten schon ausgewiesen sind. Für Anfänger, die vielleicht die Lyrik lieben und sich bewähren möchten, haben wir in der „Anthologie“ keinen Platz, leider.

Die Gedichte werden meist von mir vorgeschlagen, häufig von jenen Literaturkennern, die ich zur Zusammenarbeit auffordere. Niemand wird überredet, sich mit einem Gedicht zu befassen, das ihn nicht sonderlich interessiert. Aber alle müssen sich an die strengen Regeln der „Frankfurter Anthologie“ halten.

So soll das Gedicht aus einer im Buchhandel erhältlichen Ausgabe stammen und darf nicht mehr als Goethes „Grenzen der Menschheit“ (das ist das goldene Metermaß!) umfassen, also höchstens zweiundvierzig Verse. Der Kommentar ist auf zwei Maschinenseiten (4000 Zeichen) beschränkt. Natürlich kommen nur Gedichte in Betracht, die bisher in der „Frankfurter Anthologie“ nicht kommentiert waren.

Das macht die Sache nicht einfacher. Als ich diese Rubrik im Juni 1974 gegründet habe, wurde ihr eine kurze Lebensdauer prophezeit, ja man sprach sogar von einer „Totgeburt“. („Einige Beiträge wird er zusammenkriegen, und dann wird die ,Anthologie' sanft entschlafen.“) Inzwischen sind in dieser Rubrik nicht weniger als 1618 Beiträge gedruckt worden.

Welche Dichter wurden am häufigsten interpretiert? An der Spitze steht, wie nicht anders zu erwarten war, Goethe mit 122 Gedichten. Es folgen Brecht (mit 68 Gedichten), Heine mit 49 Gedichten, dann Rilke (36), Benn (34) und Hölderlin (27). Von Schiller, der ja kein Lyriker war, haben wir 24 Gedichte, von Mörike 22. Mit je 20 Gedichten sind Eichendorff, Stefan George und Paul Celan repräsentiert, mit 19 Günter Eich.

Diese zwölf Autoren an der Spitze der langen Liste leben nicht mehr. Erst auf dem 13. Platz findet sich eine Poetin unserer Zeit: Sarah Kirsch mit 19 Gedichten, gefolgt von Hans Magnus Enzensberger mit 17 Gedichten. Mit je 15 Gedichten sind in der „Anthologie“ Günter Grass, Robert Gernhardt und Ulla Hahn vertreten, mit elf Gedichten Günter Kunert, mit zehn Peter Rühmkorf.

Und wie ist es mit den Interpreten? Walter Hinck hat 55 Gedichte kommentiert. Eckart Klessmann und Peter von Matt 42, Ludwig Harig 40 und Günter Kunert 36 Gedichte, Hans Christoph Buch 34.

Bleibt noch die Frage des Lesers, ob jetzt als Kommentatoren nur noch ehemalige Redakteure des von mir einst, von 1973 bis 1988, geleiteten Literaturteils der F.A.Z. zugelassen sein werden. Da habe ich mir mit der kleinen, heimlichen Serie innerhalb der „Anthologie“ einen Scherz geleistet und geglaubt, niemand wird es merken. Aber er ist doch gemerkt worden, denn wir haben vorzügliche Leser. Nur ist die Aufregung doch überflüssig.

Die Interpreten Renate Schostack, Volker Hage, Ulrich Greiner, Hans Christian Kosler, Uwe Wittstock, Ulrich Weinzierl, Franz Josef Görtz und Thomas Anz, deren Beiträge in den letzten Wochen gedruckt waren, stammen in der Tat allesamt aus der Literaturredaktion der F.A.Z. - und das gilt auch für Jochen Hieber, der noch ein Gedicht von Rilke kommentieren, und für Frank Schirrmacher, der sich eines Gedichts von Benn annehmen wird.

Ich werde dann mit einem Gedicht von Klabund die kleine heimliche Reihe, die, wie ein Kollege höhnisch sagte, „Parade meiner Schüler“, mit einem Gedicht von Klabund abschließen. Danach werden endlich alle anderen Mitarbeiter der „Anthologie“ wieder zum Zuge kommen können. Unseren aufmerksamen Lesern und den geduldigen Mitarbeitern sei bestens gedankt.

1) Wer sind die größten Meister essayistischer Prosa in der deutschen Literatur?
2) Wen könnte man als ersten Essayisten in der deutschen Literatur bezeichnen?

Frank Tödter, Bad Fallingbostel

Marcel Reich-Ranicki: 1) Lessing, Schiller und Thomas Mann.

2) Martin Luther, Winckelmann und Kant haben keine Essays geschrieben, wohl aber essayistische Prosa - also müssen sie wohl hier genannt werden.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.03.2006, Nr. 9 / Seite 29
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