22.08.2006 · Welchen stilistischen Einfluß hat das Schreiben mit dem Computer? Einen förderlichen, findet Marcel Reich-Ranicki. Heinrich Böll beispielsweise hätte mit dessen Hilfe bestimmt besseres und schöneres Deutsch geschrieben.
Was halten Sie von den Gedichten Georg Weerths, der am 31. Juli 2006 150 Jahre tot war? Offenbar interessiert sich niemand mehr für ihn, er wird nur noch mit der DDR assoziiert. Mir kommt doch vor, als habe seine Lyrik durchaus originellen Charakter.
Philipp Lenhard, Köln
Marcel Reich-Ranicki: Weerth war mit Marx und Engels befreundet, er redigierte das Feuilleton der von Marx geleiteten „Neuen Rheinischen Zeitung“ - eben deshalb wurde er von der DDR verlegt und auch mehrfach geehrt.
Er war in seiner Zeit ein erfolgreicher Autor, zumal gesellschaftskritischer Lyrik und Prosa und volksliedhafter und auch humoristischer Gedichte. Er galt als einer der wichtigsten Vertreter der Literatur des Vormärz, geriet aber bald in Vergessenheit. Eine Ausgabe seiner gesammelten Gedichte erschien erst 1956 zu seinem hundertsten Todestag, und zwar in Ost-Berlin.
In der Bundesrepublik wurde er kaum wahrgenommen. Immerhin haben Karl Otto Conrady und Wulf Segebrecht in ihre Anthologien je ein Gedicht von Weerth aufgenommen. Sein wohl stärkstes Gedicht ist „Das Hungerlied“, das mit den Versen beginnt:
Verehrter Herr und König,
Weißt du die schlimme Geschicht?
Am Montag aßen wir wenig,
Und am Dienstag aßen wir nicht.
Wolfgang Werth hat dieses „Hungerlied“ in der „Frankfurter Anthologie“ vorzüglich interpretiert. Man kann es im 27. Band der „Anthologie“ finden. Das „wir“ sei es, das diesen Appell in drei gereimten Strophen zum Drohlied mache.
Daß Weerths Lyrik „originellen Charakter“ habe, wie es der Briefschreiber aus Köln glaubt, scheint mir allerdings freundlich übertrieben. Doch die Germanisten, die sich mit der Literatur des Vormärz beschäftigen, sollten Weerth nicht ignorieren, auch wenn dies zu einer nennenswerten Wiederbelebung seines Werks nicht führen wird.
Man mag das bedauern, aber man muß sich damit abfinden, daß die Werke der meisten Dichter innerhalb von hundert Jahren nach ihrem Tod bestenfalls Dokumente im Archiv der Literaturgeschichte sind. Für das Publikum existieren sie nicht. Soll man dagegen Sturm laufen? Ja, aber wenn man die Gewißheit hat, daß dieses Publikum die großen deutschen Poeten, die Jahrhundertdichter, wirklich kennt. Ich bin in dieser Hinsicht eher skeptisch und heute recht pessimistisch.
Wie schreiben Sie Ihre Texte? Diktieren Sie sie? Schreiben Sie mit der Hand oder direkt in die Maschine? Haben Sie einen Computer zu Hause? Glauben Sie, daß es von Bedeutung ist, ob ein Schriftsteller mit dem Computer schreibt oder mit der Hand?
F. W., Berlin
Marcel Reich-Ranicki: Ich habe in meinem langen Leben so gut wie nichts mit der Hand geschrieben, wohl aber viel diktiert - doch immer nur Briefe, hingegen, von seltenen Ausnahmen abgesehen, keine Artikel. Eine Schreibmaschine habe ich schon als Kind benutzt und sie erst aufgegeben, als es den Computer gab.
Ich bin sicher, daß der Computer auf den Stil einen starken und in der Regel günstigen Einfluß hat. Der wichtigste Grund: Auf die Korrekturen mit der Maschine verzichtet man oft, weil sie das Manuskript unsauber und liederlich machen. Im Computer bleibt ja das Manuskript stets ganz sauber. Also zögert man nicht, den Text zu ändern. Das ist beinahe immer gut für den Text.
Oder ein anderes Beispiel: Der Computer ermöglicht es, die Wiederholung einzelner Wörter und Formulierungen zu vermeiden. Derartige unbeabsichtigte Wiederholungen fallen oft in Bölls Prosa auf. Sein Deutsch wäre, glaube ich, besser und schöner, wenn er sich entschlossen hätte, vom Computer zu profitieren.