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Fragen Sie Reich-Ranicki Kultautor wird man nicht ohne Grund

22.01.2007 ·  Humoristen sind nicht zu beneiden. Neu-Hebräisch müsste man können. Und Wolf Wondratschek sollte man - trotz nerviger Lieblingsthemen - nicht unterschätzen. Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki beantwortet Leserfragen.

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Ich lache oft über den Humor in Ihren Antworten. Haben Sie selbst in Ihrer offenbar nicht allzu ergiebigen Suche nach Humor in der deutschen Literatur schon einmal über Eugen Roth gelacht? Was halten Sie von seinen Gedichten?
Dr. Ludger Beyerle, Mülheim an der Ruhr

Marcel Reich-Ranicki: Jawohl, der sehr populäre, doch nicht eben sonderlich geachtete Eugen Roth hat mir schon oft Vergnügen bereitet. Ich habe auch manche seiner Arbeiten in meinen Sammelbänden publiziert. Roths nachdenkliche Erzählung „Abenteuerin Banz“ findet sich in meiner Anthologie „Notwendige Geschichten 1933-1945“. Auch in meiner Kanonbibliothek habe ich in dem 2005 erschienenen, der Lyrik gewidmeten Teil drei (immerhin drei!) Gedichte von Eugen Roth berücksichtigt: „Die Welt ist voller Reisewut“, „Ein Mensch, der spürt, wenn auch verschwommen . . .“ und „Ein Mensch malt, von Begeisterung wild“. Übrigens hat die Tatsache, dass ich Eugen Roth in meinen Kanon aufgenommen habe, Verwunderung ausgelöst. Manche glaubten, er gehöre eher in Witzblätter. Wie man sieht, sind die Humoristen nicht zu beneiden.

In den siebziger Jahren sollen Sie Wolf Wondratschek als einen der begabtesten jungen deutschen Lyriker gelobt haben. Halten Sie an dieser Einschätzung fest?
Cornelius Maria Thora, Schorndorf/Württemberg

Marcel Reich-Ranicki: Ich habe schon in den sechziger Jahren auf Wondratschek lobend hingewiesen. Als er 1969 mit einem kleinen Prosaband debütierte, schrieb ich in der „Zeit“ den schlichten Satz: „Dieser Autor gefällt mir.“ Bedauert habe ich das nie, doch oft ist mir der Wondratschek, mit Verlaub, auf die Nerven gegangen, vor allem mit seinen Lieblingsthemen (Nutten und Bordelle). Er hat mich bisweilen geärgert, gleichwohl schätze ich ihn nach wie vor.

Man muss ihm viel vergeben, denn wir verdanken ihm eine Anzahl schöner, mit den Jahren gar nicht verwelkter Gedichte. Er wurde zum Sprecher der 68er Generation. Nur: Die damals ihre Hoffnungen an die Studentengeneration knüpften, stehen in seinen Versen - und darauf kommt es an - für alle Geprellten, Gestrandeten und Gescheiterten, für die Enttäuschten und Betrogenen. Nicht die Liebe besingt er, sondern die Sehnsucht, den Hunger nach Liebe. Er ist ein Poet des stillen Leids der kleinen Leute, der verpassten Chancen und der großen Vergeblichkeit.

Als ich mich einmal mit dem unvergesslichen Publizisten Sebastian Haffner über zeitgenössische deutsche Lyrik unterhielt und Wondratschek lobte, fragte er mich misstrauisch: Schreibt er moderne Gedichte oder richtige Gedichte? Er wird von seinen Anhängern gern und schon lange als Rock-Poet bezeichnet und als Autor von Pop-Texten gepriesen. Er hat ein wenig von Tucholsky und Walter Mehring gelernt, von Kästner und Brecht. Doch wie groß seine bewussten und unbewussten Anleihen auch sein mögen - den ihm bisweilen nachgerühmten Wondratschek-„Sound“ gibt es tatsächlich. So ist das nämlich: Man wird nicht Kultautor ohne Grund. Als ich Haffner ein besonders schönes Gedicht Wondratscheks vorlas, nickte er zustimmend und sagte beinahe gerührt: Wer hätte gedacht, dass ein solcher Autor ein solches Sonett schreiben kann. Er ist, sagte ich Haffner, ein moderner und dennoch ein richtiger Poet.

Welche Werke des Neuhebräischen sind lesenswert? Lohnt es sich, heute noch Agnon oder Bialik zu lesen?
Clemens Todd, München

Marcel Reich-Ranicki: Ich weiß es nicht, denn ich habe diese Autoren weder im Original (ich bin des Hebräischen leider nicht mächtig) noch in einer Übersetzung gelesen. Aber Freunde, die ich sehr schätze, äußern sich über Agnon und Bialik höchst respektvoll. Ich stelle es mir unerhört schwer vor, in einer Sprache zu dichten, die rund zweitausend Jahre tot war - wie Latein.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.01.2007, Nr. 3 / Seite 29
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