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Fotoausstellung Auf den Territorien der Müdigkeit

 ·  Das Projekt „Last & Lost“ feiert in Berlin die Rückkehr eines europäischen Raumes aus dem Geist der Literatur. Vierzehn Künstler zeigen mit der Kamera ein Europa von trauriger, morbider, zuweilen bizarr-schroffer Schönheit.

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Die Zukunft Europas? Der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk zuckt mit seinen mächtigen Schultern. Babadag, meint er, werde auf jeden Fall Hauptstadt dieses Kontinents sein. Babadag war Ziel seiner jüngsten poetischen Imagination, eine gottverlassene Provinzstadt im rumänischen Donaudelta. Gulai-Pole, Iwano-Frankiwsk, Virbalis, Hohenlychen, Kapustin Jar - Namen von Orten, die keiner kennt. Doch ob Amselfeld, Austerlitz oder Auschwitz - die Tragödien der Geschichte finden selten in den Zentren statt, in denen sie ersonnen werden.

„Last & Lost“ - ein Atlas über die letzten, die versunkenen und versinkenden Orte Europas sollte es werden, und zu diesem zunächst rein literarischen Projekt gesellte sich bald die Idee, das Wort mit Bildern anzureichern und alles in größerem Rahmen zu präsentieren. Das Buch liegt auf deutsch bei Suhrkamp und bald auch auf polnisch im Verlag Czarne vor. Im Münchner Literaturhaus ist bis Ende April eine Ausstellung zu sehen, in der vierzehn Künstler ein Europa von trauriger, morbider zuweilen bizarr-schroffer Schönheit mit der Kamera einfangen: verlassene Orte an den Rändern des Kontinents, Ruinen, die zum Geschichtsrelief werden, vor allem, aber nicht nur im Osten, worin ein großer Reiz des von der Kulturstiftung des Bundes geförderten Projektes besteht. Die Ausstellung soll ostwärts wandern, über Berlin nach Krakau.

Ästhetische Attraktivität des Morbiden

So wie die Buch-Herausgeberinnen Katharina Raabe und Monika Snajderman - Stasiuks Lebensgefährtin - hatte auch das Literarische Colloquium Berlin gut ein Dutzend Autoren zum Thema befragt. „Topographie und Literatur“ war hier das Thema, und das Ergebnis wurde am Wochenende bei einer Tagung zur Diskussion gestellt. Die Volksbühne schließlich begleitete das Ganze mit einem Festival über das verschwindende Europa, in dem neben der Literatur Rock, Beat, Ethnojazz aus der Ukraine, Weißrußland und Rußland zu Gehör gebracht wurden. Daß das Morbide ästhetische Attraktivität besitzt, ist unbestritten. Vom Verschwinden konnte an den vergangenen vier Tagen in Berlin jedoch keine Rede sein. „Last & Lost“ wurde zum Fest der Rückkehr eines europäischen Raumes aus dem Geist seiner Literatur.

Beim Symposion im LCB wurde zunächst die Rückkehr der physischen Landkarte beschworen, auf der Räume durch Flüsse und Gebirge begrenzt, durch Meere verbunden sind, jenseits von politischen Trennlinien. Die Landschaft, so der Geograph Sebastian Lentz, sei erzählbar und tue niemandem weh, der Raumbegriff kehre zurück, nachdem die Begrifflichkeiten von System und Geschichte zu belastet scheinen. Gerade hierzulande könne, so der Literaturkritiker Lothar Müller, seit Jahren ein Prozeß der Dekontamination des Raumes beobachtet werden, angefangen mit den Arbeiten des Historikers Karl Schlögel über die Sozialwissenschaften bis hinein in die sich rehistorisierende Literatur, in die auch die Genealogie - in Gestalt des Familienromans - zurückkehrte. Die Literatur nehme ihren Anfang ohnehin als Topographie, bei Atlas und Odysseus: Die Mythologie machte den unbekannten Raum erst erträglich, indem sie ihn erzählte, ein frühes mental mapping, das bis heute wirkt.

Neue Geopoesie

Doch die Dekontamination funktioniert nicht überall. Nicht der Raum als solcher schmerze, sondern sein Wegfall, konterkarierte der Kulturwissenschaftler Gusan Gusejnov anhand von russischen Karikaturen über den Zerfall des Sowjetimperiums. Der Raum als Herrschaftsinstrument und Herrschaftssymbol verschwindet dort in einem Schwarzen Loch, die Regionalisierung des Riesenreiches wird von seinen Bewohnern als Fortsetzung des staatlichen Zerfalls verstanden, nach dem Motto: heute die Ukraine, morgen der Ural. Und - das mag für Skeptiker einer neuen Raumordnung ein Argument sein - dem nicht politisch begrenzten Raum fehlt es bislang am Rechtsverständnis.

Der Raum als Fluchtpunkt, als Imagination, als Verdichtung und Seismograph der Zeit stand im Zentrum der literarischen Beiträge. Der Schriftsteller Robert Hasz, geboren in einem ungarischen Dorf in der Vojvodina, beschwor das Dorf im Karpatenbecken, die „Ackerbürgerstadt“, als Zufluchtsort, in dem die Zeit eingeschlossen ist. Facetten einer solchen „regressiven Utopie“ (Ilma Rakusa) waren bei vielen Autoren dieser sehr heterogenen Literatur zu spüren. Wolfgang Büscher durchquert das Land über Tausende Kilometer per pedes wie einst Eichendorff und Co. Der Lyriker Lutz Seiler vermißt sein „Territorium der Müdigkeit“, die ostthüringischen Dörfer in den Abraumhalden des einstigen DDR-Uranbergbaus, und der zweiunddreißigjährige Serhiy Zhadan, enfant terrible der ukrainischen Literatur, schickt seinen Helden auf den Spuren Nestor Machnos, einem ukrainischen Anarchisten, nach Gulai-Pole, eine postproletarische Kleinstadtapathie voll toter Seelen.

Das sentimentale Empire

Die diskursiven Koordinaten dieser neuen Geopoesie haben auch ein Stiefkind in die Familie zurückgeholt - die Literatur der Rumäniendeutschen. Oft nur mit dem Namen Herta Müller verbunden und als exotischer Fremdkörper in der bundesrepublikanischen Literatur wahrgenommen, fügt sie sich nun scheinbar mühelos in den neuen poetischen Raum. Der Rand, von dem erzählt wird und der stets auch der Lebensraum der Minderheiten war, ist für den 1952 im Banat geborenen Richard Wagner eine postmoderne Kategorie. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs sei es zu einer Rückkehr der westlichen Imagination des Ostens gekommen, die Landschaft wird wieder zum kollektiv geglaubten Raumausschnitt, dem die Einheimischen nun versuchen gerecht zu werden. Dabei würden sie nicht selten Teil dieser Imagination, wie Wagner nicht ohne Sarkasmus in seinem Vortrag über Topos und Logo der Karpaten - Dracula - betonte. Die Karpaten besäßen seit Jules Verne und Bram Stoker eine romantische Konnotation, und Siebenbürgen müsse schon seit Jahrhunderten als Objekt der kollektiven Imagination der Deutschen, Ungarn und Rumänen herhalten, was sich bis heute an so skurrilen Konstruktionen wie der „Karpatensektion im deutschen Alpenverein“ manifestiere.

Minsk, Lemberg, Breslau, Vilnius - all diese Orte gehören zu einem neuen sentimentalen Empire, eine Erinnerungslandschaft für den Westen, aber eben auch für die Bewohner. Minsk ist in den Augen des Kulturanthropologen Artur Klinau die auf den Friedhöfen europäischer Kriege erbaute stalinistische Version einer Sonnenstadt und gleichzeitig ein Potemkinsches Dorf, dessen Volkspaläste entlang der fünfzehn Kilometer langen Magistrale auf der Rückseite nichts als unverputzte bröckelnde Fassade zeigen. Solch eine Idealstadt könne in einer Demokratie nicht entstehen, diese kann sie allenfalls als Gesamtkunstwerk bewahren.

Der Rand enträtselt die Welt

Schwarze Erinnerungslöcher sind nicht nur den kommunistischen Diktaturen geschuldet. Auch im Westen entstanden Leerräume. Die deutschen Nachkriegsgenerationen zeichnen sich durch eine beklemmende Unkenntnis der Geographie des europäischen Ostens aus. Roswitha Schieb, die literarische Reiseführer über Schlesien schreibt, dokumentierte, wie Mitteleuropa in den Erdkundebüchern der alten Bundesrepublik zwischen 1964 und 1974 zu einem Chagrinleder mutierte. Wurden 1964 unter dem Buchtitel „Deutschland“ noch 700 Jahre Geschichte im Raum leidlich erläutert, schrumpfte dieser Raum zehn Jahre später unter dem Titel „Mitteleuropa“ auf fatale Weise zur Bundesrepublik mit Sowjetischer Besatzungszone zusammen. Die Lesung von fünf Autoren aus der zehn Bände umfassenden „Deutschen Reise nach Plovdiv“, einem von der Kulturstiftung Rheinland- Pfalz geförderten Mammutprojekt, geriet in der Volksbühne zu einer eher belanglosen Leerstelle - der Osten als Stipendiatenverbannungsort, für den diese keine Sprache finden. Allein der aus dem Banat stammende Johann Lippert erfrischte mit kauzigem Charme. Erst der deutsch schreibende Plovdiver Dmitri Dinev zeigte mit seinen Burlesken über die neuen Europäer - Gastarbeiter und Illegale -, welche poetische Kraft aus der geographischen Randzone entstehen kann. Anders als im Literarischen Colloquium, wo man weitgehend unter Ausschluß der Öffentlichkeit diskutierte, wurden in der Ost-Berliner Volksbühne die Autoren von einem jungen und zahlreichen Publikum gefeiert.

Die Welt endet nicht am Rand, es ist der Rand, der sie enträtselt, schrieb Joseph Brodsky über den westindischen Dichter Derek Walcott. Columbus habe die Inseln entdeckt, die Briten haben sie kolonisiert, doch Walcott, so Brodsky, machte sie unsterblich, indem er diesem peripheren Ort poetische Realität verlieh. Heute schreibt zwischen Charkow und Wien, zwischen Plovdiv und Istanbul, zwischen Minsk, Vilnius und Berlin ein versunkenes „Empire“ zurück, ähnlich dem in der postkolonialen anglophonen und frankophonen Literatur der vergangenen Jahrzehnte - nur waren die Imperien in diesem Teil Europas ausgesprochen zahlreich und vielfältig. In Sulina, unweit von Babadag, ergießt sich die Donau, dieser europäischste aller Flüsse, ins Meer. Heute entdeckt Stasiuk in Sulina einen „Ort, wo das Schwinden einen wunderschönen Ausdruck in der Geographie gefunden hat“. Nicht nur Rom ist unsterblich. Last, but not lost.

Die Fotoausstellung „Last & Lost“ ist bis 31. April im Literaturhaus München zu sehen, begleitet von zahlreichen Lesungen. Der Band mit gleichem Titel ist bei Suhrkamp erschienen und kostet 29,80 Euro.

Quelle: F.A.Z., 27.03.2006, Nr. 73 / Seite 39
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