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Flüchtlingsroman : Vom Warten wird man immer blöder

Abbas Khider Bild: Jens Gyarmaty

Der deutsch-irakische Schriftsteller Abbas Khider hat einen Roman über einen Asylbewerber geschrieben. Mal wieder „das Buch der Stunde“? Oder ein sehr guter Roman?

          Bestimmt kommen jetzt wieder Leute und sagen: „Das ist das Buch der Stunde!“ Aber Abbas Khider will davon nichts wissen. Er versteht sich nicht als politischer Kommentator und will auch nicht als Repräsentant derer zur Verfügung stehen, die jetzt ins Land kommen. Er habe, sagt er und klingt ziemlich stolz dabei, seit fast zwei Jahren keine Interviews gegeben und sich auch nicht in die Fernsehstudios gesetzt, als all die Anfragen kamen, von Talkshows und Reportagesendungen, die ihn, den ehemaligen Flüchtling aus dem Irak, zur Flüchtlingskrise befragen wollten. Es sei einfach nicht sein Platz und nicht seine Aufgabe.

          Julia  Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Ich bin Schriftsteller“, sagt Abbas Khider, „kein Vampir. Ich lebe nicht vom Blut der anderen. Das will ich nicht.“ Er streicht sich die Haare zurück und blickt auf das Buch, das auf dem Tisch liegt. Es ist sein vierter Roman: „Ohrfeige“. Jetzt, wo es erscheint, will Abbas Khider wieder reden.

          Die Deutschen halten die Klappe

          Es gibt auch allen Grund dazu. „Ohrfeige“ ist immerhin der erste Roman über ein Asylbewerberheim in der deutschen Literaturgeschichte (jedenfalls fällt weder Abbas Khider noch mir ein anderer ein). Und er ist auch deshalb ein besonderer Roman, weil in ihm die Deutschen gar nicht zu Wort kommen, sondern ausdrücklich die Klappe halten sollen. In Jenny Erpenbecks Buch „Gehen, ging, gegangen“, das im Herbst unverständlicherweise überall gefeiert wurde, ist das ja nicht gerade der Fall. Da geht es um einen emeritierten deutschen Professor und um die afrikanischen Flüchtlinge, die am Berliner Oranienplatz ihr Protestlager aufgeschlagen hatten, ganz besonders aber um den deutschen Professor.

          Khider schickt seinen Ich-Erzähler dagegen ins Büro der Ausländerbehörde, lässt ihn die für ihn zuständige Angestellte, Frau Schulz, ohrfeigen, mit Packband an ihren Bürostuhl fesseln und ihr den Mund zukleben. Erst als er sicher ist, dass diesmal er und nur er das Wort hat, nimmt er ihr gegenüber auf dem Besucherstuhl Platz, mischt etwas Haschisch in seinen Tabak, entspannt sich und fängt an zu erzählen. „In dieser Redesituation“, sagt Abbas Khider, „steckt auch das Gefühl: Ihr Deutschen, ihr habt so viel geredet, lasst jetzt mal die anderen reden.“

          Abbas Khider lebt in Berlin

          Er meint damit, und das ist ihm wichtig zu betonen, nicht die politische Situation jetzt, sondern ausdrücklich seinen Roman, der in Grundzügen im vergangenen Sommer schon fertig gewesen sei, als jeden Tag Tausende neue Flüchtlinge in Deutschland ankamen. Er habe versucht, sich beim Schreiben davon nicht bedrängen zu lassen. Aber wie soll das gehen? Das Unbewusste schreibt schließlich immer auch mit.

          Der Roman spielt nicht heute, das stimmt, er beginnt vor dem 11. September 2001. Karim Mensey, Khiders Erzähler, flieht mit Hilfe eines Schleppers aus dem Irak und landet als Illegaler ausgerechnet im verschneiten Dachau (er denkt, er sei in einem Vorort von Paris). In der Korrespondenz mit dem, was jetzt ist, lässt einen Khiders Asyl-Geschichte beim Lesen die Gegenwart aber neu betrachten, vor allem bringt sie lauter neue Fragen auf, die das scheinbar Selbstverständliche betreffen. Ein Roman, der das schafft, ist auf jeden Fall schon mal alles andere als schlecht.

          Hast du Narben?

          Abbas Khider, 1973 in Bagdad geboren, wurde mit 19 verhaftet, als er mit Freunden Flugblätter gegen Saddam Hussein verteilte. Zwei Jahre war er in den Gefängnissen Bagdads interniert, bevor es ihm, nach seiner Entlassung, gelang, aus dem Irak zu fliehen. Er hielt sich illegal in verschiedenen Ländern auf, kam im Jahr 2000 nach Deutschland, fand Asyl, studierte in München und Potsdam Literatur und Philosophie und fing, in der Sprache, die er hier lernte, an zu schreiben.

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