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Feridun Zaimoglu : Ein Rausch und knochenharte Arbeit

Duldet keine Benutzeroberflächen: Feridun Zaimoglu an dem Ort, an dem er „knochenharte Arbeit“ leistet, in seinem Arbeitszimmer Bild: Daniel Pilar

Alle Welt tippt am Computer, er nicht. Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu braucht beim Schreiben Widerstand. Sonst, sagt er, verlaust die Sprache. Heute tritt er als Stadtschreiber in Mainz an.

          Was, vom Schreiben solle er erzählen? Nicht über Integrationsdebatte, Terroristen, Kopftuchmädchen und Mohammed-Karikaturen reden, sondern sein Schriftstellerhandwerk? „Das ist doch eine Finte“, habe er gedacht, als die Anfrage kam, sagt Feridun Zaimoglu und mimt den ungläubigen Blick auf ein imaginiertes Telefon in der Hand. Dann nimmt er den nächsten Zug aus seiner Zigarette, lässt die schweren Silberringe an den Fingern klimpern, und der Rauch verfliegt in schallendem Gelächter: „Ich kann mein Glück kaum fassen.“

          Mit „Kanak Sprak“ fing es an

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Zwanzig Jahre ist es her, dass Zaimoglu mit „Kanak Sprak“ auf den literarischen Betrieb losging und wütenden Immigrantensöhnen, den selbsternannten Kanakstern, eine literarische Sprache gab. Seitdem hat er in seinen Erzählungen, Theaterstücken und Romanen immer wieder Figuren gezeichnet, die ihren Weg zwischen zwei Kulturen suchen. Und Zaimoglu, der 1962 in Anatolien geboren wurde und ein Jahr später mit seinen Eltern nach Deutschland kam, um schließlich deutscher Schriftsteller zu werden, avancierte zu dem Kulturmenschen, den immer alle fragen, wenn es um deutsch-türkische Belange geht. Worauf er stets bereitwillig Auskunft gibt, ob in Talkshows oder in der Islamkonferenz. Doch nun, da er zum Mainzer Stadtschreiber für das Jahr 2015 ernannt wurde - am Donnerstag hält er seine Antrittsvorlesung im Gutenberg-Museum -, wäre Gelegenheit für ein anderes Gespräch. Zaimoglu in der Stadt, von der aus die frühneuzeitliche Medienrevolution Bücher von der Handschrift befreite, das ist doch ein Anlass, über die Art und Weise zu reden, in der er seine Bücher schreibt. Warum so und nicht anders. Und was seine Schreibpraxis mit der Sprache macht.

          Denn Feridun Zaimoglu verweigert sich konsequent dem Internet. Er besitzt keinen Computer, er schreibt mit der Hand oder tippt auf einer elektrischen Schreibmaschine, und das alles folgt einer über die Jahre wohleinstudierten Choreographie. Dass viele Kinder in der Schule heute nurmehr Druckbuchstaben schreiben lernen und möglichst früh auf Tastatur, Touchscreen und Bildschirm umsteigen sollen, hält er für einen Fehler. Nicht weil er ein Technikfeind sei, sagt er, und schon gar nicht aus einer „lausigen Bildungsbürgernostalgie“ heraus - und wie er so dasitzt in seinem vollgestellten Arbeitszimmer einer Kieler Altbauwohnung, Springerstiefel an den Füßen, schwarze Klamotten von oben bis unten, mit Silberschmuck behangen „wie ein Pfingstochse“ (so sagt er) und beäugt von Dutzenden Keramik-Gartenzwergen, die auf grob an die Wände gedübelten Winkeln thronen, glaubt man ihm sofort. Vor den Bücherregalen drängen sich gerahmte Frauenporträts, neben-, über-, voreinander, Zaimoglu ist auch bildender Künstler. In der arabesken Linienführung seiner Bilder sind die Romantik-Anleihen noch offensichtlicher als in seinen Büchern.

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