Home
http://www.faz.net/-gr0-tou9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ferenc Puskás Der ungarische Fußball ist tot

17.11.2006 ·  Man nannte ihn „Brüderchen“, er hatte einen Bierbauch - und viele wissen nur dank ihm, daß Ungarn auf der Welt leben. Er war der größte aller Spieler: Der ungarische Schriftsteller Péter Zilahy zum Tod von Ferenc Puskás.

Von Péter Zilahy
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (3)

Jeder, der sich für Fußball interessiert, weiß, der ungarische Fußball ist tot. Nicht erst seit heute, seit geraumer Zeit schon. Er lag als Scheintoter im Krankenhaus, doch gestern wurde er auch medizinisch für tot erklärt. Meine Mutter - die nie ein Fußballfan war - hat einmal erzählt, daß Puskás und seine Truppe nach einer Kneipentour auf das Spielfeld gegangen sind, eine Bierflasche auf die Ziellinie gestellt haben, und Puskás hat sie dann in zehn von zehn Versuchen vom Elfmeterpunkt aus getroffen in stockfinsterer Dunkelheit. Das ist keine große Geschichte, doch, wie gesagt, meine Mutter war kein Fußballfan, und das ist jetzt auch nicht wesentlich. Wichtig ist vielleicht, daß im vergangenen Jahrhundert jeder eine Geschichte zu Puskás hatte. Auch Deutschland hat eine Geschichte zu Puskás. Jeder, der sich für Fußball interessiert, weiß, daß er es war, dem die Bundesrepublik ihre Geburt verdankte. Unter anderen (geziemt es sich zu sagen), denn Fußball ist ein Mannschaftssport.

Als ich zehn war, kam Puskás nach Hause, alle freuten sich sehr, nicht nur Kádár. Damals war er 54, ich weiß nicht, ob dieses Datum jemandem etwas sagt? Sie haben ihm verziehen, obwohl sie es nicht hätten tun müssen. Er konnte kein Weltmeister sein, obwohl er der Beste der Welt war, gleichwohl hat das Land ihm viel zu verdanken. Viele Länder haben Brüderchen Puskás viel zu verdanken, unter anderen (geziemt es sich zu sagen) die Spanier, für die er drei Europapokale gewann, nachdem er '56 als Major desertiert war.

Wir waren die Goldmannschaft

Einen Bierbauch hatte er, watschelte ulkig auf dem Spielfeld, doch sobald er den Ball berührte, jubelte die Menge: ja, er ist es wirklich, hinter dem Bierbauch. Brüderchen war aus der schwarz-weißen Vergangenheit zurückgekehrt, aus 1956, als auf der ganzen Welt alle dasselbe Spiel schauten. Das Spiel, das nicht zu gewinnen war. Wir waren die Goldmannschaft.

Als ich in den achtziger Jahren in England war, bekam ich oft ein Bier spendiert. wenn ich nur sagte: Puskás. Das bedeutete, ich war Ungar. Der jugendliche Held einer fernen Kolonie. Der Durchschnittsbrite wußte zwei Dinge über Ungarn: Puskás und '56, im Zweifel nur das erste. Viele sagten die komplette Aufstellung der Goldmannschaft auswendig auf, dann spendierte ich ihnen auch ein Bier. Schließlich ist Fußball ein Mannschaftsspiel.

Der Blick eines Amateurs

Die Profis sagen, im Fußball - und in vielem anderen - ist der Sieg das Wichtige. Ich hingegen betone unermüdlich, das Spiel ist wichtiger, und meine Fußballfreunde halten mich deswegen für verrückt. Das sei der Blick eines Amateurs. Könnte es denn sein, daß das Profitum den Fußball zerstört hat? Daß Spieler und Spiele für Millionen gekauft und verkauft werden? Heutzutage muß in jeder Minute des Spiels etwas geschehen, sonst ist es nicht unterhaltsam genug. Dabei geht es in jedem Spiel um jenen einzigen Augenblick, an den sich jeder erinnert.

1954 waren wir die größe Macht auf der Welt, trotzdem haben wir verloren. 1956 waren wir die kleinste Macht der Welt, trotzdem haben wir gewonnen. Es geht um einen einzigen Zug. Wir haben die Sowjetunion ausgedribbelt, die ganze Welt hat es gesehen und wollte ihren Augen nicht trauen, das ganze Stadion jubelte sozusagen. In dem Augenblick war das Land eine Mannschaft, und das kam selten vor in unserer Geschichte. Dazu brauchte es natürlich auch den Gegner (der nicht größer hätte sein können), und den Blick des Amateurs. Auch auf Panzer loszurennen entsprach nicht ganz den Spielregeln, auch damit hat niemand gerechnet. Viele wissen nur wegen dieses Dribblings, daß es dieses kleine Land gibt. Viele wissen nur dank Puskás, daß Ungarn auf der Welt leben.

Puskás, Pelé, Beckenbauer, Cruyff, Maradona

Daß Hungary für uns Magyarország heißt, wissen hingegen wenige, wie auch, daß Puskás Ferenc Purczeld hieß. Die Goldmannschaft hingegen kennen alle: Puskás, Pelé, Beckenbauer, Cruyff, Maradona, mehr Namen fallen mir auf die Schnelle nicht ein. Ich weiß nur, der ungarische Fußball war der größte.

Man muß ihn begraben.

Puskás war schon mit achtzehn Auswahlspieler und spielte noch mit vierzig. Er war der Kapitän der ungarischen Olympiamannschaft. Er war Linksfuß, das paßte zum System, er wurde Brüderchen genannt. Ich hätte zugeschlagen, wenn man mir das angetan hätte, er hingegen konnte das Brüderchen der gesamten Welt sein. Nach 1956 wurde aus dem Proletarier der wichtigste Mann bei Real Madrid. Viermal war er der Torkönig der Spanier, in den ungarischen und spanischen Meisterschaften schoß er mehr als fünfhundert Tore.

In Ungarn wird heute Trauertag sein, man wird sich an viele schöne Spielszenen erinnern, an seine schwierige Natur, und an die unzähligen glücklichen Momente, die er der Welt geschenkt hat. Heute wird in vielen Ländern Trauertag sein, wohl auch in jenen englischen Pubs, in denen ich seinerzeit verkehrte. Sie werden Ferenc Puskás gedenken und seines legendären linken Beins, mit dem die Ära zu Ende geht, in der Fußball noch ein Spiel war und kein Geschäft. Er war der größte Spieler jenes Spiels.

Aus dem Ungarischen von Magdalena Ochsenfeld.

Der Schriftsteller Péter Zilahy, geboren 1970 in Budapest, veröffentlichte zuletzt den Roman „Die letzte Fenstergiraffe“.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel