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Felicitas von Lovenberg Mein Lieblingsbuch: „Emily Dickinson, Dichtungen“

23.07.2004 ·  Überreich sind Emily Dickinsons „Dichtungen“ an Momenten, in denen Welt, Worte und Leser ganz beieinander sind und eine sinnvolle Mischung ergeben. Die Erfahrung des Wunderbaren sprengt allen Kummer und Schmerz.

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Mascha Kalékos Epitaph sollte lauten: "Vergebens. Sie starb an den Folgen des Lebens." John Donne wünschte sich die Grabinschrift: "Hier lieg ich von der Lieb erschlagen." Das ist schön und wahr und ironisch obendrein. Doch solange die Gratwanderung des Lebens andauert, braucht es Wortwege, um an guten Tagen einander, an schlechten aber uns selbst zu ertragen.

Gedichte sind da so etwas wie Heftpflaster, die bei Schmerz und Ratlosigkeit rasch Linderung schaffen können, wie es Erich Kästner mit seiner "Lyrischen Hausapotheke" vorführte. Diese Art Lieblingsbuch ist das abgegriffenste im Schrank, immer dann zu Rate gezogen, wenn die Seele eine Lederhaut brauchte.

Eine vulkanisch-unberechenbare Dichterin

In solchen Momenten greife ich ins Lyrikregal, zu Wislawa Szymborska ("Deshalb leben wir"), oder, häufiger noch, zu Emily Dickinsons "Dichtungen", übersetzt von Werner von Koppenfels. Es ist der zweisprachige, mehrfach erweiterte und hoffnungsvoll grüne Band der Dieterich'schen Verlagsbuchhandlung, den ich immer kaufe, wenn ich ihn  sehe - und doch noch nie verschenkt habe. Überreich ist dieses Buch an Momenten, in denen Welt, Worte und Leser ganz beieinander sind und eine sinnvolle Mischung ergeben. Diese Erfahrung des Wunderbaren, da die Welt in wenigen Versen so dornig schön erblüht, sprengt allen Kummer und Schmerz.

Emily Dickinson, die 1886 in Neuengland starb und zu Lebzeiten nur sieben Gedichte veröffentlichen konnte, hat viele solcher Zeilen geschrieben, vom Glück, von der Liebe und der Natur, von Gott und vom Tod. Es sind Weltuntergangs- und Paradiesvorstellungen, schmetterlingshaft gebannt in Garten-, Spuk- oder Wettergedichten. Sie treiben den Teufel mit dem Beelzebub aus und halten dem Himmel die Schöpfung entgegen. Keine Empfindung ist dieser vulkanisch-unberechenbaren Dichterin fremd, doch ihre Wahrnehmung fremdelt - und verwandelt alles Gesehene und Erlebte in ein "Geschenk von Sonnen und Schrauben". Eindeutige Antworten sind da nicht zu haben, aber genau dosierte Worte als Stärkungen des Immunsystems gegen die Viren und Wehwehchen des Alltags.

Felicitas von Lovenberg ist Redakteurin im Literaturressort der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.07.2004, Nr. 170 / Seite 33
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