19.12.2005 · Der Weg zur Hölle, hin und zurück, ist mit immer denselben Fragen gepflastert. Die Schriftstellerin Felicitas Hoppe über Grimms Märchen „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ und ein Königreich, das auch ihr nicht gehört.
Unter soviel Verwandten kein einziger Liebling? Meine Angst ruft „Das tapfere Schneiderlein“, mein Mitleid halbiert mich wie „Rumpelstilzchen“, meine Neugier verlangt nach dem „Goldenen Schlüssel“. Die Verwirrung paktiert mit der „Klugen Else“, meine Unbeschwertheit mit „Hans im Glück“. Mein Hunger dürstet nach „Süßem Brei“, meine Sehnsucht nach Schönheit will „Froschkönigs“ Küsse, meine Menschenliebe heißt „Hans mein Igel“, und mein Wunsch nach Verwandlung ruft „Mutabor“.
Wenn ich fluche, erheben sich „Sieben Raben“, will ich lügen, spinne ich „Stroh zu Gold“, muß ich sterben, rufe ich „Boten des Todes“, soll ich heiraten „König Drosselbart“. Meine Reiselust schließt sich sechs Krüppeln an, einbeinig „Durch die ganze Welt“, doch meine Trägheit wiegt schwerer als „zwölf faule Knechte“ und führt mich nach Rußland, wo „Iwan der Dumme“ den Thron gewinnt.
Die Antwort des Glückskinds
In Wirklichkeit bin ich noch nirgends gewesen, doch in Wahrheit war ich längst überall, ich habe sogar die Hölle gesehen, die nichts als ein deutsches Wohnzimmer ist. Und da steht auch der Sessel der Ellermutter, die den Teufel nach seinem beschwerlichen Tagwerk allabendlich in den Schlaf kraulen darf. Bis er im Traum sein Geheimnis verrät, das Antwort auf alle Fragen verheißt. Denn der Weg zur Hölle, hin und zurück, ist mit immer denselben Fragen gepflastert, auf die kein Mensch eine Antwort weiß. Nur ich, weil ich schließlich ein Glückskind bin, eine Ameise, die zwischen Rockfalten hockt, ich darf hören, wie einfach die Antwort ist, denn die Antwort des Glückskinds ist immer dieselbe und heißt: „Ich weiß alles.“
Wer es glaubt, darf es glauben, wer es nicht glaubt, der soll mich besuchen kommen, dem will ich „Drei goldene Haare“ zeigen und ein Königreich, das mir auch nicht gehört.