Man versteht seine vielfachen Äußerungen des Gejagt- und Beladenseins, auch das Fragmentarische seines Werkes womöglich besser, wenn man unterstellt, dass er nicht schreiben konnte, ohne sofort der monströsen Vieldeutigkeit fast jedes Satzes gewahr zu werden. Je älter Franz Kafka wurde, desto hartnäckiger widmete er seine ganze Energie dem einen Satz. „Meine Kraft“, heißt es einmal, „reicht zu keinem Satz mehr aus. Ja, wenn es sich um Worte handeln würde, wenn es genügte, ein Wort hinzusetzen, und man sich wegwenden könnte ...“
Keine nachfolgende Generation hat sich von seinen Sätzen wegwenden können. Es sind Bibliotheken zu seinem Werk erschienen, Tausende und Abertausende von Deutungen. Was immer ihm vorschwebte - in der Rezeption hat er erreicht, was nur den größten Texten vorbehalten ist: Legionen von Kommentatoren haben sich über seine Texte gebeugt wie über die heiligen Schriften, und nicht wenigen schien eine Antwort auf das Rätsel seiner Literatur wie eine Antwort auf die Rätsel selbst.
Zum 125. Geburtstag Kafkas können wird diesen Schriftsteller nicht besser würdigen als dadurch, dass wir uns seine Sätze anschauen. In dieser Serie stellen unterschiedliche Autoren, von Peter von Matt bis Marcel Reich-Ranicki, ihren Satz Kafkas vor und deuten ihn.