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FAZ.NET-Spezial: Die Aufbau-Insolvenz Ein Verleger auf der Flucht

08.06.2008 ·  Er hat jahrelang in den Aufbau-Verlag investiert, er hat um ihn prozessiert - nun will Bernd F. Lunkewitz sein Geld zurück, und der Traditionsverlag hat Insolvenz angemeldet. Wie geht es weiter an der Neuen Promenade in Berlin?

Von Volker Weidermann
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Es ist der letzte große Verlag, der vom Leseland DDR noch übriggeblieben ist. Alle anderen sind verschwunden, früher oder später in den Jahren nach der Wende. Sie hatten gegen die Westverlage, die ihr Verbreitungsgebiet in Windeseile ausdehnten und ihre Backlist-Rechte oft genug gegen die Backlist-Rechte der Ostverlage durchsetzen konnten, keine Chance. Ist jetzt, neunzehn Jahre nach dem Mauerfall, wirklich das letzte große Haus des Ostens dran? Der Aufbau-Verlag hat am vergangenen Freitag Insolvenz angemeldet. Und was für eine!

Der Showdown am Ende passt zur großen, wechselvollen Geschichte des Aufbau-Verlags. Dass er überhaupt überlebt hat, all die Jahre seit der Wende, lag an einem Mann: dem „Che von Kassel“, wie er einst genannt wurde, oder auch „Halunki“, wie er in einem im Internet kursierenden Schlüsselroman geschmäht wird: Bernd F. Lunkewitz, sechzig Jahre alt, Kommunist, Immobilienhändler, vielfacher Millionär, der seinen Reichtum gerne zeigt. Die Empfänge während der Frankfurter Buchmesse in seiner reichtumskalten, klassizistischen Marmorvilla in Frankfurt sind legendär. Seine Zigarren, die schwarzen T-Shirts, das ganze zur Schau gestellte Machertum sind es auch (ausführliches Porträt: Bernd F. Lunkewitz: Der Abenteurer). Dieser Mann, diese Figur hatte dem blassen deutschen Literaturbetrieb wirklich gefehlt. Und vor allem aber hatte so ein Mann dem Hause Aufbau gefehlt. Lunkewitz hat den Verlag mit den Weltrechten von mehr als tausend Autoren 1991 von der Treuhandanstalt gekauft. In den Jahren darauf hat er viele Millionen in den Verlag investiert und kam für alle Verluste des Hauses auf. Doch schon kurz nach dem „Kauf“ deutete sich an, dass es sich dabei um - je nach Lesart - ein bedauerliches Missverständnis der turbulenten Nachwendejahre oder einen wissentlich begangenen Betrug gehandelt hatte.

Wut gegen den Staat

Die Treuhand jedenfalls war zu keinem Zeitpunkt die rechtmäßige Besitzerin des Verlages, sondern der Kulturbund der DDR, der auch nach der Wende fortbestand. Die Rechtslage war lange ungeklärt, und Lunkewitz kaufte den Verlag 1995 ein zweites Mal, diesmal vom Kulturbund. Und seit jener Zeit führte Bernd Lunkewitz Prozess um Prozess gegen die Treuhandanstalt beziehungsweise die Bundesrepublik Deutschland. Die ersten Prozesse verlor er, gab nicht auf, gab mehrere Millionen Euro für Prozess- und Anwaltskosten aus und bekam schließlich im März 2008 in letzter Instanz vor dem Bundesgerichtshof recht.

Seine Wut gegen den Staat, gegen den Finanzminister, gegen die Treuhand, die er immer wieder eine „in Teilen kriminelle Vereinigung“ nannte, ist mit den Jahren ins Unermessliche gewachsen. Die Prozesse gegen die Bundesrepublik, der Kampf gegen das offensichtliche Unrecht hatten immer größeren Raum eingenommen, waren sein beherrschendes Lebensthema geworden. Wichtiger auch als der Verlag, den er immer wieder als sein „Lebenswerk“ bezeichnet hatte. Nach dem Urteil des Bundesgerichtshofs wurde es erst richtig kompliziert. Jetzt, nachdem ihm letztinstanzlich bestätigt worden war, dass er neunzehn Jahre lang in ein Unternehmen investiert hatte, das ihm faktisch nicht gehörte, beschloss er, seine Investitionen jener Jahre zurückzufordern. Die Rede ist von 48,8 Millionen Euro, die Lunkewitz jetzt von jenem Aufbau-Verlag fordert, der nur eine Treuhand-Hülle war, ein Name ohne Inhalt, ein Verlag ohne Rechte. Natürlich kann der Verlag das nicht zahlen, denn zugleich stellte Lunkewitz auch seine Zahlungen an den Verlag, die Haftung für alle laufenden Kosten mit sofortiger Wirkung ein. Freitag vergangener Woche ließ er das die Geschäftsführer schriftlich wissen, der Verlag meldete noch am gleichen Tag Insolvenz an.

Nach dem Verrat

Alles verrückt. „Mein Kind“ hatte Lunkewitz den Verlag immer wieder genannt. Und dieses Kind hat er jetzt über Nacht verlassen. Jetzt steht da sein Schreibtisch im Verlagshaus am Berliner Hackeschen Markt und sieht aus, als ob der Verleger jederzeit wiederkommen könnte. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag letzter Woche hat er seine persönlichen Dinge geholt und ist verschwunden. „Die Putzfrau hat ihn noch dabei gesehen“, sagt die Pressesprecherin. Er ist für Journalisten - außer für ein kurzes Gespräch mit einem Branchenmagazin - nicht zu erreichen. Beantwortet keine Mails, ruft nicht zurück.

Die Mitarbeiter im Verlag wirken jetzt, eine Woche nach dem Verschwinden des Verlegers und dem plötzlichen Insolvenzantrag, gefasst und kampfeslustig. Alle berichten, wie die bedrohliche Situation die Mitarbeiter zusammengeschweißt habe, dass ihnen noch einmal deutlich geworden sei, was für ein großartiges Haus dieser Verlag sei, einer der letzten konzernunabhängigen größeren deutschen Verlage, mit dieser Geschichte, mit der im ganzen Land einmaligen deutsch-deutschen Mitarbeiterstruktur.

Aufbau - das war das Haus, das die aus dem Exil zurückkehrenden Autoren gleich nach dem Krieg in so großer Zahl verlegt hat wie kein anderes. Während in den westdeutschen Besatzungszonen der Ruf an die aus dem Land vertriebenen Autoren, zurückzukommen, sehr, sehr zurückhaltend ausfiel, druckte man bei Aufbau schon Buch auf Buch. Der großartige Romanreport „Stalingrad“ Theodor Plieviers gehörte zu den ersten Büchern des Verlages. Und wer heute in den gerade bei Aufbau erschienenen Briefen von Anna Seghers aus jenen Jahren liest, versteht, was es für Autoren bedeutete, nach all den Jahren da draußen von einem Verlag zu wissen, der die Bücher jener Jahre druckte, förderte und forderte. Die Verlagsgeschichte in den Jahren darauf spiegelt die wechselnde Geschichte des Landes, die verschiedenen Phasen zwischen Freiheitsmöglichkeiten und Drangsalierungen. Und es ist auch ein Haus mit Geschichten wie der des Verlegers Walter Janka, der zur Begleichung des Honorars für die Gesamtausgabe der Werke Thomas Manns in einem für den Nobelpreisträger maßgeschneiderten Nerzmantel nach Zürich reiste. Die Rechnung für den Mantel belief sich nach heutigem Wert auf annähernd 100.000 Euro. „Sind Sie auch warm gekleidet?“, hatte Erika Mann Janka vor seiner Abreise am Telefon geheimnisvoll gefragt. Jankas Antwort soll ein frohes „Ja!“ gewesen sein, schrieb Thomas Mann in sein Tagebuch.

Geschichte hilft heute nichts

Auch nach der Wende war der Ruf von Aufbau immer noch so gut, dass zum Beispiel der Sohn des in der DDR verhinderten Schriftstellers Werner Bräunig mit dem väterlichen Manuskript des von der Zensur verhinderten Romans „Rummelplatz“ wie selbstverständlich auf der Leipziger Buchmesse zum Aufbau-Verlag ging. Für ihn war klar, wo dieses Buch erscheinen musste. Es wurde zu einer der erstaunlichsten literarischen Entdeckungen der Nachwendezeit.

Aber Geschichte hilft heute nichts. Der Verlag muss gerettet werden. Anderes zählt jetzt nicht. Der verlegerische Geschäftsführer René Strien hat zwei Tage nach der Flucht des Verlegers einen offenen Brief an Lunkewitz geschrieben, so bitter, verletzt und enttäuscht, wie man wohl nur nach fünfzehn Jahren engster Zusammenarbeit an einem Lebenswerk schreiben kann: „Nein, verkauft haben Sie den Verlag nicht“, schrieb Strien, „Sie haben ihn verraten, genauso wie Sie die übrigen Werte verraten haben, die einmal Ihr Leben ausgemacht haben: Idealismus, Geradlinigkeit, Verlässlichkeit, Ehrlichkeit, Freundschaft.“ Und er nennt Lunkewitz „jemand, der aus nackter Geldgier nicht zögert, das zu zerstören, was ein Stück seiner selbst ist“.

Vor der Rettung

„Ich habe nichts von dem Brief zurückzunehmen“, sagt er jetzt. Wir sind hinübergegangen, an den Besprechungstisch im früheren Lunkewitz-Zimmer. „Kamin-Zimmer sagen wir jetzt“, erklärt später ein Lektor. Es scheint nichts verändert, seit der Verleger ging. Die Lenin-Büste leuchtet noch weiß hinten im Regal, eine SED-Fahne lehnt in der Ecke. Strien will aber nicht mehr über vergangene Lunkewitz-Dinge reden. Es geht jetzt um die Zukunft. Die nächsten drei Monate werden die Gehälter der Mitarbeiter von der Bundesanstalt für Arbeit gezahlt. Drei Monate lang muss der Verlag keine Miete zahlen, das Haus gehört Lunkewitz. Er hat dem Verlag am Tag seiner Flucht den Mietvertrag gekündigt. Doch zu spät. Da war der Insolvenzantrag schon gestellt, die Kündigung trat nicht in Kraft. „Sonderbar, obwohl er doch schon jeden Morgen vor dem Aufstehen mit seinem Rechtsberater spricht“, sagt eine Mitarbeiterin.

Strien versucht Zuversicht auszustrahlen. Man sieht ihm an, dass er die letzten Nächte kaum geschlafen hat. Ihm waren die Feinheiten des Insolvenzrechts bislang auch nicht bekannt, die Nachricht traf auch ihn wie aus dem Nichts. Doch der Insolvenzverwalter sieht gute Chancen auf eine Rettung des Unternehmens. Er glaubt auch nicht daran, dass Lunkewitz mit seiner Version durchkommt, er allein besitze alle Autorenrechte und das Namensrecht an dem Verlag, das Haus aber, die Mitarbeiter, das alles sei nur die Chimäre, die einst die Treuhand verkauft habe, ohne sie zu besitzen. „Es gibt nur diesen einen Verlag“, sagt Strien. Verhandlungen mit neuen Partnern liefen bereits an, und sie liefen gut, sagt er, und sein Optimismus wirkt echt oder sehr, sehr gut gespielt. Vor einem Jahr hatte es schon Verhandlungen mit potentiellen Partnern gegeben, einige der Verhandlungen seien damals „auch an der Person des Verlegers gescheitert“. Und diese Verhandlungen könne man nun wieder aufnehmen oder habe man zum Teil sogar schon wieder aufgenommen. „Insofern hat die Krise auch etwas Gutes“, sagt er.

Keiner setzt auf Lunkewitz

Die Solidarität der Branche sei gigantisch, sagt Strien, und das sagen auch alle anderen Mitarbeiter. Viele Autoren, nicht nur die des eigenen Hauses, haben aufmunternde Briefe geschrieben. Und die eigenen Autoren? Für die war der Schreck des letzten Freitags natürlich auch riesig. Gabriele Wohmann, deren neuer Erzählungsband in diesem Herbst erscheinen wird, sagt am Telefon: „Ich war schockiert und dachte, alles, alles, alles vorbei!“ Und wie erleichtert war sie, als sie hörte, dass zumindest das Herbstprogramm auf jeden Fall gesichert sei, und wenn es weitergeht, will sie unbedingt bei Aufbau bleiben. Die jüngere Aufbau-Autorin Tanja Dückers ist sich nicht ganz so sicher. „Ich persönlich werde nur beim Aufbau-Verlag bleiben, wenn ich davon ausgehen kann, dass meine Bücher dort auch wirklich erscheinen (und auch bezahlt werden) können. Insofern prüfe ich natürlich eingegangene Angebote.“ Aber sie sagt auch: „Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich von Herrn Lunkewitz nichts halte - dafür aber meine Lektorin Angela Drescher sehr schätze und mag.“ Und dass sie sich aufgrund der Geschichte und des gesamtdeutschen Programms bewusst für den Aufbau-Verlag entschieden habe und gerne bleiben würde.

Im Moment scheint der einzige Mensch, der überhaupt noch gute Worte für Bernd Lunkewitz findet, der lebenslange Aufbau-Autor und letzte Vorsitzende des DDR-Schriftstellerverbandes Hermann Kant zu sein (siehe Hermann Kant über Bernd Lunkewitz). Doch da ist selbst Kant skeptisch, ob das dem flüchtigen Millionär so richtig nützen wird.

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Jahrgang 1969, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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