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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Im Gespräch: Exilautor Atiq Rahimi Afghanistan ist wie „Star Wars“

 ·  Ein Land unter dauernder Spannung: Der Schriftsteller Atiq Rahimi erzählt vom intellektuellen Leben am Hindukusch. Für Schuld und Sühne muss immer das Kollektiv herhalten.

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© Helmut Fricke Er will reisen und Wein trinken: Atiq Rahimi in Frankfurt

Herr Rahimi, Sie sind eine der wenigen literarischen Stimmen Afghanistans. Muss man Ihre Bücher lesen, um den Konflikt dort zu verstehen?

Da ich das Land als Zwanzigjähriger verlassen habe und seitdem in Frankreich lebe, bin ich kein typischer Afghane. Was ich schreibe, ist keine universelle, sondern meine persönliche Wahrheit.

Fahren Sie oft dorthin?

Seit 2002 regelmäßig, im November war ich zuletzt da.

Wie ist Afghanistan denn? Die Bundeswehr ist dort im Einsatz, aber eine klare Vorstellung vom Land haben die meisten Deutschen, und da schließe ich mich ein, trotzdem nicht.

Afghanistan ist schon wegen seiner Lage sehr besonders. Es liegt am Ende der Welt, wie der Westen sie sich vorstellen kann: Weder die jüdische noch die christliche Kultur sind weiter gekommen als bis dorthin. Nach Afghanistan hört alles auf, da haben andere Religionen das Sagen. Afghanistan liegt also auf der Grenze zu etwas, aber auch zwischen etwas. Das schafft ein Volk mit seinem sehr speziellen Charakter. Das Land ist immer unter Spannung. Zudem haben sich alle Völker und Eroberer, die durch Afghanistan gereist sind, auch eine Weile dort aufgehalten.

Dafür muss es einen Grund geben. Die Schönheit des Landes?

Na ja, wer es so weit geschafft hat, ist vielleicht müde und hat nicht unbedingt Lust, noch weiterzuziehen. Aber schön ist es dort schon. Malraux hat einmal Afghanistan besucht. Als er ankam, soll er gesagt haben: „Bin ich jetzt am Anfang oder am Ende der Welt?“ Für mich ist Afghanistan wie „Star Wars“.

Wieso denn das?

Wegen dieser Kargheit und Leere, der Menschen mit ihren archaisch anmutenden Gewändern. Gleichzeitig gibt es dort die modernsten Waffen der Welt, deren ordentliche Handhabe man ja vielen Gestalten bei „Star Wars“ auch nicht unbedingt zutrauen würde.

Bei „Star Wars“ ist die Anzahl der Uniformen übersichtlich. Für Afghanistan kann man das nicht gerade behaupten. Unterscheiden die Menschen dort überhaupt noch zwischen den verschiedenen ausländischen Streitkräften?

Die Taliban natürlich nicht, aber die sind für mich auch keine Afghanen mehr. Die wurden in irgendwelchen Camps in Pakistan sozialisiert und haben eher eine pakistanische oder arabische Kultur. Die wirklichen Afghanen unterscheiden schon. Die französischen Soldaten sind beliebt. Auch die deutschen, denn sie bilden die Polizei aus. Das Verhältnis zu den Amerikanern ist dagegen sehr schwierig.

Warum?

Na, man hat doch gesehen, wie rücksichtslos sie sich verhalten!

Eine weitere Parallele zu „Star Wars“ wären die vielen Clans, Ethnien und deren Bündnisse. In beiden Fällen blicken da nur echte Experten durch.

George Lucas, der Regisseur, muss irgendwann durch Afghanistan gereist sein. Total verrückt!

Rassul, der Protagonist Ihres jetzt auf Deutsch erschienenen Romans „Verflucht sei Dostojewski“, sperrt sich dagegen, sich mit einer politischen Richtung, Religion oder Ethnie zu identifizieren. Aber offenbar scheint es in Afghanistan sehr wichtig zu sein, zu etwas zu gehören.

Das ganze gesellschaftliche System beruht auf dieser Prämisse. Man gehört einer Familie an, einem Clan, einer Ethnie, einer Religion. Nur so kann man sich beschützt fühlen.

Was macht das mit den Menschen?

Das Individuum verliert seinen Wert. Das Ich existiert nicht, nur das Dasein im Kollektiv zählt.

Rassul bringt eine Frau um und will eine gerechte Strafe, um sich von seinen Seelenqualen zu befreien. Doch niemand vermisst die Tote oder interessiert sich für den Mord. Am Ende wird er zwar bestraft, aber nur weil sein Vater Kommunist gewesen ist. Passiert so etwas tatsächlich in Afghanistan?

Ersteres eher nicht, Letzteres schon. Entscheidend ist nicht das Handeln des Einzelnen, sondern der Familie. War der Vater Kommunist, büßen die Kinder dafür.

Ihr Buch spielt während des Bürgerkriegs Ende der achtziger Jahre. Das Land hat sich verändert.

Damals war es natürlich extrem, so wie überall auf der Welt, wo Bürgerkrieg ist. Eines aber hat sich bis heute nicht verändert: Getötet wird in Afghanistan im Namen von etwas - im Namen Allahs, des Vaterlandes, der Ethnie, der Familie. Es gibt immer etwas Übergeordnetes als Rechtfertigung.

Was ist mit dem persönlichen Rechtsempfinden?

Vergessen Sie’s, es existiert nicht mehr, auch der Sinn für Verantwortung und Schuld ist verlorengegangen. Vor allem der für Schuld! Wenn der Einzelne sein Handeln in Frage stellt und sich eingesteht, Schuld auf sich genommen zu haben, dann ist das etwas sehr Individuelles. Doch was ist, wenn man sich seiner Individualität gar nicht mehr bewusst ist? Man macht ein Kollektiv für alles verantwortlich. Die Kriegsherren sagen, der ganze Schlamassel sei die Schuld der Amerikaner, Pakistaner, Saudis oder von Al Qaida. Hinzu kommt die Religion: Ein Muslim ist per se nicht schuldig, außer er wendet sich gegen seine Religion.

Was ist mit Mitgefühl?

Das gibt es natürlich, das sind ja menschliche Wesen! Obwohl, lassen Sie mich überlegen: Innerhalb der eigenen Familie oder Ethnie begegnet man Mitgefühl. Handelt es sich um einen Außenstehenden, wird’s schwierig. Das Gesellschaftssystem, die Religion und der jahrelange Krieg haben aus den Menschen Monster gemacht.

Freundschaft?

Innerhalb der eigenen Ethnie ja, ansonsten weniger als früher. Vor dem Krieg waren die Afghanen ein sehr gastfreundliches Volk. Heute traut man Fremden nicht mehr.

Sie schreiben, dass Verrat in der afghanischen Gesellschaft schwerwiegender sei als ein Verbrechen wie Vergewaltigung oder Mord.

Ist leider so.

Warum gehen Sie nicht nach Afghanistan zurück? Sie könnten helfen, dass sich die Dinge wieder ändern.

Das würde nicht funktionieren, die afghanische Gesellschaft ist nichts für mich.

Warum nicht?

Ich will Wein trinken, reisen, alles machen, worauf ich Lust habe. In Afghanistan wären mich meine Bücher teuer zu stehen gekommen.

Ihre Bücher erzählen von Menschen, die der Krieg übriggelassen hat und die nun mit all den Bildern im Kopf weiterleben müssen. Sie schaffen es, und immer helfen Kunst und Kultur dabei.

Man kann die wirtschaftlichen und politischen Lebensumstände der Menschen zum Besseren wenden. Aber wenn sich nicht ihr Bewusstsein ändert, werden sie zum Alten zurückkehren. Nur die Kunst ermöglicht uns, auf Distanz zu unserem Handeln zu gehen. In Afghanistan machen das nur die Frauen.

Also die im Land mit den wenigsten Rechten. Was ist mit den Männern?

Fehlanzeige.

Und die Intellektuellen?

Eher auch nicht (lacht). Den Menschen fehlt das passende Werkzeug dazu.

Welches könnte das sein?

Bildung. Kulturelle Bildung, bloß keine religiöse mehr.

Sie haben also noch Hoffnung für Ihr Land?

Hören Sie, in der Welt hat es immer Höhen und Tiefen gegeben.

Gibt es in Kabul überhaupt ein intellektuelles Leben?

Es gibt das Goethe-Institut und das Institut Français, da finden Lesungen, Theater, Konzerte statt. Und es gibt das Haus des Schriftstellers, das ich vor Jahren gegründet habe, inzwischen hat es der norwegische PEN-Club übernommen.

Sie haben gerade nur ausländische Initiativen aufgezählt. Gibt es nichts Afghanisches?

Eher im Privaten. Viele Frauen organisieren sich in Lesezirkeln.

Was ist mit Kino?

Gibt es. Und sechsundzwanzig Fernsehkanäle, das ist doch irre für dieses Land!

Angenommen, Sie haben mit Ihrer These von der Bedeutung der Kultur recht, dann hätte die ausländische Intervention in Afghanistan ja den völlig falschen Ansatz. Deren Schwerpunkt liegt nicht auf dem Aufbau von Theatern, sondern eindeutig auf dem Militärischen.

Das ist ja auch falsch! Wäre das viele Geld, das für die militärischen Aktionen ausgegeben wurde, nur zu einem Bruchteil in den Wiederaufbau des kulturellen Lebens geflossen, dann wäre Afghanistan heute an einem anderen Punkt. Durch den Krieg haben die Menschen ihre Identität verloren, auch ihr Selbstvertrauen ist futsch. Sie wissen nicht mehr, welche Kultur die ihre ist, sie suchen danach. Es ist ungeheuer wichtig, dass die Richtigen sie dabei unterstützen. Die Afghanen müssen wieder verstehen, welch großer Reichtum in ihrer Kultur liegt. Sie müssen lernen, wieder stolz auf ihr Land zu sein.

Das Interview führte Karen Krüger

Atiq Rahimi: „Verflucht sei Dostojewski“. Roman. Aus dem Französischen von Lis Künzli. Ullstein, 288 Seiten, 19,99 Euro

Quelle: F.A.S.
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