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Exilanten-Epos „Americanah“ : Dieser Roman markiert eine Zäsur

Chimamanda Ngozi Adichie, die 1977 in Nigeria geboren wurde, war neunzehn, als sie nach Amerika kam. Bild: Frantzesco Kangaris /eyevine

„Americanah“ von Chimamanda Ngozi Adichie ist Exilanten-Epos, romantische Liebesgeschichte und der Roman einer afrikanischen Familie in zwei Welten. Vor allem aber ist „Americanah“ ein wichtiges Buch über den Rassismus von heute.

          Wenn ein afrikanischer Geschäftsmann in seinem Heimatland einen Weißen als Strohmann anheuert, weil es auch Jahrzehnte nach dem Ende der Kolonialzeit noch immer Situationen gibt, in denen es hilfreich ist, einen Weißen vorzuschicken, handelt es sich dann um eine Form von Rassismus? Falls ja, um was für eine Form von Rassismus? Wer von beiden ist der Unterdrückte, wer der Ausbeuter? Oder liegt hier ein mehr oder weniger normales Arbeitsverhältnis in unseren postkolonialen Zeiten vor, auch nicht so viel anders als die befristete Festanstellung, die korrupte afrikanische Generäle ihren Geliebten anbieten, als handele es sich um eine Zweitehe auf Zeit?

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          „Americanah“, der Roman, der diese und viele andere Fragen aufwirft, spielt in Nigeria, England und den Vereinigten Staaten. Er ist ein wuchtiges Exilanten-Epos, die romantische Liebesgeschichte der nigerianischen Königskinder Ifemelu und Obinze, und der Roman einer afrikanischen Familie, die in zwei Welten lebt. Vor allem aber ist „Americanah“ ein Roman über etwas, das es nach Meinung der meisten Menschen nicht mehr geben darf: Rassismus. Wie schreibt man einen Roman über etwas, das es nicht geben darf? Geht das überhaupt?

          Auch dies ist eine der Fragen, die Chimamanda Ngozi Adichie in ihrem dritten Roman verhandelt. Sie lässt sie sogar von ihren Figuren diskutieren. Zwei Drittel des Buches sind vorüber, Ifemelu lebt mit ihrem Freund, dem afro-amerikanischen Universitätsdozenten Blaine, an der amerikanischen Ostküste, den Kontakt zu Obinze, der sich als illegaler Immigrant in London durchschlagen muss, bevor er in Nigeria zum erfolgreichen Geschäftsmann wird, hat sie abgebrochen. Jetzt spielt die Szene in einem bunt gemischten Intellektuellenzirkel am Vorabend von Barack Obamas Wahl zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten, dem ersten mit schwarzer Hautfarbe.

          „In diesem Land kann man keinen ehrlichen Roman über Rasse schreiben“, sagt Blaines Schwester Shan. „Wenn man darüber schreibt, welche Bedeutung Rasse wirklich für die Leute hat, dann ist es zu augenfällig...Wenn du also über Rasse schreiben willst, dann sorg dafür, dass es lyrisch und feinsinnig ist, damit der Leser, der nicht zwischen den Zeilen liest, gar nicht merkt, dass es um Rasse geht. Ihr wisst schon, so was wie eine Proust’sche Meditation, wässrig und flauschig, und wenn man sie gelesen hat, fühlt man sich auch wässrig und flauschig.“

          Eine neue Generation afrikanischstämmiger Autoren

          Den Roman über Rasse, den die Sachbuchautorin Shan und die Bloggerin Ifemelu nicht schreiben, hat Adichie geschrieben. „Americanah“, so werden in Nigeria die Rückkehrer aus den Vereinigten Staaten genannt, ist ein wichtiges Buch, weil darin eine neue literarische Kraftquelle deutlicher als zuvor erkennbar wird: der Überdruss, den Anti-Diskriminierungsdiskurse und politische Korrektheit auch bei denen hervorgerufen haben, zu deren Schutz sie ursprünglich dienen sollten. Damit markiert „Americanah“ eine Zäsur.

          Chimamanda Ngozie Adichie, Taiye Selasi, Teju Cole, das sind nur einige Namen, die für eine neue Generation junger amerikanischer Autoren mit afrikanischen Wurzeln stehen, die den Prozess der Assimilation unter den Bedingungen der Globalisierung neu definieren wollen. Anders als die Immigranten früherer Zeit, haben sie die Verbindung zu ihrer alten Heimat nie gekappt. Ihre Bücher spielen eben nicht nur in Amerika, sondern zugleich auch in Ghana wie bei Selasi oder in Nigeria, wo Adichie 1977 geboren wurde. Dabei werden die alte und die neue Heimat nicht gegeneinander ausgespielt, sondern die Autoren versuchen vom doppelten fremden Blick zu profitieren. So kommt die junge Ifemelu naiv und voller Illusionen nach Amerika und blickt dreizehn Jahre später, als sie als erfolgreiche, aber entwurzelte Bloggerin nach Lagos zurückkehrt, mit anderen Augen auf die alte Heimat.

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