02.09.2010 · Seine zwölf entscheidenden Gerichte, eine komplette Sammlung von Fotografien sämtlicher Kreationen seit 1987, eine Diskussion seines Menüs: „Food for Thought“ trägt Wissenswertes rund um den Auftritt Ferran Adriàs bei der Documenta 2007 zusammen.
Von Jürgen DollaseDieses für Freunde der Avantgarde äußerst empfehlenswerte Buch fasst die Ereignisse und Fakten rund um den Auftritt des spanischen Groß-Kreativen Ferran Adrià bei der Documenta in Kassel im Jahre 2007 zusammen. Als einer der Herausgeber firmiert der legendäre Pop-Art-Erfinder Richard Hamilton, der sich als Dauergast in Adriàs Restaurant „El Bulli“ in Roses bezeichnet. Zur Erinnerung hier noch einmal einige Details von Adriàs Mitwirken. Die Überlegungen, wie man einen Koch in die Documenta einbinden könnte, reichten von rein theoretischen Präsentationen über eine kulinarische Hommage bis zu irgendeiner Form von Probiermöglichkeit der Adrià-Originale. Sie wurden letztlich verworfen, weil man keine Möglichkeit sah, für die zu erwartenden Besuchermassen repräsentative Kostproben anzubieten. Die Lösung war: Adrià ernannte das „El Bulli“ zu einer Außenstelle der Documenta und reservierte für die Dauer der Ausstellung jeden Abend einen Tisch für mehr Documenta-Gäste.
Das Buch überzeugt zunächst als sehr informative Materialsammlung, die Josep Maria Pinto zu verdanken ist. Er ist das theoretische Hirn hinter Ferran Adrià und arbeitet in Adriàs Atelier in Barcelona, in einem mit Schautafeln und Grafiken vollgestellten Raum namens „Kapelle“. Gleich zu Beginn gibt es eine komplette Sammlung von Fotografien sämtlicher Adrià-Kreationen von 1987 bis heute. Selbst Nicht-Köche werden hier sofort erkennen, welche große Strecke der Meister in den letzten zwanzig Jahren zurückgelegt hat. Auf das Menü der Documenta (mit größeren Abbildungen) folgt ein sehr differenziertes Strukturmodell der Entwicklung der Kochkunst aus der Feder von Pinto, das in seiner Detailverliebtheit leider einen heutigen Stand zu fixieren droht. Mehr Distanz zur Aktualität wäre möglich.
Die Kochkunst ist Kunst - aus eigener Kraft
Hochinteressant ist die Auflistung von „12 entscheidenden Gerichten“ wie dem „ersten Schaum“, einem „Schaum aus weißen Bohnen mit Seeigeln“ aus dem Jahre 1994 oder dem ersten Gemüse-Mix in Texturen, ebenfalls von 1994. Den Abschluss bilden eine Chronologie der Arbeit Adriàs und - analog zum Beginn - ein schriftliches Werkverzeichnis.
Dazwischen liegen allerlei Texte von Künstlern, von allen möglichen Gästen, die das Documenta-Menü gegessen haben, und eine ausführliche Wiedergabe von Diskussionen einer speziellen Runde, die gemeinsam dieses Menü gegessen hat. Zu den Teilnehmern gehörten der britische Avantgarde-Koch Heston Blumenthal, der Erfolgsautor Bill Buford („Hitze“), die Kunstkritiker Adrian Searle und Jerry Saltz und die Künstler Anya Gallaccio, Peter Kubelka und Carsten Höller.
Eine neue, sehr gehobene Version des Vergnügens
Bestimmt sind Texte wie Diskussionsbeiträge von der typischen Struktur früher Ausführungen zu einem neuen Thema und von der Art, wie viele Künstler denken: Sie sind assoziativ und diskursiv, liefern viele interessante Ideen, aber es fehlt oft an Struktur und/oder den Kenntnissen, die man braucht, um substantielle Zusammenhänge zu begreifen. Zitat: „Ich zeigte wirklich eine körperliche Reaktion auf das Essen, das mit keiner Speise, die ich zuvor gegessen hatte, vergleichbar war. Es stimmte mich auf eine ganz besondere Weise glücklich - daher kann man das Erlebnis im El Bulli beinahe mit einem Vergnügungspark vergleichen. Es handelt sich um eine neue, sehr gehobene Version des Vergnügens.“
Es geht - natürlich - oft um die Frage, ob das Kochen in dieser Form Kunst sei. In diesem Punkt denken viele Teilnehmer sehr eng und nur aus ihrer Position. Es fehlen einfach seriöse Nicht-Künstler unter den Teilnehmern, die eine andere Sicht auf die Dinge haben. Das Problem existiert eigentlich nicht in der genannten Form. Es geht nicht darum, ob sich die Kochkunst neben die Bildende Kunst stellen kann. Die Kochkunst ist Kunst, aber aus eigener Kraft und nicht im Schlepptau der anderen Künste. Und sie hat sehr wohl einige Dinge zu bieten, die die „alten“ Künste in ihrer bisweilen großen Distanz zum täglichen Leben eher selten zu bieten haben. Wie dem auch sei, das Buch liefert hervorragendes Material und dokumentiert eine ausgesprochen spannende und wichtige Epoche.