Johannes King kocht im Hotel „Söl’ring Hof“ in Rantum auf Sylt und ist einer von drei Zwei-Sterne-Köchen der Insel. Das Hotel liegt in den Dünen nah am Strand und in einer touristischen Umgebung der Sylter Art: Die Häuser in der Nähe sind zum größten Teil reetgedeckt, teils bewohnt, teils als Ferienwohnungen vermietet. In dieser Umgebung blühte lange Jahre eine Kochkunst von gehobener Qualität, die aber stilistisch stark von einem kommerziellen Mainstream geprägt war. Ecken, Kanten, Regionalia oder gar Avantgarde gab es hier selten. Dieses Bild ändert sich seit einiger Zeit, weil man offensichtlich erkannt hat, dass die sensibilisierten Feinschmecker bereit für die nächste Stufe sind, und die hat ganz eindeutig etwas mit Profil und Individualität zu tun.
Eine wichtige Rolle spielt dabei die Nova Regio–Küche, also eine Hinwendung zu regionalen Ressourcen unter modernen sensorischen und ästhetischen Aspekten, die mit der oft banalisierten „traditionellen“ Regionalküche wenig zu tun hat. Und da zeigt sich auf einmal Erstaunliches. Köche wie Johannes King scheinen regelrecht aufzublühen, kochen ideenreich und mit viel Gefühl für die neuen Zusammenhänge. Der fast 50 Jahre alte King besitzt mittlerweile einen Bauernhof und ein Fischerboot und scheint die ganze Sache aus einem völlig anderen Blickwinkel zu sehen.
Pilzpulver als Katalysator
Sein neues Buch beeindruckt erst einmal durch seine Gestaltung (die Fotos hat Luzia Ellert gemacht). Auf mattem Papier (wie es heute als Zeichen für Ursprüngliches oder Ländliches gerne eingesetzt wird) entwickelt sich ein Bild von Sylt als Naturparadies, dem oft eher widrige Witterungsverhältnisse einen Hauch von Ferne und Unberührtheit verleihen. Die Food-Fotografie passt dazu, und so bekommt der Leser ein prächtiges Buch – wenn auch eben aus einem ziemlich selektiven Blickwinkel. Zur Prächtigkeit passt allerdings auch weitgehend der kulinarische Inhalt. Schon der „Krabbensalat mit Pumpernickel und Blumenkohl“ zu Beginn ist ein wunderbar vielfältiges, törtchenähnliches Gebilde mit den drei Elementen in unterschiedlichen Aggregatzuständen. Und wenn weniger später die „Salzkartoffel und Morsumer Gartenspargel mit Ziegenbutterhollandaise“ erscheint, wird klar, dass King mit den besten seiner Rezepte eine beeindruckende Brücke zwischen Bio-Küche, Regionalität, Naturnähe und Spitzenküche schlägt. Der „Sylter Strandsalat“ etwa besteht aus einer Basis von Brunnenkressepüree, dazu Muscheln, Austern, Wattschnecken, Muschelgelee, eine Muschelvinaigrette und eine Reihe von Kräutern. Als „Tipp“ gibt der Meister übrigens an, das Gericht auf kalten Tellern anzurichten, weil das den jodigen Geschmack unterstreiche. So etwas dürfte zwar mehr über den assoziativen Hintergrund wirken, ist aber durchaus ein sensorisch sinnvoller Hinweis.
Kochtechnisch merkt man natürlich den klassischen Hintergrund, was zu manchmal eher aufwendigen, aber gut zu realisierenden und – mit etwas Phantasie – auch gut in andere Regionen zu transferierenden Resultaten führt. Da sind zum Beispiel der „Geeiste Portwein-Melissen-Schaum mit Stachelbeeren und kandierten Borretsch-Blüten“, ein wunderbar präsentierter „Wintergemüsesalat mit gebratener Rotzunge“, bei dem Pilzpulver als Katalysator für die verschiedenen Gemüse wirkt, die „Sautierte Kalbsniere auf schwarzem Rettich, Teltower Rübchen und grobem Senf“ oder ein originelles „Rote Bete-Sorbet mit Sauerrahm und Malzzuckerpüree“. Die Trennschärfe zu eher konventionellen Zubereitungen ist allerdings nicht immer gleich hoch. Manchmal täuscht die durchgehend überzeugende Optik ein wenig über die Substanz der Zubereitungen. Gerichte wie der Rehrücken mit Kirschen, Mandelpüree und gebratenem Rettich oder auch die „Meeresfrüchteravioli mit Strandportulak und Kammuscheln“ gehören – trotz scheinbar neuerer Akkorde – doch eher in den konventionellen Bereich. Ein schönes Buch, das man sich nach ähnlichem Konzept auch einmal von Köchen in anderen Regionen wünschen würde.
Johannes King: „Das Kochbuch von Land und Meer“. Collection Rolf Heyne, München 2012. 336 S., geb., 49,90 Euro
Dieses Buch erhält zwei F.A.Z.-Sterne.
Kriterien für die Vergabe von F.A.Z.-Sternen für kulinarische Bücher:
Einen F.A.Z.-Stern erhält ein kulinarisches Werk, dessen Veröffentlichung sinnvoll ist und das einen klar erkennbaren, positiven Beitrag zur Entwicklung, Weitergabe, Erforschung oder Dokumentation der Kochkunst leistet. Durch seine Individualität oder seine spezifischen Schwerpunkte schließt das Buch eine Informationslücke oder erhebt sich mit der handwerklichen, ästhetischen oder wissenschaftlichen Qualität seines Inhaltes deutlich über die üblichen Standards.
Im Falle eines Kochbuches im engeren Sinne müssen die Rezepturen und ihre Erläuterungen guten professionellen Standards genügen und erkennbar das Bemühen zeigen, Nachkochbarkeit zu erreichen. Standardisierte oder unpräzise Angaben sind nur dann akzeptabel, wenn sie durch andere Qualitäten wie etwa Originalität aufgewogen werden.
Zwei F.A.Z.-Sterne erhält ein kulinarisches Werk, das über die Qualitäten eines mit einem Stern bewerteten Buches hinaus einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der Kochkunst leistet oder in seiner didaktischen Anlage hervorragend geeignet ist, vertiefende praktische Kenntnisse zu vermitteln - oder einen wesentlichen Beitrag zur Theorie des Faches leistet.
Es ist in dieser Kategorie wichtig, dass die Autoren erkennbar größere Zusammenhänge begreifen oder einen außergewöhnlich interessanten Beitrag zu Einzelaspekten leisten.
Drei F.A.Z.-Sterne erhält ein kulinarisches Werk von überragender Qualität, das zu den besten Büchern der letzten Jahre zählt und in jede gute kulinarische Bibliothek gehört. Das Buch muss in wesentlichen Teilen neue Inspirationen vermitteln, in hohem Maße originell sein, oder in besonders hohem Maße wesentliche Zusammenhänge erschließen.
Keinen Stern bekommen Bücher, die sich inhaltlich nicht oder nur unwesentlich von vielen vergleichbaren Büchern unterscheiden und/oder bei denen man den Eindruck gewinnt, es handele sich vorwiegend um Veröffentlichungen, die nicht primär an der Qualität des Buches und aam Fortschritt der Kochkunst orientiert sind. Dazu gehören zum Beispiel viele ausschließlich kommerziell orientierte Produkte zur Vermarktung von Prominenten aller Art, aber auch letztlich austauschbare Bücher bekannter und guter Köche, bei denen ein individuelles Profil nicht zu erkennen ist.