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Kochbuchkolumne „Esspapier“ Love Me Tender

 ·  Was haben erotische Fotos in Kochbüchern zu suchen? Vordergründig nichts. Auf einen zweiten Blick aber können sie zeigen, was für eine sinnliche Angelegenheit das Essen ist.

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Der italienische Autor von „Erotic Food & Pictures“ hält sich nicht mit langen Präliminarien auf und legt nach einem extrem kurzen Vorwort gleich los. Im Prinzip ist dieses Buch aufgebaut wie ein klassisches Kochbuch. Auf den Seiten rechts steht der Rezepttext und links statt des Bildes von einem angerichteten Teller ein Aktfoto. Wo also sonst ein schön angerichtetes und fotografiertes Gericht im günstigen Falle die geschmackliche Phantasie anregt, geht es hier um eine Art retro-mentalen Akkord. Rezept und Bild verbinden sich durchaus. Aber zu was?

Der Autor ist gelernter Koch und begeisterter Fotograf und nennt sich zudem „gastronomischer Forscher“. Er hat sich auf eine Weltreise gemacht, Rezepte diverser Länder auf der Basis der italienischen Küche interpretiert und ihnen jeweils ein Aktfoto von überwiegend weiblichen Amateurmodellen zugeordnet. Zu essen gibt es zum Beispiel „Lammspießchen in Negroamaro-Wein-Sauce“, „Krokodilsuppe mit Longans nach Art der Aborigines“, “Gebackenes Hähnchen mit gebratenen Kartoffeln auf englische Art“ oder „Tzatziki mit chinesischem Schnittlauch“. Die Qualität der Rezepte hält sich in Grenzen. Sie sind – trotz manchmal exotischer Zutaten – dem internationalen Mainstream nahe und insofern auch nicht schwierig nachzukochen.

Im Auge des Betrachters

Beim Durchblättern des Buches wird der Blick ohnehin erst einmal auf die Bilder fallen. Die nun haben ihre Besonderheiten. Einmal erinnern sie – vor allem durch die Beleuchtung - in der Inszenierung an italienische Aktfotos aus den fünfziger oder sechziger Jahren. Dann zahlt sich durchaus positiv aus, dass die Modelle Amateure sind. Die Körper sind nicht unbedingt die von Models, aber die Bilder entwickeln in den meisten Fällen eine Ausstrahlung, die – manchmal wegen einer gewissen Privatheit, manchmal wegen der Verwendung der im Rezept eine Rolle spielenden Realien – einen Zusammenhang zwischen Erotik und Essen herstellen kann. Arg plakative Missgriffe wie die üppige, in Stroh drapierte südländische Schönheit zu „Heu-und-Stroh-Tagliatelle mit weißem Spargel“ sind da eher die Ausnahme. Vielleicht muss man bei diesem Buch an eine bestimmte Zielgruppe denken. Der Autor, Jahrgang 1959, hat offensichtlich eher traditionelle ästhetische Vorstellungen, die den moderneren Formen der Fotokunst nicht nahestehen. Die Wirkung des Buches wird also ganz wesentlich im Auge des Betrachters liegen.

In diesem Zusammenhang kann man aber auf ein subtiler angelegtes Werk des französischen Spitzenkochs Guy Martin vom „Le Grand Véfour“ in Paris verweisen, das als Titel den Namen seines Pariser Zweitrestaurants „Sensing“ trägt. Auch in diesem Buch gibt es – neben Abbildungen der Gerichte - erotische Fotos, und zwar solche der aufwendigeren Art. Sie funktionieren allerdings etwas anders, weil auch das Konzept des Buches deutlich anders ist. Martin geht vom Essen aus und verknüpft die Sensorik des Essens mit einer ästhetisierten erotischen Sensorik. Zur Erläuterung des Wortes „Le Mousseux“ etwa zeigt er das Gesicht einer jungen Frau, die auf ein Gebilde aus Schaum in ihrer Hand blickt. Oder: bei „Chaud-Froid“ sehen wir ein Gesicht mit Lippen und Wimpern, an denen Eiskristalle haften.

Solche Bilder, die Erläuterungen und die Rezepte transportieren eine interessante Information, die da lautet: Essen ist ein hochgradig sinnliches, sehr ästhetisches Vergnügen, und diese Sinnlichkeit verknüpft das, was uns unsere Sinne an Informationen liefern mit dem, was unser Kopf an Sinnlichkeit im weitesten Sinne erlebt. Das wiederum bedeutet auch noch etwas anderes: Esser, die nur vordergründige Redundanzen suchen, gehen unsinnlich an die Sache heran, also vielleicht wie Menschen, die auch in anderen ästhetischen Bereichen eine banale, eher funktionalistische Sehweise nicht überwinden können. Beide Bücher beleuchten den Aspekt, das von Stephen Cirillo eher konventionell, das von Guy Martin zumindest aus einem recht subtilen Blickwinkel.

null Sterne

„Erotic Food & Pictures“ von Stephen Cirillo erhält keinen F.A.Z.-Stern.

1 Stern

„Sensing“ von Guy Martin erhält einen F.A.Z.-Stern.

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Kriterien für die Vergabe von F.A.Z.-Sternen für kulinarische Bücher:
 

3 Sterne

Drei F.A.Z.-Sterne erhält ein kulinarisches Werk von überragender Qualität, das zu den besten Büchern der letzten Jahre zählt und in jede gute kulinarische Bibliothek gehört. Das Buch muss in wesentlichen Teilen neue Inspirationen vermitteln, in hohem Maße originell sein, oder in besonders hohem Maße wesentliche Zusammenhänge erschließen.
 

2 Sterne

Zwei F.A.Z.-Sterne erhält ein kulinarisches Werk, das über die Qualitäten eines mit einem Stern bewerteten Buches hinaus einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der Kochkunst leistet oder in seiner didaktischen Anlage hervorragend geeignet ist, vertiefende praktische Kenntnisse zu vermitteln - oder einen wesentlichen Beitrag zur Theorie des Faches leistet. Es ist in dieser Kategorie wichtig, dass die Autoren erkennbar größere Zusammenhänge begreifen oder einen außergewöhnlich interessanten Beitrag zu Einzelaspekten leisten.
 

1 Stern

Einen F.A.Z.-Stern erhält ein kulinarisches Werk, dessen Veröffentlichung sinnvoll ist und das einen klar erkennbaren, positiven Beitrag zur Entwicklung, Weitergabe, Erforschung oder Dokumentation der Kochkunst leistet. Durch seine Individualität oder seine spezifischen Schwerpunkte schließt das Buch eine Informationslücke oder erhebt sich mit der handwerklichen, ästhetischen oder wissenschaftlichen Qualität seines Inhaltes deutlich über die üblichen Standards. Im Falle eines Kochbuches im engeren Sinne müssen die Rezepturen und ihre Erläuterungen guten professionellen Standards genügen und erkennbar das Bemühen zeigen, Nachkochbarkeit zu erreichen. Standardisierte oder unpräzise Angaben sind nur dann akzeptabel, wenn sie durch andere Qualitäten wie etwa Originalität aufgewogen werden.

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