Home
http://www.faz.net/-grc-72zv6
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Kochbuchkolumne „Esspapier“ Gesalzen & gepfeffert

Die Zeitschrift „essen & trinken“ feiert ihr vierzigjähriges Bestehen mit einem Sonderheft. Es ist das Dokument der gescheiterten Ambitionen und des gepflegten Mittelmaßes.

© Verlag Vergrößern

Zur Feier von „40 Jahren Genuss“ hat das Magazin „essen & trinken“, „Deutschlands größtes Food-Magazin“, so der Untertitel, ein umfangreiches Jubiläumsheft herausgebracht. Es manifestiert deutlich, wohin sich die Zeitschrift im Laufe der Jahre entwickelt hat, und wie ausschließlich man sich inhaltlich auf die einmal gefundene Zielgruppe konzentriert. „In einer Sache sind wir uns treu geblieben“, schreibt der Chefredakteur im Vorwort, „Sie mit köstlichen, raffinierten und immer einzigartigen Rezepten zu inspirieren“. Das ist natürlich heillos übertrieben bis anmaßend und erinnert an die Arbeit vieler Fernsehköche, die ihren Zuschauern pausenlos suggerieren, ihr handwerklich wie kreatives Mittelmaß hätte etwas mit dem zu tun, was die Kochkunst längst leisten kann.

Und so gewinnt man schnell den Eindruck, dass sich bei „essen & trinken“ jahrelang alles im Kreise dreht und man jeden Hauch von Frischluft vermeidet, weil das ja die Kundschaft irritieren könnte. Deutlich wird das übrigens auch im Layout, das irgendwo in den sienziger oder achtziger Jahren stecken geblieben ist. Dass man sich eine eigene Versuchsküche leistet, muss man unter diesen Umständen übrigens keineswegs als Anzeichen besonderer kulinarischer Sorgfalt werten. Man kann es genau so gut auch als Bemühen sehen, nur ja nicht vom Mittelmaß-Kurs abzukommen. Zu erinnern ist auch daran, dass „essen & trinken“ – wie übrigens auch der „Feinschmecker“ – einmal eine Zeitschrift mit einem wesentlich breiter gestreuten kulturellen Verständnis war und früher auch eine Reihe von kulinarischen Schwergewichten beschäftigte (wie etwa Gert von Paczensky).

Kein besonderes Aufsehen

Das Heft beginnt mit dem „Besten zum Jubiläum“, einer Reihe von Rezepten in einem eher traditionellen Stil. Es gibt „Ochsenschwanzsuppe mit viel Madeira“, „Coq au Riesling“, „Penne all’arabiata mit San-Marzano-Tomaten“ oder „Feine Königsberger Klopse“. Dann hat man fünf Spitzenköche unter dem Motto „Starköche gratulieren“ um Rezepte mit – natürlich – „feiner Hausmannskost“ gebeten. Trotz guter Rezepte, wie etwa Sven Elverfelds wunderbar modernisiertem „Tafelspitz mit grüner Sauce“ , bleibt der Eindruck, dass man die richtig gute Küche lieber außen vor lässt. Auch hier muss man einmal auf größere Zusammenhänge verweisen. Zeitschriften wie „essen & trinken“ leben von den Ideen der Spitzenküche. Wenn es denn einmal Veränderungen gibt, sind sie regelmäßig den Fortschritten bei den besten Köchen entnommen. Dass das Publikum der bürgerlichen Küche häufig „essen & trinken“ gut findet, aber gegen die Spitzenküche voreingenommen ist, wirkt unter diesen Umständen bizarr.

Weiter geht es mit einer Strecke über den Kürbis als saisonales Produkt, etwas über die Konditorei und einer Strecke über Schnitzel. Dazu kommt ein Interview mit Lafer, ein ziemlich merkwürdig beschnittener Bericht über die Berliner Szene, einige „schnelle“ Gerichte und eine haarsträubend vom Stand der Entwicklung abweichende Reihe von Gemüsegerichten. Schließlich melden sich auch noch „Die Stars von morgen“ mit einigen Rezepten aus den Kursen der „Jeunes Restaurateurs“, und kopfschüttelnd möchte man anmerken, dass der Nachwuchs mit dieser epigonalen Küche wohl vorerst kein besonderes Aufsehen erregen wird.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kochbuchkolumne Esspapier Kalbszunge auf die feine Art

Ein neues Buch aus dem Teubner-Verlag möchte die Gerichte von Spitzenköchen so präsentieren, dass sie auch von Hobbyköchennachgekocht werden können. Aber kann das Buch halten, was es verspricht? Mehr Von Jürgen Dollase

27.02.2015, 15:05 Uhr | Feuilleton
‚Second Hand‘ als Geschäftsmodell Luxus-Schnäppchen von Dior oder Chanel

Eine echte Handtasche von Dior oder Chanel: Um sich den Luxus leisten zu können, durchforsten manche Frauen regelmäßig Internetseiten, die auf gebrauchte Haut-Couture-Markenartikel spezialisiert sind. In Frankreich wird das immer beliebter; für die Händler ist es ein lukratives Geschäft. Mehr

25.09.2014, 11:05 Uhr | Wirtschaft
Kochbuchkolumne Esspapier Platz da, jetzt kommen wir!

Jedes Jahr gibt Alexandre Cammas in Frankreich einen eigenen Restaurantführer heraus, mit dem er dem Guide Michelin Konkurrenz machen will. Ob das klappt? Mehr

19.02.2015, 15:28 Uhr | Feuilleton
Rente? Ohne mich! Senioren drängen zurück ins Berufsleben

Während Deutschland den früheren Renteneintritt nach 45 Arbeitsjahren eingeführt hat, wünschen sich viele Rentner zurück ins Berufsleben. Körperlich und geistig fit wollen sie etwas leisten, suchen Abwechslung oder brauchen einfach Geld. Einige Unternehmen haben sich im Ringen um Fachkräfte darauf eingestellt. Mehr

19.02.2015, 11:08 Uhr | Wirtschaft
Geschmackssache Listige Listenersteller

Die französische Kochkunst soll ausgerechnet von Engländern beurteilt werden? Nicht mit uns, meint Frankreich. Der britischen Rangliste The World’s 50 Best Restaurants setzt das Land nun eine eigene, nicht ganz objektive entgegen. Mehr Von Jürgen Dollase

14.02.2015, 17:18 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 20.09.2012, 16:00 Uhr