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Kochbuchkolumne „Esspapier“ : Auf Discounter-Kurs

  • -Aktualisiert am

Man liest sich nach unten: Die neue Zeitschrift „deli“ Bild: Gruner + Jahr

Immer mehr Bücher und Zeitschriften begeben sich auf der Suche nach Kunden in die Niederungen des kulinarischen Analphabetismus. Ein Beispiel ist das neue Heft von „deli“.

          Es gibt bei manchen Weintrinkern einen typischen Effekt. Da berichtet der erste, er habe für, sagen wir: 8 Euro irgendwo einen Wein mit einem sensationellen Preis-Leistungs-Verhältnis gefunden. Seine Freunde stimmen zu. Wenig später kommt ein anderer und hat für 5,50 Euro bei einem Discounter einen Tropfen gefunden, der fast genau so gut sei, aber eben noch deutlich billiger. Worauf der nächste Weinfreund wenig später eine Trouvaille präsentiert, die er im Sonderangebot für 2,80 Euro erstanden hat – natürlich auch wieder fast so gut wie der Wein für 5,50 Euro. Man trinkt sich also nach unten und verliert das Gefühl für Qualität.

          Bei den kulinarischen Zeitschriften und Büchern gibt es einen ähnlichen Effekt, und er grassiert im Moment ganz ausgeprägt. Man schreibt sich nach unten, weil man anscheinend vermutet, dass da irgendwo in den Niederungen des kulinarischen Analphabetismus das ganz große, massenhafte Publikum sein müsse.

          Ein penetrant infantiler Zug

          Nun also „deli“, eine neue Zeitschrift aus dem gleichen Verlag und von der gleichen Redaktion, die schon daran arbeitet, „essen & trinken“ auf publizistischen Discounter-Kurs zu bringen. Aus der Sicht des Verlages wendet sich „deli“ an „vorwiegend berufstätige Frauen zwischen 20 und 45, für die Lebensfreude im Mittelpunkt steht, die gern und unkompliziert kochen und noch lieber essen“. Aus Sicht des Beobachters spricht Vieles dafür, dass man sich an 45-Jährige wendet, die sich fühlen wie 25 und das kulinarische Wissen von 15-Jährigen haben. Dazu ein paar Zitate. Natürlich beginnt wieder alles nach Kinderbuchart mit Pasta der allernormalsten Art. „Weil sie so schnell zu machen ist, immer köstlich schmeckt und alle von Italien träumen lässt, heißt es fortan bei uns: Pasta, basta!“. Oder: die Protagonisten eines Textes mit dem Titel „Für einen Abend nach Paris“ (zu Hause natürlich...) beglücken mit Verbalien wie „Was ist mit Fleisch? Ich will dieses französische Rotweingulasch“ (der junge Mann) und „Ich hab auch schon Ideen für eine Suppe und den Nachtisch. Wollen wir sagen, alle sollen sich französisch anziehen?“ (die junge Frau). Unnötig zu sagen, dass der junge Mann bei dem konfektionierten und gerade beim Wein unpräzisen Rezept eines „Boeuf Bourguignon“ nicht auf seine Kosten kommen wird.

          Auffällig ist auch ein penetrant infantiler Zug. „Stößchen!“ lautet die Überschrift über einem Kapitel über Aperitifs, und bei „Hin und Weg“ versucht man krampfhaft, alten Rezepturen wie einem Garnelen-Omelett den Hauch von schicker Weltläufigkeit zu geben. Aus vielen Dingen strömt ein zähflüssiger Sirup klischeehaft-großstädtischen Schnickschnacks, den alle außer den Großstädtern für peinlich halten. Selbstreferentiell wird über einen jungen Koch berichtet, der für „essen & trinken“ arbeitet. „ Marcel kauft gern mit dem Rad ein, das erspart die nervige Parkplatzsuche und ist außerdem ein Top-Workout nach der Arbeit. In seinen Old-School-Rucksack passt alles rein, was er fürs Abendessen braucht.“

          Jetzt schon altmodisch

          Die ganze Aufmachung erinnert fatal an die achtziger Jahre, wo sich viele Medien in einer pastellfarbenen bis bunten Begeisterung für Banalitäten ergötzten, die ebenso schnell verschwand, wie sie gekommen war. Man muss daran erinnern, dass es seriösen kulinarischen Zeitschriften auch heute noch zumindest teilweise darum geht, eine Vermittlerrolle zwischen der komplexen Welt der Kochkunst und den unterschiedlich intensiv Interessierten zu spielen.

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