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Kochbuchklumne „Esspapier“ Gourmetkitsch

Drei Fernsehköche haben ein Buch mit eigenen Rezepten herausgegeben. Man sieht hier: Sie kochen sehr ähnlich und seit Jahren immer das Gleiche.

© Edel Verlag Vergrößern

„Die Küchenchefs“ ist der Titel einer Doku-Soap bei VOX, in der die drei Köche Martin Baudrexel, Mario Kotaska und Ralf Zacherl schlecht laufenden Restaurants mit ihrem Know-How unter die Arme greifen – in der Regel mit einem gewissen Erfolg. Baudrexel, Kotaska und Zacherl sind typische Fernsehköche, die als Restaurantköche nur über mittelprächtige Erfolge verfügen, aber im Fernsehen „gut rüberkommen“. Die Position solcher Köche kann man sehr unterschiedlich sehen. Einerseits sind sie gut genug, um Laien und Hobbyköche zu beeindrucken, andererseits haben sie mit den Leistungen von Spitzenköchen wenig zu tun und sind in professionellen Kreisen kaum ein Thema. Insofern ist interessant, wie sich diese Gruppe von Fernseh-Lehrmeistern in eigenen Rezepten darstellt. Dass sie mit einer solchen Veröffentlichung automatisch auch eine Art Vorbildfunktion behaupten, dürfte ihnen klar sein.

Herausgekommen ist ein Buch mit sehr unterschiedlichen Rezepten zu „Lieblingsthemen“ der Autoren – also keine Rezeptsammlung nach den üblichen Schemata. Es geht zum Beispiel um Themen wie das Frühstück, Salate, Kinderessen, Fingerfood, Schmoren, Grillen, Einwecken oder Kuchen. Da gibt es etwa ein „Roastbeefsandwich“ (Frühstück), die „Whisky-geräucherte Forelle mit Wildkräutern, Quitten und Cidre“ (Salate), „Fischstäbchen mal anders“ (Kinderessen), „Gebratenes Doradenfilet mit Pak-Choy und Auberginenrelish“ (Fingerfood) oder „Sauer eingelegte Steinpilze“ (Einwecken). Insgesamt überwiegt der Eindruck, den man bei fast allen Kochbüchern von Fernsehköchen hat: alle kochen irgendwie sehr ähnlich, immer ein wenig locker, immer angeblich einfach, immer ziemlich bunt gemischt und leider seit vielen Jahren weitgehend unverändert.

Wie alt die Rezepte mittlerweile sind, wird vor allem dann deutlich, wenn der Umfang etwas größer wird und der Aufwand das Format annimmt, mit dem man normalerweise ein gutes Rezept realisieren kann. Im Grunde ist zum Beispiel der „Krosse Wolfsbarsch mit Wintertrüffel, Garnelen und Lauch“ von Mario Kotaska die reinste Schlafwagenküche (um im oft saloppen Jargon ihrer Sendung zu bleiben) – uninspiriert, altbacken und von jenem mittleren Geschmack, mit dem man nur Leute beeindrucken kann, die richtig gutes Essen vielleicht noch nicht kennengelernt haben. Dass Kotaska so etwas im Kapitel „Dicke Hose“ ausbreitet und auch noch den „Sternefaktor“ ins Spiel bringt, ist schon ziemlich merkwürdig.

Bei den Kalbsbäckchen zum Beispiel verzichtet man erst einmal auf die wichtige Diskussion, wie man sie am besten vorbereitet und in welche Form man sie schneiden sollte. Sie werden dann schon als „geputzt“ in die Liste aufgenommen. Dann werden sie mariniert, „damit sie schön mürbe werden“, als ob eine längere, schonende Schmorzeit nicht das gleiche schaffen würde und auch noch aromatische Vorteile mit sich bringen könnte. Auch „kreative“ Geschmacksbilder vom Typ „Backzwiebeln mit Pilgermuschel und Boudin Noir“ (Zacherl) sollte man sich einmal genauer ansehen und sich vielleicht die Frage stellen, wie denn die zurückhaltend schmeckende Jakobsmuschel in dem hier vorgestellten Zusammenhang mit einer dicken Zwiebel und dicken Scheiben Blutwurst eigentlich wirken wird. Auch bei einem Rezept wie den „Morcheln mit weissen Bohnen, Tomaten und Büffelmozzarella“ (Baudrexel), bei dem ebenfalls ein wunderbar feines und differenziertes Produkt wie die Morcheln sich einer viel zu kräftigen Konkurrenz ausgesetzt sieht, kommt einem der Gedanke, ob für so auf Effekt getrimmte Gerichte nicht „Gourmetkitsch“ ein passender Ausdruck wäre. Deutlich besser wird es immer dann, wenn sich die Köche um einfache, klare Verfeinerungen bemühen – ganz auffällig bei Kotaskas „Kinderessen“ mit den „Frikadellchen mit Kartoffel-Karotten-Gemüse“ oder den gut gemachten „Fischstäbchen mal anders“, mit denen man sicherlich alte Fischstäbchen-Klischees dezent aufbrechen und erweitern kann.

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Veröffentlicht: 02.11.2012, 13:50 Uhr