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Essay : Zadie Smith: Besser scheitern

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Romane schreiben macht Arbeit - meint Zadie smith Bild: AP

Was ist ein guter Schriftsteller? Ist Schreiben Ausdruck der eigenen Persönlichkeit oder Flucht vor dem Ich? Warum gibt es so wenig große Romane? Die englische Schriftstellerin Zadie Smith plädiert für eine Poetik des Scheiterns.

          Was ist ein guter Schriftsteller? Ist Schreiben Ausdruck der eigenen Persönlichkeit oder Flucht vor dem Ich? Warum gibt es so wenig große Romane? Die englische Schriftstellerin Zadie Smith plädiert für eine Poetik des Scheiterns.

          1. Stellen wir uns einen jungen Mann namens Clive vor.

          Clive ist in einer bekannten literarischen Mission unterwegs: Er will den vollkommenen Roman schreiben. Clive bringt einiges dafür mit: er ist klug und belesen, er hat sich mit dem zeitgenössischen Roman beschäftigt und weiß, an welchen Hürden andere gestrauchelt sind. Er hat einen Haufen Literaturtheorie gelesen - elegante Blaupausen für ungeschriebene Romane, und nun ist er so weit, sein eigenes Wörterhaus zu bauen. Vielleicht unterrichtet Clive sogar, nimmt Romane auseinander, setzt sie wieder zusammen. Wenn Schreiben ein Handwerk ist, dann verfügt er über alle Fertigkeiten, alle Werkzeuge. Clive ist bereit. Er räumt ein Zimmer in seiner Wohnung frei, schafft einen ergonomischen Bürostuhl an und setzt sich an seinen Computer. Irgendwo über dem leeren Bildschirm sieht er die perfekten Umrisse seines platonischen Romans - er muss ihn nur noch aus dem Äther in die Wirklichkeit holen. Aufgeregt fängt er an.

          „Wenn ich ein Buch aufschlage, sehe ich das Gehirn eines anderen Menschen.”

          Drei Jahre später. Obwohl Clive sich größte Mühe gegeben hat, ist sein Roman nicht der perfekte Roman, der sich so verlockend über seinem Computer abgezeichnet hatte. Eher ein dürftiger Abklatsch, der Schatten eines Schattens. Im Übergang vom Traum zur Realität hat er die Aura des Perfekten abgelegt. Er ist entstellt, unkenntlich. Irgendetwas ist dazwischengekommen, etwas schwer Definierbares. Bei der Figur der korrupten Wirtschaftsexpertin Maria Gomez erkannte er, dass es mehr brauchte als nur die „richtigen Worte“ oder Kenntnisse über Wirtschaftsexperten. Diese Maria Gomez, die so wichtig ist für Clives zentrales Thema - Korruption in der amerikanischen Politik -, führt sehr gut vor, wie wenig vom amerikanischen Traum übrig geblieben ist, aber in ansonsten ist sie nicht ganz so überzeugend, wie er gehofft hatte.

          Es war schwer gewesen, in ihre Seidenbluse zu schlüpfen, in ihren engen Rock - und noch viel schwerer, in ihre Haut. Und als er daranging, ihre Ehe darzustellen, stellte er fest, dass er klug und aphoristisch über die Ehe an sich schreiben wollte, nicht nur über Maria Gomez' Ehe, was ihm, bei dem Gedanken an seine eigene Ehe, plötzlich wie eine gigantische Aufgabe vorkam, zumal wenn seine Frau Karina den Roman lesen würde. Und es gibt noch viele andere kleine Dinge, Unzulänglichkeiten, die nicht mit der Sprache oder dem Aufbau zu tun haben, sondern - ja, womit eigentlich? Mit ihm selbst? Dieser Gedanke beschäftigt ihn eine Weile. Und dann erwischt ihn ein noch viel dunklerer Gedanke. Könnte es sein, dass er, wenn er nur der Leser und nicht der Verfasser wäre, seinen Roman für misslungen halten würde?

          Clive quält sich nicht lange mit solchen Überlegungen. Sein Manuskript findet einen Agenten, der Agent findet einen Verlag, sein Roman geht hinaus in die Welt. Das Buch kommt an. Es zeigt sich, dass Clives Buch wie Literatur riecht und aussieht und streckenweise sogar wie Literatur anmutet, und bald hat Clive diesen Eindruck von Unwahrheit, von Selbstverrat vergessen, den sein Roman anfangs in ihm ausgelöst hatte. Er wird nicht nur ein Fan seines Romans, er setzt sich leidenschaftlich für ihn ein.

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