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Erzählband „Fallensteller“ : Jeder Text erblüht aus einem einzelnen Wort

  • -Aktualisiert am

Bleibt seinen Erzählwelten treu: Saša Stanišić, einer der rennommiertesten Autoren der Gegenwart. Bild: Henning Bode

Saša Stanišić lässt in seinem Erzählungsband „Fallensteller“ unscheinbare Zeitgenossen in einer entzauberten Welt aufleuchten. Besonders zeitgemäß ist das nicht.

          Zwei Jahre nach seinem fulminanten Romanerfolg „Vor dem Fest“ fächert Saša Stanišić seine Erzählwelt in insgesamt zwölf Erzählungen auf. Bei genauerer Betrachtung schnurrt der Fächer allerdings schnell zusammen: Die längste, insgesamt knapp neunzig Seiten umfassende Erzählung setzt die Geschichte von „Vor dem Fest“ fort. Der Schriftsteller Stanišić ist aus Neuruppin verschwunden, die Spuren des Literarischen aber sind geblieben.

          Hinzu kommen zwei Erzähltriplets, die jeweils von zwei Reisen berichten. Das erste erzählt von einem gewissen Georg Horvath, der sich in den Weiten Rio de Janeiros verirrt, das andere von einem Ich-Erzähler und seinem verliebungssüchtigen Freund Mo, deren Weg von einer Floßfahrt auf dem Rhein nach Stockholm führt. In die Gattung Reise- und Abenteuererzählung fügen sich auch drei weitere Geschichten, die eine führt in die Romagna, die andere in ein Waldferienlager, und die letzte und schillerndste des Bandes begleitet einen jungen Mann und zwei Frauen nach Paris und in die Erinnerung des Ich-Erzählers an den Großvater. Umkränzt werden alle diese Begegnungen mit dem Fremden von zwei anderen Spielarten derselben Thematik: Einmal bricht das Fremde in die vertraute Umgebung eines Billardclubs ein. Zum anderen entdeckt der Mitarbeiter eines Sägewerks seine lang verdrängte Vorliebe für das Zaubern in sich.

          Kein Aufbruch zu neuen erzählerischen Ufern

          Stanišić, der mit Hilfe seiner beiden bislang veröffentlichten Romane zu einem der renommiertesten Autoren unserer Zeit avanciert ist, bleibt in diesem Erzählungsband also seinen bisherigen Erzähl- und Erfahrungswelten treu. Die gute Nachricht für alle Stanišić-Leser lautet: Es findet sich in diesem Band alles, was man an diesem Autor schätzt, das episodische Ausperlen der einzelnen Erzählstränge, die unbedingte Einfühlung in seine Figuren, die bewundernswerte Sprachvirtuosität. Die schlechte Nachricht lautet: Etwas wirklich Neues gewinnt der Autor der Gattung „Erzählung“ nicht ab.

          Von einem Aufbruch zu neuen erzählerischen Ufern findet sich keine Spur. Das verschafft einem Zeit, über das nachzudenken, was die Erzählungen tatsächlich im Innersten zusammenhält. In der Literaturkritik herrscht Einigkeit darüber, dass dies zum einen die unglaubliche Stimmenvielfalt und stilistische Spannbreite sei, die Stanišić beherrsche. In diesem Erzählungsband allerdings handelt es sich durchgehend um männliche Erzähler- und Perspektivfiguren. Sie alle sind in ihrem Alltag eher unscheinbare Zeitgenossen, die erst aufgrund der besonderen Zuwendung durch den Autor zu leuchten beginnen. Das gilt für den Handelsvertreter einer Brauerei ebenso wie für den Jungen, der sich durch ein Ferienlager kämpfen muss, oder für jenen Mitarbeiter eines Sägewerks, der erst nach vierzig Arbeitsjahren seine Sägehandwerk in den Dienst der Zauberkunst zu stellen wagt.

          Lebensgeschichte auf engstem Raum

          Auch um die stilistische Vielfalt ist es nicht gut bestellt. Stanišićs Erzähleinheiten entfalten sich stets aus einem einzelnen Wort heraus. „Mit Jörg will niemand etwas zu tun haben. Das ist halt so einer, kennt jeder“, setzt die Beschreibung eines Jungen im Ferienlager ein. Wie ein Wasserspiel aus einer Quelle entspringt, entfalten sich die weiteren Sätze aus den zwei Wörtern „so einer“: „Einer, der anders ist. Weil doof oder fett oder arm oder einfach zufällig am falschen Ort was Falsches gesagt.“ Vier Alternativen sprudeln hervor, um sich dann abermals zu verzweigen: „Einer, der duldet, der schluckt und zu Hause unter dem Bett weint und Schulpsychologe und Schulwechsel irgendwie dann doch versucht.“

          Noch einmal fächert sich der Strom der Sätze in die Akkumulation von Möglichkeiten auf. Und so geht es bis zur wohlgesetzten Pointe weiter, wenn auf engstem Raum die Lebensgeschichte des kleinen Jörg auserzählt wird, obwohl er noch nichts davon gelebt hat. Das ist einerseits virtuos, andererseits aber auch routiniertes Satzflusshandwerk mit Hilfe des immer gleichen Verfahrens.

          Trifft diese Diagnose überhaupt noch?

          Als zweites Merkmal von Stanišićs Erzählkunst wird stets die Konfrontation mit dem Fremden gelobt. In ihr erkennt die Kritik die konzise Beschreibung unserer Gegenwart. Doch eigentlich gehen Stanišićs Erzählungen von einer anderen Diagnose aus. Sie entfalten sich aus der Annahme, dass wir in einer entzauberten Welt leben.

          Die totale Rationalisierung gilt selbst für die Orte, an denen gespielt wird. Das ist gut zu sehen am Billardspiel, das in der Ausschaltung jeder Kontingenz sein Ziel hat. Als Gegenmittel zu dieser Entzauberung dienen Stanišić die Reise, das Abenteuer, die Begegnung mit dem Fremden und der Einbruch der Phantasie gleichermaßen. Aber trifft diese grundlegende Diagnose überhaupt noch? Heute schickt doch kein großes Unternehmen mehr seine Mitarbeiter einfach nur zum täglichen Roboten, sondern stellt zugleich ihre Kreativität und ständige Neuerfindung (bis zur Erschöpfung) in Dienst. Und hat der Geist des Kapitalismus die Welt nicht gerade durch seine an Börsen gehandelten Imaginationen in Atem gehalten? Von einer entzauberten Welt kann wohl nicht mehr die Rede sein, eher von einer verzauberten Welt. Aber warum sollte es dann besonders treffend sein, in immer neuen Wendungen von einer solchen zu erzählen? Den luxurierenden Phantasiekaskaden von Stanišić haftet so etwas geradezu Unzeitgemäßes an.

          Saša Stanišić: „Fallensteller“. Luchterhand Literaturverlag, München 2016. 288 S., geb., 19,99 €.

          Quelle: F.A.Z.

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