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François-René de Chateaubriand : Jeder echte Bretone hält sich vom Hof fern

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Als Mann der Schwelle steht Chateaubriand mit einem Fuß im romantischen neunzehnten Jahrhundert. Ob Herbstwälder, umtoste Küsten oder brodelnde Vulkane – Beschreibungen elementarer Gewalten beherrschen seine Erzählungen wie „René“ oder „Atala“. Auch aus den „Erinnerungen“ sind sie nicht wegzudenken: „Das durch Sturmböen ausgelöste, die herbstliche Tagundnachtgleiche ankündigende Brausen der Wellen verhinderte, dass man meine Schreie hörte. Oft hat man mir von diesen Umständen erzählt. Ihr Trauriges hat sich nie aus meinem Gedächtnis gelöscht.“ Wer so seine Geburt schildert, begreift sich als Teil der Natur. Tatsächlich: „Die Wälder von Combourg haben mich zu dem gemacht, was ich bin.“ Das Natur- verbindet sich mit einem religiösen Gefühl, das Chateaubriand in „Das Genie des Christentums“ (1802) ästhetisch wendet. Hier ist er ein stilistischer Neuerer: Victor Hugo verehrt ihn – „Ich will Chateaubriand sein oder nichts“ –, und noch Gustave Flaubert fürchtet, „Madame Bovary“ werde „du Balzac chateaubrianisé“.

Globetrotter und heimatliebender Bretone

Mit dem anderen Fuß allerdings steht Chateaubriand im Ancien Régime, in Rhetorik und Regelpoetik. Der Orientreisebericht (1811) entspricht humanistischen Bildungsideen, das Prosa-Epos „Die Märtyrer“ (1809) bedient eine klassische Gattung – der Autor wird später urteilen, hier habe „das Klassische das Romantische beherrscht“. Dessen Erbe prägt auch die „Erinnerungen“: Es wird bei Ott reduziert, wenn eingangs ein Horaz-Zitat wegfällt – das erste von vielen. Im Nachwort zeigt sich, dass Ott das stilistische Maß unterschätzt, sein Wortspiel mit dem „vague des passions“ („la vague“: die Welle; „le vague“: die Vagheit) entspricht nicht dem Geist des Schlagworts, das die Unbestimmtheit meint. Diese Stilisierungstendenz zeigt sich in der Übersetzung, „je me repliai sur moi-même“ (ich zog mich zurück) wird zu „auf mich selbst zurückkrümmte“. Kurz, die Einstufung Chateaubriands als „Theatraliker“ sagt mehr über Otts Perspektive als über den Autor aus.

François-René de Chateaubriand: „Kindheit in der Bretagne“. Hrsgg. und aus dem Französischen von Karl-Heinz Ott. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2018. 304 S., geb., 20,- [Euro].

Dennoch und trotz Patzern („aborder“ als „Anker lichten“; „lieues“, also „Meilen“, als „Orte“), die neue Übertragung ist frisch und mitreißend. Man bedauert, dass der Auszug so rasch gelesen ist: Chateaubriands politische Haltung kommt gut zur Geltung, und es ist packend, von den Sitten des alten Adels zu erfahren, dessen eindrücklichste Verkörperung der strenge Vater ist. Der Leser wird mit mehr als einem Paradox konfrontiert, der Globetrotter ist zugleich ein heimatliebender Bretone: „Ich bin, um die Schauplätze der Natur zu bewundern, recht weit gereist; ich hätte mich mit denen begnügen können, die mein Geburtsland mir bot.“ Andere Widersprüche verbergen Kohärenz: Freiheitssinn etwa passt zu Standesbewusstsein, denn Chateaubriand stammte aus jenem Provinzadel, der dem absolutistischen Königtum misstraute – „Distanz zum Hof gehörte zum Naturell eines jeden Bretonen“. Seine Position beschreibt er als die eines „Exilanten“, ein Begriff, in dem Politisches und Persönliches verschwimmen.

Das eigene Leben betrachtet Chateaubriand mit Takt – im Unterschied zu Rousseau, dessen von „Aufrichtigkeit“ und „Belehrung“ geprägte „Bekenntnisse“ er ablehnt –, den Zeitenwandel mit unvoreingenommenem Interesse: „Was mich selbst angeht, so verherrliche oder beklage ich weder die alte noch die neue Gesellschaft.“ Er ist radikal offen: „Kein Ereignis, so elend oder abscheulich es auch in sich sein mag, darf voreilig beurteilt werden, sofern die Umstände schwerwiegend sind und es Epoche macht.“

Der Satz ist auf den Sturm der Bastille gemünzt: Chateaubriand sieht, wie der Kommandant misshandelt und getötet wird; wenig später hält man ihm die Köpfe von Foulon und Berthier auf Spießen vors Fenster. Auch wenn die Schilderung aus 32 Jahren Abstand verfasst ist: Die Worte zeugen von beachtenswerter Reflektiertheit. Dieser gelassene, taktvolle Blick ist vielleicht das interessanteste Erbe, das uns der große Zeitzeuge Chateaubriand hinterlässt.

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