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Engagierter Autor als Saboteur : Texte und Taten

Hat er zur Sachbeschädigung angestiftet: Erri De Luca. Bild: Reuters

Ist der italienische Schriftsteller Erri de Luca ein Terrorist? Zumindest als Saboteur wird er in Italien und Frankreich gehandelt, wo er einen Bahntunnel zwischen den beiden Ländern bekämpft.

          Zwei Monate nach den Attentaten auf Juden und Karikaturisten in Paris stehen in Frankreich zwei Italiener auf der Agenda der intellektuellen Aktualität. Zur Unterstützung des Schriftstellers Erri De Luca rufen gleich mehrere Petitionen auf. Schriftsteller, Verleger und Schauspieler solidarisieren sich mit ihm. Nächste Woche steht er in Turin vor Gericht. Der Vorwurf lautet auf Anstiftung zur Sabotage, denn Erri De Luca bekämpft den Bau eines Eisenbahntunnels, der von Turin nach Lyon durch die Alpen führen soll.

          Zu seiner Verteidigung hat der Italiener eine kleine Schrift verfasst, die soeben bei Gallimard erschienen ist. Der Begriff der Sabotage könne nicht auf das Anrichten materieller Schäden reduziert werden, argumentiert der Schriftsteller. Er ziele darauf ab, etwas zu verhindern - im Französischen ist die Bedeutung tatsächlich vieldeutig. Auch die Bewohner des Susatals wollen das Bahnprojekt zu Fall bringen. Italiens Premierminister Renzi bekämpfte es, als er noch Bürgermeister von Florenz war. Gegen rund vierzig Gegner wurden im Januar Strafen von insgesamt 140 Jahren Gefängnis ausgesprochen. War Erri De Luca ihr Anstifter zur Sachbeschädigung?

          In Frankreich hat man gegenwärtig Mühe mit der Dialektik von Text und Tat. Wegen der Verherrlichung von Terrorismus wurden nicht immer nachvollziehbare Urteile verhängt. Umgekehrt hatte die intellektuelle Schickeria in Paris seit Jahren den rechtskräftig verurteilten Terroristen Cesare Battisti ungestraft gehätschelt. Der Rotbrigadist, der zwei Menschen erschoss, konnte mit ihrer Hilfe untertauchen. Er wurde umhegt, als sei er ein Held des antifaschistischen Widerstands. Als hätten ihn die Kriminalromane, die er schrieb, von seiner Schuld befreit. Reue hat er nie gezeigt.

          Bernard-Henri Lévy plädierte gegen seine Auslieferung, die Krimibestsellerautorin Fred Vargas glaubt ebenfalls an seine Unschuld. Kein Richter hat wegen Beihilfe zur Flucht nach Brasilien ermittelt. Nach Mitterrand unterstützte ihn auch der einstige brasilianische Präsident Lula. Doch jetzt steht die Rückkehr an. In der vergangenen Woche ordnete eine Richterin Battistis Ausweisung an. In Paris hat keiner seiner einflussreichen Sympathisanten dagegen das Wort ergriffen. Seit den Attentaten in der Stadt ist man mit der Unterstützung von Terroristen, die ihre blutigen Verbrechen in anderen Ländern begingen, wohlweislich etwas vorsichtiger geworden.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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