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Ernst Osterkamp Gebot der Stunde: Goethes „Märchen“

01.02.2006 ·  Im Märchen triumphiert die Freiheit der Einbildungskraft über alle Widrigkeiten des Daseins. Es sind die Wunder der befreiten Phantasie, denen Goethes „Märchen“ seinen unvergleichlichen Zauber verdankt.

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Es ist die Aufgabe des Märchenerzählers, Bilder für die Geheimnisse des Lebens zu erfinden. Im Märchen werden diese Geheimnisse offenbar, aber sie bleiben dabei dennoch Geheimnisse. Deshalb widersetzen sich alle guten Märchen der Deutung.

In Goethes „Märchen“ fragt ein silberner König einen alten Mann, der der Hüter von drei Geheimnissen ist, welches unter ihnen das wichtigste sei. „Das offenbare, versetzte der Alte.“ Er spricht damit die Poetik des Märchens aus. Eine Deutung seines 1795 „zur Fortsetzung der Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ veröffentlichten „Märchens“ hat Goethe nicht geben wollen. Es sei schließlich, so schrieb er an Wilhelm von Humboldt, eine „schwere Aufgabe“ gewesen, „zugleich bedeutend und deutungslos“ zu sein.

Das Gebot der Stunde

„Selig sind die da Märchen schreiben, denn Märchen sind a l'ordre du jour.“ Märchen als das Gebot der Stunde: Goethe dachte, als er dies im September 1795 an Schiller schrieb, an die Folgen der Französischen Revolution, die er nun einmal verabscheut hat. Der Kontext der „Unterhaltungen“ legt es nahe, das „Märchen“ als Antwort auf die Revolution zu lesen. Und doch verspricht dort der Märchenerzähler, es solle sein Publikum „an nichts und an alles“ erinnern. Denn im Märchen triumphiert die Freiheit der Einbildungskraft über alle Widrigkeiten des Daseins. Es sind die Wunder der befreiten Phantasie, denen Goethes „Märchen“ seinen unvergleichlichen Zauber verdankt.

Es spielt in einem geteilten, wie in einen Albtraum versunkenen Land, in dem die Berührungen zwischen Liebenden töten, in Flüsse getauchte Hände verdorren, Möpse Gold fressen und sich so in Onyx verwandeln können. „Wahrhaftig, fuhr die Alte fort, es geht bunt in der Welt zu.“ Aber gerade weil es bunt in ihr zugeht, kann man auch „das größte Unglück als Vorbote des größten Glückes ansehen“.

Ein Wahn unsrer Natur

Die schöne Lilie, die alles Lebendige durch ihre Berührung tötet, steht dieser Botschaft, vom Leben eines Schlechteren belehrt, naturgemäß mit Skepsis gegenüber: „aber ach! ist es nicht bloß ein Wahn unsrer Natur, daß wir dann, wenn vieles Unglück zusammen trifft, uns vorbilden das Beste sei nah.“ Gewiß ist dies ein Wahn unserer Natur, aber deshalb brauchen wir Märchen auch so dringend: Märchen, in denen wie in demjenigen Goethes goldene Schlangen sich in Brücken verwandeln, gewaltige Tempel unter Flüssen wandern (wobei es dann doch ein wenig durchregnet), heiter erotisierte Irrlichter Gold regnen lassen und - absoluter Triumph der Einbildungskraft! - jeder sein Amt verrichtet und seine Pflicht tut.

Und in denen deshalb am Ende „alle Schulden“ „abgetragen“ sind und überhaupt die „Kraft der Liebe“ herrscht. Doch halt, Goethes „Märchen“ weiß es genauer: „die Liebe herrscht nicht, aber sie bildet und das ist mehr.“ Märchen sind, wie gesagt, das Gebot der Stunde.

Johann Wolfgang von Goethes „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ gibt es im Reclam Verlag für 4,- Euro.

Quelle: F.A.Z., 01.02.2006, Nr. 27 / Seite 36
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