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Montag, 13. Februar 2012
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Ernst Jünger und Paul Celan Celans Maskenspiel

13.01.2005 ·  Der Fund eines Briefs von Paul Celan an Ernst Jünger kann als literarische Sensation gelten. Jean Bollack, langjähriger Freund Celans, interpretiert ihn als das paradoxe Dokument einer Distanzierung in der Maske eines Annäherungsversuchs.

Von Jean Bollack
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"Auf vielerlei Wegen habe ich zu Ihrer Welt hinübergedacht und Ihnen zu begegnen versucht - aber das Zeichen, unter das ich mich stellte, schien mir nicht recht zu denjenigen zu gehören, die es vermocht hätten, Ihr Auge auch für die Gestalt unter ihm zu gewinnen." Paul Celan schreibt am 11.Juni 1951 an Ernst Jünger.

Er schreibt seinem eigenem Herzen und noch vielem anderen zuwider. Keine Geste der Höflichkeit mag gelingen, denn für den Dichter gibt es nur Haltungen, wie sie in seinen Gedichten eine Gestalt erhalten. Für ein Zeichen der Begegnung fehlt die Grundlage: Jüngers Auge wird seinesgleichen nicht finden.

Ein Dank mit feiner Ironie

An Celans Statt wendet sich Klaus Demus, vielleicht aus Paris (wo sich der Österreicher damals des öfteren aufhielt), an den berühmten "Geist"; er kennt das Verlangen seines Freundes, in Deutschland verlegt zu werden. Nach seinem Brief schreibt nun auch Celan und schickt Jünger das Manuskript des zurückgezogenen Gedichtbandes "Der Sand aus den Urnen" (1948) und andere Gedichte, die danach entstanden waren. Jünger werde, sagt der Dichter, vielleicht eine Stelle "aufschlagen, die Ihrem Entgegenkommen zu danken weiß".

Celan denkt sich in der Ausweglosigkeit eine komplizierte Situation aus, die erst sichtbar wird, wenn man den Brief interpretiert: Wenn es auch keine Gemeinsamkeit gibt, wie der Brief betont, so stellt sich Celan doch eine Gedichtstelle vor, die Jünger lesen und die ihn entweder anziehen oder abstoßen könnte. Die feine Ironie besteht darin, daß diese Stelle in einem der zugesandten Texte sich bei Jünger bedankt, obwohl, ja eher: weil sie nur "aufgeschlagen", aber nicht wirklich beachtet wird.

Auf wen bezieht sich das „man“?

Die Aufgabe, einen konservativen Anarchisten zu überzeugen, war nicht zu lösen. Celan hatte keine Chance, von ihm gelesen zu werden. Er dichtete im Dienst eines Zeichens, das jede Möglichkeit ausschloß, in die Nähe des Empfängers zu gelangen. Die einführenden, erläuternden Wörter versagten sich ihm, der Redefluß "stockte" wie die Wasser des Landwehrkanals im Gedicht "Du liegst", das Celan fünfzehn Jahre später schreibt und das Peter Szondi 1971 interpretiert hat. "So geriet ich jedesmal ins Stocken, wenn ich mich zu den Worten vortastete, die ich meinen Gedichten vorausschicken müßte, und zögerte selbst in der Stunde, die mich Blatt und Blüte der Paulownia wählen ließ." Die Entfernung ist selbst im Augenblick nicht zu überbrücken, da Celan sich entschieden hat, von sich in der Gestalt eines Blattes und einer Blüte der Paulonia zu sprechen (der Juni ist der Monat der Blüte). Mit dem Namen des Baums bezeichnet er sich selbst als "Paul" und - mit dem bewußt veränderten Suffix "ownia"- als verfemten Slawen.

Es bleibt nur der Freund, Klaus Demus, der es auf sich genommen hat, den Schritt für ihn zu versuchen. Celan selbst kommt es danach zu, den noch seltsameren Versuch zu unternehmen, die "Hand" seines Freundes zu empfehlen, die für ihn an die Tür des Schriftstellers klopfe. Es ist eine Hand, die "zu denjenigen (gehört), die man im Nu erkannt hat - hat man sie doch selber geformt! - die man ohne Zögern und in Zuversicht ergreift". Auf wen bezieht sich das "man"? Die Hand meint das Schreiben und die Art, es zu tun. Handelt es sich um Celan? Oder nicht eher um die Hand, die Demus, selbst auch Dichter, zuvorderst Jünger verdankt? Das "man" würde dann die beiden verbinden. Die (verlegerische) Verbindung wäre so vorhanden. Die Intervention könnte von daher glücken. Doch die Fürsprache würde so zu einem noch komplizierteren Spiel und schließlich doch unter einem noch günstigeren Stern stehen: Am Ende würde der - fiktive oder reale - Bittsteller auf diesem Umweg empfohlen.

Celan wußte viele teuflische Masken zu tragen

Diese Zeilen sind umständlich, gekünstelt und preziös. Die Aufgabe einer schwierigen Bittschrift war nicht leicht zu bewältigen, doch trügt der Schein. Es geht darin Celan um etwas ganz anderes. Er sagt Jünger, indem er Demus (ob dieser nun auf eigenen Antrieb hin gehandelt hat oder nicht) unterstützt, alles, aber auch wirklich alles, was sie trennt. Jünger konnte aus reiner Großzügigkeit über alles hinweggehen und einem Verleger gegenüber zugunsten eines Autors sprechen, auch wenn in seinen Augen dieser unmöglich war und ihn nichts an ihn band. Auf diese Weise durfte Celan die Unterstützung annehmen, ohne zu lügen.

Man mag darüber denken, was man will. Der Brief fand sich im Nachlaß Jüngers, den das Deutsche Literaturarchiv verwahrt. Scheinbar weiß man nicht viel mehr über die Angelegenheit. Gewiß zeugt der Brief von der verzweifelten Lage, in der sich Celan angesichts der Publikationsbarrieren befand. Es sei denn, man gesteht ihm zu, er hätte einfach diese Möglichkeiten benützt, um den Abstand und die Differenz klar darzulegen. Die Situation sollte sich ändern, nachdem er in Niendorf vor der Gruppe 47 vorgelesen hatte. Doch es gibt keinen Grund dafür, den Brief in einem fast triumphierenden Ton zu präsentieren und ihn in einem Atemzug mit Celans vergleichbarem Verhältnis Heidegger gegenüber zu nennen. Das führt in die Irre, zumal Tobias Wimbauer nur die Tatsache des Briefs nennt, ohne etwas über dessen akrobatischen Inhalt zu sagen. Der Dichter Celan wußte viele teuflische Masken zu tragen. Nicht eine Strategie veranlaßte ihn dazu, sondern ein Auftreten, das ihm auch eigen war.

Der Brief ist also eine Parodie des Theaters. Die Inszenierung ist perfekt. Es ist, als wollte er, unter einem Vorwand, sinngemäß folgendes klar sagen: "Es gibt keinen Grund, der meinen Schritt rechtfertigen könnte, weder in Deutschland noch bei Ihnen." - Tatsächlich schreibt er: "Nun darf auch ich kommen und meine Gedichte auf Ihren Tisch legen." Die Situation ist der von dem Gedicht "Todtnauberg", die den Besuch bei Heidegger festhält, vergleichbar: Hier ist es der gastliche Tisch, auf den er am Ende die Gedichte legt, und dort sind es die Hütte und der Brunnen vor dem Haus. Der Fremde aus dem Ausland hat ein Mittel gefunden, in das Haus von Wilflingen einzudringen, um dort zu sprechen und eine Rede zu hinterlassen, die besagt, woraus dieses Haus besteht. Er spricht als ein von weit her Gekommener: von einem Gegenpol her.

Aus dem Französischen übersetzt von Christoph König.

Der Gräzist Jean Bollack, geboren 1923, ist einer der bedeutendsten französischen Philologen und unter anderem Mitherausgeber der Werke Peter Szondis. Seit vielen Jahren gilt sein Interesse dem Werk seines langjährigen Freundes Paul Celan. Im Jahr 2000 erschien auf deutsch seine Studie "Paul Celan. Poetik der Fremdheit", 2003 unter dem Titel "Sinn wider Sinn. Wie liest man?" seine Gespräche mit Patrick Llored.

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