30.08.2005 · Deutschland, einig Grillwurstland: Beim Erlanger Poetenfest sind die Literaten mit sich selbst beschäftigt. Eltern, Kinder, Beziehungen, Abschiede und diffuses Sich-Sehnen lauten die Themen.
Von Sabine LöhrGerechtigkeit muß sein. Wenn Kultur im Wahlkampf keine Rolle spielt, dann soll der Wahlkampf sich, bitte schön, auch andere Bühnen suchen als Podien auf Literaturfestivals. So hat das 25. Poetenfest in Erlangen in diesem Jubiläumsjahr zwar beschlossen, Programmzeitschriften, Poster und Couchgarnituren in leuchtendem Orange zu halten, allein nicht in revolutionärem oder gar radikalem, sondern allein in harmlos sommersaftigem Obstorange.
Damen aus der Provinz tuscheln über die fremden Damen mit den so viel größeren Sonnenbrillen, hier dreht sich müde ein rotes SPD-Windrädchen an einem Fahrrad, dort schleift ein Kinderwagen einen schlaffen CSU-Luftballon hinter sich her. Fettig gegrillte „Poetenwürste“ in aller Munde, Dichterworte in den Ohren, vereinzelt Papierhüte gegen die Hitze des Spätsommers, was für eine Idylle. Auch die Themen der vorgestellten Literatur sind für die ganze Familie da: Eltern, Kinder, Beziehungen und deren Scheitern, Abschiede und diffuses Sich-Sehnen, immer wieder auch die eigene Innerlichkeit sind als Stoffe häufig, aber oft wenig überraschend. Man ist mit sich selbst beschäftigt.
Das große Stolpern
Weil wir Deutschen aber auch mal lustig sein können, ernten besonders Leander Haußmann für seinen Roman „NVA“ und eine kleine Gesangseinlage sowie Moritz Rinke für sein charmant vorgehaspeltes „Das große Stolpern“ heftigen Applaus. Das mag im Falle Rinkes daran liegen, daß er dem anwesenden Volk endlich verständlich erklärt, woher dieser ungesunde deutsche Reformstau rührt: aus unserer kollektiven Besessenheit, Badeliegen mit Handtüchern zu besetzen, ein jeder für sich. Wo man doch sicher sein könne, daß etwa die Finnen aus ebendiesen Liegen sofort eine Gemeinschaftstrinkhütte bauen würden. Alles klatscht vergnügt, gleich morgen geht's ans Ärmelhochkrempeln, Zupacken, Aufbauen. Badeliegenbeleger, das sind ja immer die anderen.
Von vorbildlichen Skandinaviern und Franzosen hört man auch in der vorhersehbaren Debatte „Die Familie - am Ende?“ Ob sie das zumindest als Kleinfamilie nicht irgendwie schon immer gewesen sei, fragt Arno Geiger, der gerade einen Roman als Familienpsychogramm geschrieben hat und dennoch über das Diskussionsthema erstaunt ist. Er betrauert ein wenig die Großfamilie, gegen die eine Kleinfamilie nichts sei als ein labiler dreibeiniger Stuhl. Außerdem, wie Kinder in die Welt setzen, ohne die richtige Frau? Bundesfamilienministerin Renate Schmidt packt den jungen Österreicher entsetzt am Arm: „Denkt ihr wirklich soviel darüber nach, bevor ihr's tut?“.
Berliner Verhältnisse für Deutschland
Mütterlich bedauert sie, leider kein Eheanbahnungsinstitut in ihr Ministerium integrieren zu können. Aber Rahmenbedingungen, die lassen sich natürlich verbessern. Ja genau, sekundiert Eva Menasse, mehr Teilzeitarbeitsplätze, einsichtige Arbeitgeber und flächendeckende Kinderbetreuung müssen her. Was wiederum die Moderatorin Verena Auffermann zur vorsichtigen Frage verleitet, was denn daran neu sei? Eigentlich nichts, außer daß man ganz Deutschland Berliner Verhältnisse wünscht, wo laut Menasse jedes Kleinkind einen Ausbildungsplatz quasi garantiert habe. Ein hübscher Versprecher. Abschließend lobt die Autorin die Ministerin für ihren Mut und wünscht sich, sie nach dem 18. September weiter im Amt zu sehen.
Das war er auch schon, der erfreulicherweise einzige Verweis auf die Neuwahlen während des Festivals. Für die sommerlich matte Runde bei „Kultur! Im Wahlkampf verloren?“ war Kampf kein Thema, schließlich sind Kulturpolitiker immer dem Wahren, Schönen, Guten verpflichtet, gleich welcher Partei sie angehören. Christoph Stölzl hielt das Engagement von Künstlern für Parteien für problematisch, Johano Strasser mahnte, kulturelle Orientierung sei Lebensorientierung. Autor Rinke mochte sich doch gerne zu politischen Fragen äußern dürfen, unterließ es aber vorerst, und Ulrich Greiner sah recht optimistisch allenthalben eine blühende Kultur. Wilfried Schoeller schließlich hatte dann die entscheidende Idee, Kulturpolitik einfach nie wieder als Subventionspolitik zu bezeichnen. Auch hier Konsens und Harmonie. Einigkeit besteht vor allem aber darin, nicht rechnen zu wollen und zu können - und im festen Glauben, daß Kultur sowieso am besten von unten wachse.