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Erich Kästners Kriegstagebuch : Nachrichten aus der Barbarei

Erst kühler Beobachter, später Partei: Erich Kästner Bild: picture-alliance / dpa

Erstmals ungeschönt: Erich Kästners Kriegstagebuch ist ein Dokument aus dem Inneren des nationalsozialistischen Deutschland. Und es wirft, was Kästners Rolle angeht, neue Fragen auf.

          Die Frage, was er denn zwölf Jahre lang getan habe im nationalsozialistischen Deutschland und warum er nicht in die Emigration gegangen sei, mußte sich nach dem Krieg auch Erich Kästner gefallen lassen. Etwa im Juni 1945 von einem deutschen Flüchtling, der als Sicherheitsoffizier der amerikanischen Armee zurückgekehrt war: „Meine Erklärung“, notiert Kästner, „ich sei hier geblieben, um ein abschließendes Buch zu schreiben, leuchtete ihm nicht ganz ein, da ich doch, als verbotener Schriftsteller, keinen Einblick in die Parteiverhältnisse gehabt hätte! Ich bin neugierig, wann es möglich sein wird, den Leuten ein Bild vom wirklichen Verlauf zu geben. Sie sind begreiflicherweise unwissend und können sich nicht in das Leben von uns hineinversetzen.“

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Fünfzehn Jahre später war es soweit. Kästner, der inzwischen in München lebte, veröffentlichte das Bändchen „Notabene 45“, Gattungsbezeichnung: „ein Tagebuch“. Es enthält, heißt es in der Vorrede, „Aufzeichnungen aus ungefähr der ersten Hälfte des Jahres 1945. Ich notierte, was ich im Laufen sah und hörte.“ Er habe damals teilweise nur „Stichworte, halbe Sätze und Anspielungen“ festgehalten, fünfzehn Jahre später habe er den Text daher ergänzen und geradezu dechiffrieren müssen, um ihn für ein Publikum überhaupt lesbar zu machen. „Ich habe den Text geändert, doch am Inhalt kein Jota“, schreibt er, und deshalb sei das Buch „nach wie vor ein Dokument“.

          Es wirft neue Fragen auf

          Wer möchte, kann dies nun überprüfen. Denn das ursprüngliche Kriegstagebuch Kästners, das der Autor vorsichtshalber stenographisch führte, liegt erst seit Anfang dieser Woche vollständig ediert vor, als Doppelband 111/112 des „Marbacher Magazins“. Es löst ein, was „Notabene 45“ nur verspricht: Es ist tatsächlich ein Dokument aus dem Inneren des nationalsozialistischen Deutschland. Und es wirft, was Kästners Rolle angeht, neue Fragen auf.

          In seinem „Geheimreport“, den Carl Zuckmayer 1943/44 für den amerikanischen Geheimdienst über die in Deutschland gebliebenen Intellektuellen verfaßte, heißt es über Kästner: „Auch wenn er es vermutlich nicht wagen kann, mit irgendwelchen ,Untergrundbewegungen' in direktem Kontakt zu sein - da er sicher mehr beobachtet und überwacht ist als jeder Andere - gehört er zu den wenigen deutschen Nichtnazis von Ruf und Rang, die die heutigen Verhältnisse innerhalb Deutschlands genau kennen und diese Kennerschaft durch alle Phasen der Hitlerherrschaft erweitert haben. Wenn er überlebt, mag er einer der wichtigen Männer für die Nachkriegsperiode werden.“

          Desparate Gedankensplitter

          Genau das - die Zeugenschaft, die Materialsammlung für den großen, nach Kriegsende zu schreibenden Roman - gab Kästner als einen der Gründe für sein Bleiben an (der andere war die Fürsorge für die Mutter). Was Kästner in drei Anläufen während der Jahre 1941, '43 und '45 an Erlebnissen festhielt, schrieb er in ein blau eingebundenes Buch, das er über den Bombenkrieg retten konnte. Derselbe Band diente, umgedreht und von der anderen Seite her beschrieben, als Notizbuch für eine Romanidee, von der nur wenige Seiten ausgeführt und nach dem Krieg veröffentlicht wurden.

          Das Marbacher Magazin enthält auch die eher desparaten Gedankensplitter, dazu eine Fülle des Materials zur Alltagsgeschichte des „Dritten Reichs“, das Kästner für den geplanten Roman sammelte - am Ende wandelte sich das Projekt so sehr, daß man eigentlich von zweien sprechen muß, die beide ungeschrieben blieben: ein Bildungsroman um einen desillusionierten Schriftsteller und tatsächlich ein Gesellschaftsroman, der Deutschland im Nationalsozialismus in möglichst vielen Facetten beleuchten sollte.

          Sekt, Hummer und Orchideen

          Stoff sammelte er dazu reichlich im Tagebuch, und vor allem die Einträge, die Kästner später nicht für „Notabene 45“ überarbeitete und publizierte, die Notizen aus den Jahren 1942 und '43 also, sind eine jederzeit überraschende und nicht selten beklemmende Lektüre. Kästner berichtet von Schiebern, Emigranten und Heimkehrern, von Versorgungsengpässen und Gelagen („Was es in den letzten Monaten wirklich im Überfluß gab waren: Sekt, Hummer und Orchideen“); er referiert Heeresmeldungen und wie sie zu interpretieren sind, politische Witze und Gerüchte und ist anfangs oft geradezu peinlich bemüht, die eigene Person außen vor zu lassen. Kästner gibt den Beobachter, der Berichte von Exekutionen in Polen in der gleichen Stillage notiert wie das Pech, das ein befreundeter Gastronom beim versuchten Einkauf größerer Mengen Sekt hatte. Er besucht weiterhin seinen Stammtisch, unterhält sich mit Nazigegnern wie mit Nazis und laviert zwischen Schreibverbot und publizistischer Arbeit für die Ufa unter Pseudonym. Kästner, erinnerte sich Wolfgang Koeppen später, „saß im Cafe neben dem Tod. Gab es einen Engel oder Teufel, der ihn schützte?“

          Wie er aber über das dachte, was er beobachtete, verraten die Notizen der ersten Jahre kaum, zu glatt ist die Oberfläche dieser Sprache, zu vorsichtig der, der sie gebraucht. Kästner, der mehrfach verhört wurde, der sich von kleinen Funktionären vorhalten lassen mußte, daß er eigentlich längst ins Lager gehörte, habe vor Nervosität „jedes Klingeln im Magen gehört“, schreibt sein Biograph Sven Hanuschek. Bezeugt ist aber auch sein großer persönlicher Einsatz, um Verfolgten zu helfen.

          Später wird das Urteil deutlicher. Kästner leidet mit „der anständigen deutschen Bevölkerung“, die „am längsten und am nachhaltigsten von den Nazis ausgepowert und malträtiert worden“ sei. Und während er für „Notabene 45“ viele Passagen relativiert und verdeutlicht, bleibt er bei dieser Trennung zwischen einem verbrecherischen Regime und einer duldenden Bevölkerung. Die erinnere ihn, schreibt er kurz vor Kriegsende, an einen angezählten Boxer, dessen Trainer ihn in aussichtsloser Lage immer weiter antreibt. Der Beobachter hatte Partei ergriffen.

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