1. 1990, kaum zwei Jahre nach meiner Flucht in den Westen, habe ich ein Theaterstück geschrieben, in dem ich eine Figur, eine Deutsche sagen lasse: „Früher haben die Griechen getanzt. Heute wollen sie so werden wie wir.“
Das Stück heißt „Vom Umtausch ausgeschlossen“, es handelt vom Verlust der Utopie und wurde, glaube ich, 1991 in Bonn uraufgeführt.
2. Ich weiß nicht, ob ich zur europäischen Krise viel Neues beisteuern kann, zumal die Fakten nach meinem Eindruck allzu deutlich sind: Die Deregulierung der Finanzmärkte; die unglaubliche Idee, die wirtschaftliche Einheit ohne die politische Einheit einführen zu wollen; das Problem der Unmöglichkeit der Währungsabwertung für schwächelnden Volkswirtschaften und so weiter. Hat nicht schon die sogenannte Wiedervereinigung gezeigt, was für Folgen künstlich verteuertes Geld zeitigt Buchstäblich am Tag der deutschen Währungsunion hat sich die Industrie der DDR in eine Trümmerlandschaft verwandelt. War man nicht in der Lage, daraus Lehren zu ziehen?
Das alles ist hinreichend bekannt, ohne dass es von den meisten zur Kenntnis genommen wird, ebenso wenig wie dieser verblüffende und im Grunde allzu bekannte Fakt - so bekannt, dass ich mir ersparen kann, die entsprechende Statistik zu bemühen. Das wirkliche Bemerkenswerte an der sogenannten europäischen Krise ist nämlich, dass die wenigen Reichen in dieser Krise immer reicher geworden sind, während die Ärmeren immer ärmer wurden.
Was für eine Krise also? Genauer: Krise für wen?
3. Für mich zum Beispiel. Nach fünfundzwanzig Jahren Schreiben habe ich plötzlich einmal eine größere Menge Geld verdient, jedenfalls nach meinen Maßstäben (nach den Maßstäben derer, die an der Krise verdient haben, ist mein Verdienst lächerlich), und nun droht diese Geldmenge, die meine Altersvorsorge sein könnte, durch Inflation zu verfallen. Die Deregulierung der Finanzmärkte hat sich auf das Börsengeschehen so ausgewirkt, dass ich es nicht riskieren kann, das Geld in Aktien oder anderen Wertpapieren anzulegen. Sooft ich das versucht habe, mit oder ohne Beratung durch meine Bank, war das Geld am Ende weg, wie uns eine verlogene Sprache weismachen will - denn mein Geld war nicht weg, es hatte nur den Besitzer gewechselt. Es war genau im Besitz jener Leute, die an der Krise verdient haben.
Noch vor nicht allzu langer Zeit wäre es leicht gewesen, das Geld in einer Immobilie anzulegen, einer Wohnung zum Beispiel: Berlin, arm, aber charmant. Aber damit ist es auch vorbei. Dank des ungehinderten Kapitaltransfers ist es für Menschen aus aller Welt möglich geworden, Immobilien in Berlin zu kaufen. Alle haben, so wie ich, Angst vor der Inflation. Immer weniger trauen den Aktienmärkten. Amerikaner, Franzosen, Dänen, ja sogar Griechen investieren in Berliner Immobilien. Es gibt in Berlin keine Wohnungen mehr, die Preise steigen. Die Mieten steigen. Mieter werden mit fast kriminellen Mitteln aus Wohnungen gedrängt. Im berühmten Ostberliner Bezirk Prenzlauer Berg, wo ich übrigens, mit Unterbrechungen, seit 1976 wohne, wurden bereits achtzig Prozent der Bevölkerung verdrängt - hier haben wir die Verlierer der Krise.
4. Aber diese Verlierer sind nicht nur die Verlierer der europäischen Krise. Sie sind auch die Verlierer des europäischen Erfolgs. So wie die Profiteure der Krise auch die Profiteure des Erfolgs sind. Und ich bin mir nicht sicher, was ich mehr fürchte: die Krise oder den Erfolg Europas.
Das politische Europa, das wir heute haben, ist eine Konstruktion, die „die Bürger“, wie sie von den Politikern wohlwollend genannte werden, allenfalls hinnehmen, nicht aber geschaffen haben. Es ist, pardon, vor allem ein Europa des Geldes. Marx hat die Arbeiter aller Länder aufgefordert, sich zu vereinen. Vereint hat sich das Kapital, und wenn ich diejenigen ansehe, die es vertreten, jene Menschen in Business-Anzügen, die Business-Englisch sprechen und Business-Class fliegen, dann weiß ich, dass diese Leute unter Europa etwas anderes verstehen als ich, genauer: dass das, was ich an Europa am meisten liebe, für sie keine Bedeutung hat; oder schlimmer noch, dass es sie bloß behindert bei all ihren Vorhaben.
5. Denn das Schönste an Europa ist seine Vielfalt! Es ist einfach wunderbar, dass in 27 Eurostaaten 27 verschiedene Sprachen gesprochen werden, oder sogar mehr! Es ist wunderbar, dass jede Region seine eigene, komplizierte Geschichte hat, seine Lieder, seine Dichter! Dass es verschiedene Klimazonen und verschiedene Landschaften gibt, verschiedene Mentalitäten und verschiedene Geschwindigkeiten, verschiedene Auffassungen darüber, was wichtig, was schön, was lebenswert ist, und ich muss zugeben, dass ich seinerzeit sogar seine verschiedenen Geldscheine schön fand. Ein bisschen unpraktisch, aber schön: die Tausender-Packen der Lire in der Hand zu halten. Man hatte wirklich das Gefühl, im Ausland zu sein.
Unterschiede gibt es noch immer, selbstverständlich. Wenn man Zeit genug hat hinzusehen, dann sieht man sie auch. Aber manchmal, wenn ich - „geschäftlich“, als Vertreter in eigener Sache - in europäischen Großstädten unterwegs bin, passieren mir die merkwürdigsten Déjà-vus. Ich spaziere, meist in den kurzen Pausen zwischen Buchmessebesuchen, Lesungen oder Rundfunkinterviews, durch Altstädte und Fußgängerzonen. Auf den Straßen fahren dieselben Autos wie überall. In den Schaufenstern stehen dieselben Schuhe, die ich mir gerade in Berlin angesehen habe. Die allgegenwärtigen Werbeflächen werben für dieselben Telefone, dieselbe Unterwäsche. Dieselben jungen Frauen fingern nervös auf denselben Smartphones herum. Junge Männer tragen Kopfhörer über Wollmützen. Es gibt überall dieselben Burger, dieselben Pizzabuden. Es gibt Café Latte, es gibt Croissants... Und plötzlich weiß für einen Augenblick nicht mehr: Wo bin ich eigentlich?
6. 27 Sprachen sind einfach unökonomisch. Für den Aufbau von Produktketten braucht man keine Gedichte. Verschiedenen Geschwindigkeiten führen zu Bankenkrisen und Wechselkursproblemen. Seien wir ehrlich, das alte Europa ist unzeitgemäß. Es eignet sich nicht zur unermesslichen Steigerung des Wachstums. Es hat Schwierigkeiten, mit dem zentralisierten China und den kulturell und sprachlich homogenen Vereinigten Staaten zu konkurrieren. Das alte Europa ist dem Untergang geweiht! Und der Weg zur Überwindung dieses umständlichen, alten Europa ist die Europäische Union. Und genau deswegen fürchte ich den Erfolg der EU mehr als ihre Krise.
Ich weiß, ich laufe Gefahr, nicht nur romantisch und rückwärtsgewandt zu erscheinen, sondern auch national. Denn natürlich setzen die letzten Nationalisten genau auf diese Ängste, und es ist äußerst bedauerlich, dass ausgerechnet sie die Nutznießer der europäischen Krise sind.
In Wirklichkeit ist mein Standpunkt natürlich alles andere als nationalistisch. Er ist, im Gegenteil, geprägt vom Respekt und das Interesse für das Andere und das Andersartige, das übrigens keineswegs an die klassischen Nationalstaaten gebunden ist. Denn auch diese waren, wie wir wissen, Konstruktionen. Natürlich geht es nicht um die Wiederherstellung oder Erhaltung dieser Konstruktionen, auch nicht darum, dass jede noch so kleine Region ihren eigenen Staat bekommt. Sondern darum, dass die Gestaltung und Führung Europas nicht vorrangig von Geld und wirtschaftlichen Interessen geprägt wird.
7. Ja, das ist vermutlich Romantik. Unser ganzes Leben ist von Geld und wirtschaftlichen Interessen geprägt. Wir sind einem System unterworfen, dass uns geradezu auf materielle Interessen abrichtet. Wir konkurrieren um Arbeitsplätze und haben Angst, dass wir unsere Miete im Alter nicht mehr bezahlen können. Wir streben nach mehr, wir wollen immer erreichbar sein, wir kaufen immer das Neueste. Und das Lustige dabei ist, dass wir uns einbilden, frei zu sein.
Wir glauben wirklich, dass irgendwo in der Provinz Theater geschlossen werden müssen, damit es uns besser geht. Wir glauben, dass ein noch schnellerer Internetzugang uns zufrieden machen wird. Wir glauben, dass ständige Erreichbarkeit eine Verbesserung unserer Lebensqualität bedeutet. Man nennt es Wachstum. Hemmungsloses Wachstum heißt Krebs. Jeder weiß, dass Krebs Leben vernichtet, und das Schlimmste ist, dass die Art Krebs, mit der wir es hier zu tun haben, unser Leben vernichtet - schon vor unserem Tod.
Das ist für mich die europäische Krise. Die Krise unserer Lebensfähigkeit, unserer Aufmerksamkeit, unserer Empathiefähigkeit, unserer Fähigkeit zu genießen, bei uns zu sein, zur Besinnung zu kommen.
Langsamkeit, Mußestunden, Beschränkung aufs Wesentliche, das sind Dinge, die uns das Gefühl geben, zu leben. Die analoge Welt. Der Luxus, offline zu sein. Nicht fünfhundert Freunde zu haben - der Wachstumsgedanke im Freundschaftsformat! -, sondern uns Zeit zu nehmen für den einen!
8. Ein Fazit? Schwierig. Zwar glaube ich nicht, dass Wachstumsgedanke eine anthropologische Konstante ist. Aber im Augenblick hat die abendländische Wachstumskultur eine derartige Ausstrahlung und Wucht, dass jede Opposition als hoffnungslos, ja geradezu als lächerlich erscheint. Der Sozialismus, als radikalster Versuch, das System zu ändern, hat Millionen Menschen das Leben gekostet, und die ewigen linken Besserwisser waren nie und sind noch immer nicht einmal bereit, sich der eigenen blutigen Geschichte zu stellen, was die Voraussetzung für einen - vielleicht ohnehin nicht mehr möglichen - Neuanfang wäre.
Die Grünen sind zu einer netten, bürgerlichen Partei konvertiert. Und was die Piraten betrifft, die neuerdings in Deutschland ein bisschen Furore machen, so würde ich sie in gewisser Weise mit den Achtundsechzigern vergleichen, jener ersten Konsumgeneration, mit dem Unterschied, dass die Achtundsechziger den freien Zugang zu materiellen Gütern wollten, während es den Piraten, die alles schon haben, nun um den kostenlosen Zugang zu immateriellen Gütern geht: Das ist, soweit ich sehe, die zentrale und einzige Idee. Sie wird, sobald Piraten selbst geistiges Eigentum hervorbringen, zerplatzen.
Natürlich ist die Netzgemeinde (man kann auch „Community“ sagen) nicht identisch mit den Piraten. Im Netz passiert allerhand, und es viel geredet von den Hoffnungen, die sich mit der Generation Facebook verbinden. Aber was ist Facebook? Was ist das Internet? Das Internet ist eine große Kloake (in der man hin und wieder auch etwas Interessantes und Nützliches findet). Und Facebook ist ein Datensammler, gegen den die Stasi ein Stümperverein war, mit dem Unterschied, dass die Stasi dem Staat diente, und Facebook (vorerst noch) nur dem Konsum: Gefällt mir!
Ja, ich weiß, es gibt nützliche Foren (zum Beispiel, um Probleme zu lösen, die man ohne Internet gar nicht hätte) und Kontaktbörsen (in denen man sich in der digitalen Welt kennenlernen kann, weil man für die wirkliche Welt keine Zeit hat). Und man kann Blogs schreiben. Ich kenne einen, der schreibt einen Blog, dessen einziger Leser er vermutlich selbst ist. Aber immerhin, man hat das Gefühl, in der Öffentlichkeit zu sein. Und wenn man sich googelt, kriegt man sogar ein Ergebnis.
Digitaler Narzissmus. Konsum. Kommunikation ohne Inhalt. Ein Medium das zur Botschaft wird, indem es um sich selbst kreist. Das ist nicht die Lösung, das ist Teil jener Krise, von der ich spreche.
9. Na schön, vielleicht bin ich gerade nur in besonders mieser Stimmung, weil ich mein Notebook in einer Lufthansa-Maschine stehengelassen habe. Ja, auch ich schreibe längst nicht mehr mit der Hand. Auch ich bin abhängig von E-Mail und Google. Seit mehr als einem Monat bin ich nun beschäftigt, zuerst mit der Suche nach dem Gerät, dann mit dem Versuch der Wiederherstellung der Daten. Ein furchtbarer Monat - aber nicht der erste furchtbare Monat, den ich mit Computercrashs oder Datenverlusten zugebracht habe. Ich weiß, in Zukunft passiert das nicht mehr, die Technik wird immer vollkommener. Das Dumme ist, dass wir immer in der Gegenwart leben.
Und in der Gegenwart stellt sich heraus, dass das Notebook nicht auffindbar ist. Die Reinigung der Flugzeuge ist nämlich an eine Fremdfirma „outgesourct“, und das „Cleaning-Personal“, so wird mir von einer Person, die nicht genannt werden möchte, erzählt, steht so unter Druck, dass es oft keine Zeit hat, sich um Fundsachen zu kümmern und dieselben schlankweg in den Müll schmeißt.
Übrigens war es ein Lenovo-Notebook, auch das will ich gern noch ausplaudern. Ein High-End-Notebook, ausgerüstet mit einer speziellen Rescue-&-Recovery-Software, extra für den Fall des Verlustes von Daten oder Gerät - die dann aber natürlich nicht funktioniert, jedenfalls nicht so, wie sie soll. Ich erspare dem Leser enervierende Einzelheiten (es geht um bestimmte verschlüsselte Dateien). Ich erspare ihm die Schilderung eines mehrstündigen Aufenthalts im Lenovo-Fachgeschäft, der Telefonate mit Service- und Supporthotlines, des E-Mail-Verkehrs mit sogenannten Level-2-Technikern und so weiter. Wir sind, wie gesagt in der Gegenwart. Und in der Gegenwart blieb das Problem ungelöst, und ich habe mein Notebook zurückgeschickt und bin erst mal ohne nach Kopenhagen geflogen.
Ohne Notebook, ohne E-Mail-Zugang, ohne Google. Und es war wunderbar! Es war analog! Es war so gut, dass ich mir vorgenommen habe, nie mehr ein Notebook mit auf solche Reisen zu nehmen.
1 und 1 das macht 2
Armin Schulz (altpapier)
- 20.12.2012, 00:36 Uhr
Richtige Prämissen, falsche Konklusion
Wolfgang Kolberg (wberg70)
- 19.12.2012, 23:13 Uhr
Genau der Punkt !
K. Peter Luecke (microplan2002)
- 19.12.2012, 17:43 Uhr
Verschweizern statt EU-Lamento!
Baldur Jahn (baldurjahn)
- 19.12.2012, 15:51 Uhr
Gefällt mir!
Ricardo Salva (RicardoSalva)
- 19.12.2012, 11:57 Uhr