10.04.2010 · Mit seinem neuen Roman macht Ian McEwan den Klimawandel literaturfähig. „Solar“ heißt das satirische Werk, das soeben in Großbritannien erschienen ist. Im Mittelpunkt steht ein Nobelpreisträger für Physik, den allerdings keineswegs nur der Umweltschutz umtreibt.
Von Felicitas von LovenbergEs ist ein Eisbär, der Michael Beards bereits gescheiterten fünften Ehe den Rest gibt und zugleich seiner erschlaffenden Karriere wieder auf die Sprünge hilft. Ausgerechnet ein Polarbewohner, der sein ausgestorbenes Dasein als Kaminvorleger im gehobenen Londoner Stadtteil Belzise Park fristet, schiebt im entscheidenden Augenblick sein Haupt zwischen den Hausherrn und jenen Fuß des Schicksals, der gerade im Begriff schien, Beard einen letzten Tritt zu versetzen.
Es ist nicht der einzige Eisbär, der in „Solar“ einen Auftritt hat: Von einem lebendigen Exemplar bekommt Michael Beard bei einer Expedition in die Arktis fast den heißen Atem zu spüren. Sein Engagement für den Klimaschutz macht die Begegnung nicht eben inbrünstiger.
Ian McEwan hat mit dem soeben in Großbritannien erschienenen „Solar“ nicht nur seinen zwölften und zugleich einen seiner stärksten Romane vorgelegt - was nach Werken wie „Liebeswahn“, „Saturday“ und vor allem „Abbitte“ einiges heißen will -, sondern auch in thematischer Hinsicht Literaturgeschichte geschrieben. Denn „Solar“ ist der erste große Roman über den Klimawandel, ein Werk, dessen Autor keinerlei künstlerische Kompromisse gemacht hat trotz seines hehren Anliegens: den Klimawandel aus Wissenschaft und Politik in die Mitte der Gesellschaft zu holen.
Zugleich ist „Solar“, was bei diesem ernsten Thema verwundern mag, Ian McEwans bisher witzigster Roman, eine Satire, wie sie nur ein so informierter wie bedauernder Skeptiker schreiben kann, bitterböse und auf bisweilen brutale Weise wahrhaftig. Einen hochnotkomischen Höhepunkt erreicht das Buch kurz in der Arktis kurz vor Beards Treffen mit dem Eisbär.
Nobelpreisträger, Vielfraß, angehender Alkoholiker
Von einem weltfremden Idealismus, wie er Künstlern gerne nachgesagt wird, ist in „Solar“ nichts zu spüren, im Gegenteil: Michael Beard, Nobelpreisträger für Physik, angehender Alkoholiker, Vielfraß und unverdrossener Anmacher mit Neigung zum jovialen Schwätzertum, ist alles andere als ein Vorbildwissenschaftler. Verantwortungsbewusstsein geht ihm ebenso ab wie der Ehrgeiz, sein Renommee durch Taten frisch aufzupolieren. Als er die Chance wittert, als Retter des Planeten nicht nur in die medialen Annalen einzugehen, sondern auch noch reich zu werden, kommt das eher seiner Geltungssucht als irgendeiner tiefen Fortschrittsüberzeugung entgegen.
Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimaforschung, hat „Solar“ bereits gelesen. Er findet, dass Ian McEwan der Wissenschaft mit diesem Roman einen großen Dienst erwiesen hat - gerade weil er mit Beard einen Zyniker in den Mittelpunkt rückt. Schellnhuber hält das Beard-Porträt in seiner ganzen erratischen déformation professionelle für absolut gelungen - und realistisch. Davon abgesehen sei der Skeptizismus, der aus dem Buch spreche, ja auch berechtigt: Auch die Klimaforscher hätten schließlich keine Gewissheiten anzubieten. „Und Propaganda- oder Kampagnenliteratur“, so Schellnhuber, „ist doch immer flach.“ Wichtig sei vor allem, dass das Thema stärker ins Bewusstsein rücke - und da ist kaum etwas so wirkungsvoll wie eine Kunst, die für Gesprächsstoff sorgt.
McEwan hat ihm ein Vorabexemplar geschickt, denn Schellnhuber hat ihn nicht nur bei ihrer ersten Begegnung vor fünf Jahren anlässlich eines Oxforder Symposions von Künstlern und Wissenschaftlern gewissermaßen mit dem Thema in Kontakt gebracht, sondern ihm auch bei den Recherchen geholfen - ohne dass McEwan ihm verraten hätte, woran er arbeitete. Das erfuhr er erst, als das Vorabexemplar mit der Post kam. Zu der künstlich herbeigeführten Photosynthese, wie Beard sie in großem Maßstab und nicht nur für das Klima gewinnbringend einzusetzen hofft, wird tatsächlich seit langem geforscht. Schellnhuber indes glaubt nicht, dass sie den großen Durchbruch bringen wird - ein Zweifel, den auch der Roman nährt.
Die Untreue der Ehefrau Nummer fünf
Doch obwohl er sich auf der Höhe des aktuellen Wissenschaftsdiskurses bewegt, ist „Solar“ alles andere als eine trockene Lektüre: dafür sorgen die heftigen Turbulenzen im Leben seines Helden. Michael Beard ist dank eines frühen Geniestreichs - er hat zu Einsteins Photovoltaik eine Theorie entwickelt, die als Beard-Einstein-Verschmelzung in die Wissenschaft eingegangen ist - Nobelpreisträger für Physik und hat seither auf dem Stockholmer Lorbeer ein angenehmes Auskommen: Sein Name ziert die Briefköpfe zahlreicher Institutionen; bis hin in oberste Regierungskreise sucht man sich seiner zu vergewissern.
Zu Beginn von „Solar“ ist er Anfang fünfzig und Galionsfigur eines ehrgeizigen Projekts von New Labour, des National Centre for Renewable Energy. Doch mehr als die Frage nach den Möglichkeiten effizienter alternativer Energiegewinnung beschäftigt Beard die Untreue seiner Ehefrau Nummer fünf, die sich nach zahlreichen Affären seinerseits in die starken Arme eines Bauarbeiters geworfen hat. Zu seinem eigenen Erstaunen leidet der reulose Betrüger am Betrogenwerden - doch wie auch in anderen Lebensbereichen, etwa seiner beharrlich anschwellenden Leibesfülle, kommt Beard zum Schluss, dass sich ein neues Regime auch morgen noch beginnen lässt - falls Widerstand nicht ohnehin zwecklos ist. Die tiefere Wahrheit jenes Theorems, das man im Englischen unter der Formel „There is no such thing as a free lunch“ kennt, wird sich Beard erst noch schmerzlich erschließen.
Ian McEwan, dem die Entscheidung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften schon als Schüler schwerfiel, macht nicht zum ersten Mal einen Rationalisten zum Protagonisten. Joe Rose aus „Liebeswahn“ (1997) ist Wissenschaftsautor und erhellt durch seine Beschäftigung mit dem Mann, der ihn verfolgt, eine besondere Form krankhafter Obsession; Harry Perowne, der Held von „Saturday“ (2005), ist Gehirnchirurg. Für diesen Roman hatte McEwan einen Neurochirurgen bei der Arbeit begleitet, und auch diesmal fehlte es ihm nicht an persönlicher Anschauung: Schellnhuber hatte den Schriftsteller im Herbst 2007 zum Klimasymposion „A Nobel Cause“ nach Potsdam eingeladen, wo mehrere Nobelpreisträger zugegen waren.
Das Chaos in der Stiefelkammer
Bereits zwei Jahre zuvor hatte McEwan mit anderen Künstlern und Wissenschaftlern an einer Reise zum nördlichen Polarkreis teilgenommen. Die Erfahrung, dass es einer Gruppe von gebildeten Erwachsenen nicht einmal eine Woche lang gelang, die Stiefelkammer des Schiffs in Ordnung zu halten, wo die für jegliche Exkursion übers Eis überlebenswichtigen Schneeanzüge untergebracht waren, ließ es hoffnungslos utopisch anmuten, dass die fortschreitende Entropie nicht irgendwann den ganzen Planeten erfassen würde.
Die Befürchtung, dass „kleine Versehen, die zu unscheinbaren Schwächen führen, deren rinnsalartige Folgen zu Kaskaden anwachsen“, die McEwan bereits damals äußerte, hat er jetzt in eine prächtige Farce umgesetzt, in der Michael Beards unstillbarer Appetit auf Kartoffelchips ebenso fatal scheint wie seine Entscheidung, einen tödlichen Unfall wie einen Mord aussehen zu lassen und diesen dann auch noch einem Nebenbuhler in die Schuhe zu schieben, oder seine schier unerschöpfliche Fähigkeit, sich selbst - und anderen - etwas vorzumachen. Beards einstige Brillanz in Ehren, doch in seinem Fall sind Eigennutz und Bequemlichkeitsdrang stärker als die Fähigkeit zu rationalem Handeln. Wer schon den eigenen Bauchumfang nicht in den Griff kriegen kann, so legt „Solar“ nahe, sollte sich vorsehen, wenn er sich zum Weltretter aufschwingen will.
Der Dialog zwischen Literatur und Wissenschaft, auf den auch Schellnhuber hofft, ist mit diesem Werk, das wie jede große Satire Elemente einer Tragödie hat, jedenfalls grandios eröffnet. In deutscher Übersetzung erscheint Ian McEwans Roman am 28. September im Diogenes Verlag.
Felicitas von Lovenberg Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.
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