Home
http://www.faz.net/-gr0-t48p
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 19. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Entführung und Literatur Unsere bösen Märchen

04.09.2006 ·  Die Entführung der Natascha Kampusch war erschütternd - und real. Was uns in der Realität erschauern läßt, kann uns in der Fiktion jedoch faszinieren. Bücher, die das Böse in unsere Phantasie lassen.

Von Paul Ingendaay
Artikel Bilder (7) Lesermeinungen (0)

In Friedrich Dürrenmatts Roman „Das Versprechen“ (1958), der Geschichte einer Kindesentführung, benutzen die Ermittler die Tochter einer nichtsahnenden Frau als Köder. Sie wissen, daß das Mädchen von einem Fremden dieselbe Schokolade bekommen hat wie die Entführte; jetzt wollen sie wissen, wie der Mann aussah, sie wollen seine Körpergröße, ein Gesicht und eine Stimme. Aber das Mädchen gibt sie ihnen nicht, und der Unbekannte taucht nicht auf. „Ich will doch nur, daß dir nichts Böses geschieht“, schreit der Kommissar. Und bevor auch der Staatsanwalt anfängt zu schreien, bevor sie das Mädchen am Arm packen, rütteln und schließlich verprügeln, mehrere Männer, die im Wald die Nerven verlieren, weil ihnen der Kindesentführer nach einer Woche Lauerns und Wartens durch die Lappen gegangen ist, sagt das Mädchen leise: „Du lügst. Du lügst.“

In dieser grausamen Szene ist viel von dem psychologischen Drama der Entführung enthalten, obwohl die beiden Hauptbeteiligten abwesend sind. Die Polizei versagt. Ein kleines Mädchen weiß nicht, wie ihm geschieht. Und die Mutter dieses Mädchens sagt dem Kommissar, was sie von ihm hält: „Sie sind ein Schwein.“ Das ist er gewiß nicht. Der Kommissar wird sich in seine Aufgabe, den Entführer zu finden, rettungslos verbeißen und seine Gesundheit und seinen Verstand dafür hergeben. Doch die moralischen Trennlinien beginnen sich zu verwischen. Die drei Verfilmungen des „Versprechens“, zuletzt 2001 mit Jack Nicholson, zeigen, daß die manische Suche des Kommissars unsere Phantasie nach wie vor beschäftigt.

Böse Liebe

Es war schon immer Sache der Literatur, solchen Phantasien Nahrung zu geben, mit Romanen über Gefangene, Eingeschlossene, Weggesperrte. Und über die kranken Seelen der Entführer. Meistens entscheiden sich Schriftsteller für eine der beiden Seiten, um ihre Geschichte zu erzählen. Ein Kunstwerk wie Vladimir Nabokovs „Lolita“ (1955) verstört auch deshalb, weil es seine geniale Konstruktion und seinen ganzen sprachlichen Zauber aufbietet, um den Leser auf die Seite des Täters zu locken. Es ist Humbert Humbert, der spricht, keine Bestie, sondern ein gebildeter Mann. Das Gesetz erklärt ihn zu Lolitas Vormund. So bleibt dem Leser nichts anderes übrig, als den Verästelungen einer Allmachtsphantasie zu folgen. Was für den Erzähler totale Verfügbarkeit ist, bedeutet für das Opfer eine gestohlene Kindheit.

In diesem Licht erscheint „Der Sammler“, der 1963 erschienene Roman des Engländers John Fowles, wie eine seltene Variante des Genres. Am Freitag hieß es im Österreichischen Rundfunk, man suche in der Bibliothek des Entführers von Natascha Kampusch noch immer nach diesem Buch, das wieder zum Bestseller geworden ist. Fowles gibt beiden, dem Täter und seinem Opfer, eine Stimme. Doch während Frederick Clegg, ein junger Mann, der durch einen Lottogewinn zu Geld gekommen ist, unmittelbar zu uns spricht, als wäre der Leser sein Richter, beschränkt sich die Perspektive der Kunststudentin Miranda auf die Tagebuchblätter, die sie in der Gefangenschaft schreibt.

Die Angst in unserer Phantasie

Abgesehen davon, daß die Gefangene im „Sammler“ eine Erwachsene ist, scheint der aktuelle Entführungsfall bei Fowles in vielen Facetten vorgebildet. Die Gestörtheit des Täters. Das Provinzielle der Umgebung. Die sorgfältige Tatvorbereitung bis hin zu doppelter Tür und Schalldämmung. Jedes Detail daran ist peinigend, weil die Aufmerksamkeit des Entführers obsessiver Liebe entspringt und real Böses bewirkt. Die Aquarellfarben, die er kauft, die Unterwäsche, die Mozart-Platten. Als Miranda krank wird, kommt es zur Katastrophe, weil der Entführer kein anderer sein kann als der, der er unwiderruflich ist. Erst der Toten kann er vergeben, daß sie ihn gehaßt hat. Die letzten, gespenstischen Zeilen des Romans lassen ahnen, daß Frederick für die Gestorbene eine Nachfolgerin suchen wird.

Erstaunlich, wie viele Geschichten vom Menschenraub wir uns freiwillig erzählen lassen. Es scheinen unsere bösen Märchen zu sein, Mahnungen, was jedem von uns passieren könnte. Ian McEwans Roman „Ein Kind zur Zeit“ (1987) schildert, wie nach einer Kindesentführung die Ehe der Eltern zerbricht. Ron Howards Film „Kopfgeld“ (1996) zeigt, wie ein Mann den Spieß umdreht und Jagd auf die Entführer seines Sohnes macht. Eine Moral ist nirgendwo zu entdecken, nur Formen, mit Angst, Verzweiflung und Verlust umzugehen. Das ist es, was Fiktionen uns bieten: daß wir das Böse in unsere Köpfe lassen können, ohne von ihm verschlungen zu werden.

Quelle: F.A.Z., 04.09.2006, Nr. 205 / Seite 33
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel