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England Melancholie am Herd

07.06.2005 ·  Sind Bücher von Frauen oft „fad, deprimiert und häuslich“, handelt Frauenliteratur oft nur von Küche und Herd? In England ist angesichts der Verleihung des Orange Prize for Fiction eine Debatte entbrannt.

Von Gina Thomas, London
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So wie Thomas Carlyle beschlossen haben soll, die London Library zu gründen aus lauter Ärger darüber, daß Thomas Babington Macaulay in der British Library bevorzugt behandelt wurde, ist auch der Orange Prize for Fiction im Zorn entstanden.

Den Anstoß gab die Liste der sechs Autoren, die 1991 für den Booker-Preis in die engere Wahl kamen: Es waren ausschließlich Männer. Daraufhin tat sich eine Gruppe von Verlegern, Kritikern, Bibliothekaren, Buchhändlern und Autoren zusammen, um der vermeintlichen Benachteiligung des weiblichen Geschlechts durch den Buchbetrieb entgegenzutreten mit einem Preis, von dem Männer ausgeschlossen sind.

Zum zehnten Mal vergeben

Es dauerte einige Jahre, bis alles geregelt war vom Preisgeld, das eine anonyme Geldgeberin stiftete, über die Statuten, die bestimmen, daß auch die Jury nur aus Frauen bestehen darf, um dem weiblichen Rezensionswesen hochzuhelfen, bis hin zum Sponsor, dem Mobilfunkanbieter Orange, nach dem die Autorinnen aus dem englischen Sprachraum vorbehaltene Auszeichnung benannt ist.

1996 war es soweit. Inzwischen rangiert der mit 30.000 Pfund ausgestattete Orange Prize gleich hinter den zwei höchsten Auszeichnungen des britischen Literaturbetriebs, dem Booker-Preis und dem Whitbread-Buch des Jahres. Am heutigen Dienstag wird der Preis zum zehnten Mal vergeben. Zum Jubiläum wird eine Jury das „beste“ Buch aus den bisher prämierten Titeln auswählen. Zudem ist ein mit 10.byatt000 Pfund dotierter Nachwuchspreis für ein Debüt eingerichtet worden.

Spott von vielen Seiten

Die Gründer hatten in ihrer feministischen Begeisterung nicht mit dem Spott gerechnet, der von vielen Seiten über ihr Anliegen geschüttet wurde und, wie sich in den letzten Wochen zeigte, mitunter noch geschüttet wird. Die Schriftstellerin A.S. Byatt, die stets ohne Umschweife sagt, was sie denkt, protestierte aus „tiefster feministischer Empfindung“ gegen alles, was Frauen „gettoisiert“.

Kingsley Amis verkündete, wäre er eine Frau, würde er den Preis nicht haben wollen. Die Siegerin sei denn auch nicht ernst zu nehmen. Mit dem bitterbösen Witz des Vaters sprach Auberon Waugh vom „Lemon Prize“, also einer Auszeichnung für Nieten. Und der stachelige Kolumnist Simon Jenkins fand das ganze Unterfangen „sexistisch“. Er sieht in der Fortdauer des Preises den Beweis für „die wunderbare Langlebigkeit der Diskriminierung, solange sie politisch korrekt ist“.

Enttäuschend häuslich

Davon zeugt auch die Empörung, die kürzlich aufkam, als der jüngste Band der für den British Council herausgegebenen Anthologie „New Writing“ erschien. In ihrem Vorwort hatten die diesjährigen Editoren, Ali Smith und Toby Litt, das Niveau der weiblichen Beiträge beklagt. Das Material sei im großen und ganzen „enttäuschend häuslich, das Gegenteil von riskant“ gewesen, „als seien zu viele Schriftstellerinnen mit einer Sonderdroge injiziert worden, die sie stumpfsinnig macht, brav, sie veranlaßt, das Richtige zu sagen, die richtige Form nachzuahmen, noch dazu mit Melancholie, höllisch deprimiert“.

Obwohl Ali Smith und Toby Litt beteuerten, nicht die häusliche Thematik, sondern die mangelnde künstlerische Risikobereitschaft kritisiert zu haben, setzte sich der Eindruck fest, sie hätten die zeitgenössische Frauenliteratur pauschal als „fad, deprimiert und häuslich“ abgestempelt. Von überall her wandten pikierte Autorinnen ein, daß die größte Weltliteratur im Häuslichen verankert sei, und fragten, ob die Herausgeber Jane Austen vergessen hätten, Henry James, Tolstoi und Flaubert?

Aufschrei der Empörung

Lisa Jardine und Annie Watkins, zwei Wissenschaftlerinnen der Londoner Universität haben anläßlich der zehnten Verleihung des Orange-Preises eine Studie über das Leseverhalten von Männern und Frauen veröffentlicht. Würde man den Spieß umdrehen und männliche Autoren zu ähnlich herablassenden Schlüssen über die weibliche Lektüre kommen lassen, gäbe es unter der Schwesternschaft einen Aufschrei der Empörung.

Anhand einer Umfrage unter hundert Akademikern, Schriftstellern und Kritikern stellen die beiden Frauen fest, daß der Orange-Preis breite Akzeptanz gefunden hat. Allerdings bestehe zumindest in der „kulturellen Elite“ bei der Wahl des Lesestoffs immer noch eine Kluft zwischen den Geschlechtern. Obwohl keiner zugeben wolle, daß das Geschlecht des Autors eine Rolle spiele, neigten Männer zu Werken von Männern, während Frauen Bücher von Frauen wie Männern läsen.

Mehr Preise für die Männer

Bei alledem kommt die Frage nach der Qualität des Produkts nicht auf. Die Booker-Preis-Trägerin Anita Brookner zählt zu den Schriftstellerinnen, die der Ansicht sind, Frauen sollten keine Sonderbehandlung verlangen: „Wenn ein Buch gut ist, wird es einen Verleger finden. Wenn es gut ist, wird es rezensiert.“ Bei den Orange-Fürkämpferinnen fallen statt dessen Statistiken ins Gewicht wie jene, daß Frauen zwar siebzig Prozent der in Großbritannien veröffentlichten Romane verfassen, die Männer aber immer noch den Löwenanteil der Preise erhalten. Daß auch Männer um Aufmerksamkeit für ein Buch ringen müssen, will den leidklagenden Autorinnen nicht in den Sinn kommen.

Das Bild allerdings, daß Frauenliteratur nur von Küche und Herd handelt, strafen zumindest vier der sechs Romane Lügen, die jetzt in die engere Wahl für den Orange-Preis kamen. Joolz Denby ist eine über und über tätowierte ehemalige Motorradbraut, die den Leser von „Billie Morgan“ in die brutale Drogenwelt der Bürgerschrecke führt, in der sie lange selbst zu Hause war. In „We Need to Talk About Kevin“ läßt die Amerikanerin Lionel Shriver die Mutter eines Sechzehnjährigen, der ein Schulmassaker begangen hat, fragen, wieviel Mitschuld sie an dem Unglück trage, weil sie das Kind von Geburt an gehaßt habe.

Jane Gardam erzählt in „Old Filth“ die Lebensgeschichte eines alten Kolonialrichters, der seine Kindheitswunden zu überwinden sucht. Und die Favoritin, Marina Lewycka, die in einem deutschen Lager geborene Tochter ukrainischer Zwangsarbeiter, schildert in „A Short History of Tractors in Ukrainian“ das possenhafte Schicksal eines Witwers, der eine 48 Jahre jüngere Ukrainerin heiratet. Sie hat es auf einen britischen Paß und das Geld abgesehen, er will sich skurrile Lebensträume erfüllen und eine Geschichte der Traktoren auf ukrainisch schreiben. Wer auch gewinnt: Die Preisträgerin wird es wohl mit dem skeptisch eingestellten Kingsley Amis halten, der Literaturpreise dann guthieß, wenn man sie selber gewinnt.

Quelle: F.A.Z., 07.06.2005, Nr. 129 / Seite 41
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