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Elke Heidenreich Kaiserlicher Bote: „Die Nachtigall“

28.11.2005 ·  Noch mehr als alle Bücher erreicht Musik unser Herz. Davon handelt „Die Nachtigall“, das schönste aller Märchen vom einsamen, so verschrobenen und so zarten Andersen, der ein großer, großer Dichter ist. Findet Elke Heidenreich.

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„In China, das weißt du ja wohl, ist der Kaiser ein Chinese, und alle, die er um sich hat, sind Chinesen.“ Mit diesem Satz hat mich die Geschichte schon. Ich bin nun total in der Fremde, unter Chinesen. Denken und fühlen die wie ich? Aber ja! Der Kaiser in seinem Schloß ganz aus Porzellan liebt Schönheit - an seine prächtigsten Blumen werden kleine Glocken gebunden, die im Wind läuten - damit man die Blumen bemerkt und nicht achtlos vorübergeht.

Der Kaiser liest auch, und so sitzt er eines Tages auf seinem natürlich goldenen Thron und liest, daß es in seinem Reich eine Nachtigall gibt, die so wunderbar singt, daß es in ganz China nichts Schöneres gibt. „Was ist das!“ sagt der Kaiser. „So etwas muß man nun erst durch Lesen erfahren!“ Ja, Kaiser, durch Lesen erfährt man die größten Geheimnisse, ich weiß das! Und nun soll die Nachtigall an den Hof gebracht werden, um vorzusingen. Auf dem Weg in den Wald hören die Höflinge Kühe brüllen. Wie herrlich! Das ist die Nachtigall? Dann quaken Frösche im Sumpf. Nein, das muß sie sein! Ja, so dumm bleibt man, wenn man nicht liest und nicht weiß, daß die Nachtigall ein unscheinbares kleines Vögelchen ist. Sie singt nun dem Kaiser vor, und er weint über soviel Schönheit. Sofort bekommt der Vogel einen Käfig, einen seidenen Faden ans Bein, aber er singt nicht, wenn er soll - nur, wenn er will.

Das geht natürlich bei Kaisers gar nicht, und so wird eine künstliche Nachtigall ganz aus Juwelen herangebracht, die trällert genau vierunddreißigmal das gleiche Lied, dann ist sie kaputt. Und dann? Auch ein Kaiser wird krank, und der Tod sitzt schon schwer auf seiner Brust. Da kommt die echte Nachtigall angeflogen und singt so zart von Trost und Hoffnung, daß der Kaiser wieder gesund wird. Und sie beschließen, daß sie ihm nun immer vorsingen wird von dem, was sie im Land so sieht und hört: von den Glücklichen und den Unglücklichen, von Gutem und Bösem, von dem, was man alles so vor dem Kaiser verbirgt. Denn noch mehr als alle Bücher erreicht Musik unser Herz. Davon handelt dieses für mich schönste aller Märchen vom einsamen, so verschrobenen und so zarten Andersen, der ein großer, großer Dichter ist.

Andersens Märchen sind in zahlreichen Ausgaben im Buchhandel erhältlich, zum Beispiel „Sämtliche Märchen von Hans Christian Andersen“ in zwei Bänden mit den klassischen Illustrationen von Vilhelm Pedersen und Lorenz Frolich, erschienen im Verlag Artemis und Winkler, 49,80 [Euro].

Als Hörbuch: „Die Nachtigall“ von Hans Christian Andersen, gelesen von Maria Schell, Musik von den Nürnberger Symphonikern, Colosseum (Alive), ca. 9 Euro.

Quelle: F.A.Z., 28.11.2005, Nr. 277 / Seite 35
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