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Element of Crime Wo du nicht bist, ist Delmenhorst

23.09.2005 ·  Im Edeka des Grauens: „Element of Crime“ sind zurück, pflegen ihre Paranoia - und klingen entspannter denn je. Das neue Album „Mittelpunkt der Welt“ ist bissig, prägnant und musikalisch geradlinig.

Von Tilman Spreckelsen
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Ein Verlierer ist man schnell: Wenn man etwa „als erster von weinenden Wolken spricht“, „Witze macht“ oder einfach „freundlich ist“. So unterschiedlich halten das Verlierertum drei Lieder fest, die sich alle auf dem Album „Mittelpunkt der Welt“ finden.

Das stammt von der vorzüglichen Band „Element of Crime“, es ist ihr erstes seit der allerdings etwas lauen Platte „Romantik“ aus dem Jahr 2001; und weil es in seiner Grundstimmung erheblich bissiger, prägnanter und musikalisch geradliniger als der Vorgänger geraten ist, nimmt man ihm umgekehrt auch die Romantik eher ab, wenn sie sich denn einfindet.

Alles wird immer schlimmer

Die Verlierer jedenfalls, die Wolkenkitsch oder Freundlichkeiten verbreiten, haben es mit einer Welt zu tun, die mit den Jahren nicht einfacher geworden ist. Zwischen dem „Edeka des Grauens“ und der „Straßenbahn des Todes“ ist man sich schnell darüber „einig, daß alles immer schlimmer wird“, schimpft und tritt sich gegenseitig auf die Zehen. Die Verlierer haben dann die Wahl, sich in die kollektive Wirrnis einzureihen - „Finger weg von meiner Paranoia“ heißt ein besonders schwungvoll aggressives Lied - oder dagegenzuhalten: „Wo die Neurosen wuchern, will ich Landschaftsgärtner sein“, heißt es in „Straßenbahn des Todes“, einem Liebeslied auf Umwegen, und „Mittelpunkt der Welt“ beschreibt ein Wesen, das sich in einem trivialen Kosmos aus Lottospiel und Heftromanen mit Ritualen und Umdeutungen der tristen Realität behauptet, so gut das eben geht. Und sofern man dabei auf die liebevolle Unterstützung des Sängers bauen darf: „Ich bin der Wischmop für die Tränen und der alte Hund, der für dich beißt und bellt / Wo deine Füße stehen, ist der Mittelpunkt der Welt.“

Denn auch davon handeln die Lieder dieser Platte: Wie einer auf den anderen zugeht, ganz vorsichtig und im Bewußtsein beiderseitiger Kompliziertheit, wie man zögert, in die andere Richtung schaut, bevor man sich wie zufällig berührt, wie man hilflose Manöver und Lügen durchschaut: „Du bist immer noch da“, heißt es in „Die letzte U-Bahn geht später“, einem dieser verhaltenen Werbungslieder, „und siehst da hin, wo ich auf keinen Fall bin / Und verdrehst mit den Fingern dein Haar, und nur Idioten finden das wunderbar / Ein Vollidiot bin ich gern, der letzte Verstand, da geht er.“ Darauf reimt sich dann „später“, und nicht einmal das mag man dem Sänger und Texter Sven Regener übelnehmen.

Im Dienst des feinen Trostlieds

Musikalisch ist dieser Kosmos zwischen Neurose und Fürsorge, zwischen verletzter Liebe und Blütenträumen in ein delikates Gewebe aus luftigen Gitarren und Perkussion gehüllt, hin und wieder ergänzt um Regeners Trompete, Ekki Buschs Akkordeon und meistens sparsam eingesetzte Streicher. Und wo die - wie in „Mittelpunkt der Welt“ - zwischen zwei Strophen in Melodien schwelgen, die auch in den Soundtracks der „Winnetou“-Filme kein Fremdkörper wären, steht das ganz im Dienst dieses feinen Trostlieds.

Den prägnanten Auftakt liefert dabei das rotzige „Delmenhorst“, in dem die Gruppe die hohe Kunst beweist, vertraut zu klingen und doch nicht langweilig. Der Name des Provinzstädtchens, der sich freilich gut singen läßt und auf Regeners nordwestdeutsche Heimat verweist, ist dabei ein Passepartout: Der Sänger ist nicht nur dort angekommen, „wo du nicht bist / und das ist immer Delmenhorst“, sondern auch an einem Ort, wo alle Ansprüche und jede Verstellung sinnlos wären, weil es niemanden gibt, der zu beeindrucken wäre. Delmenhorst ist überall dort, wo jeder tun kann, was er will, weil kein anderer davon Notiz nimmt: „Ich hab' jetzt Sachen an, die du nicht magst / Und die sind immer grün und blau / Ob ich wirklich Sport betreibe / Interessiert hier keine Sau.“

Entspannter denn je

Eine zweischneidige Sache, und so ist das Lied auch eine Flaschenpost an die ferne Freundin, die sich beeilen muß, um die Lage noch in den Griff zu kriegen. So jedenfalls ist der Hinweis auf den Getränkemarkt zu verstehen, den der exilierte Sänger schon hinter den Toren Delmenhorsts ausgemacht hat: „Und dann kommt gleich Getränke Hoffmann / Sag Bescheid, wenn du mich liebst.“ Stolze Worte - und sicher auch die Mahnung, schnell noch das Ruder herumzureißen, bevor sich die Türen endgültig hinter dem Flüchtigen geschlossen haben.

„Element of Crime“ aber klingen entspannter denn je. Und weil das nun gar nichts mit Nachlässigkeit oder etwa Laschheit zu tun hat, ist „Mittelpunkt der Welt“ eine großartige Platte geworden.

Element of Crime, Mittelpunkt der Welt. Universal 9873848

Quelle: F.A.Z. vom 24. September 2005
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Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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