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Bibel-Hörspiele : Wenn Abraham beim Analytiker aufkreuzt

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Das Buch der Bücher: Bibel mit handkolorierten Bildern aus dem Jahr 1569 (zurzeit zu sehen in Schwerin in der Ausstellung „Leben mit der Bibel in vier Jahrhunderten“). Bild: dpa

Was kommt dabei heraus, wenn Autoren sich von Bibeltexten anregen lassen? Sie transportieren sie ohne Mühe in die Gegenwart und produzieren einundzwanzig teuflisch gute Hörspiele!

          „Sie werden lachen: die Bibel“, lautete die berühmte Antwort Brechts auf die Frage nach dem für ihn wichtigsten Buch. Heute scheint sie nicht mehr so erstaunlich wie in den vergangenen Jahrzehnten. Religion liegt wieder in der Luft; selbst die Kanzlerin hat zu mehr Bibelfestigkeit geraten. Da kommt das große „Bibel-Projekt“ des Hessischen Rundfunks, das nun in einer schön gestalteten Hörbuch-Box vorliegt, gerade recht, nicht nur, weil das Reformationsjahr begonnen hat. Einundzwanzig Hörspiele sind hier versammelt, bei denen sich deutsche Gegenwartsautoren - darunter Brigitte Kronauer, Sibylle Lewitscharoff, Terézia Mora, Patrick Roth und Feridun Zaimoglu - von den Geschichten, Figuren, Glaubensinhalten und der Sprachmacht der Heiligen Schrift haben anregen lassen.

          Jeder Zugang ist anders. Mal werden in freier Form nur einzelne Motive der Bibel aufgegriffen und in andere Kontexte versetzt, mal wird die lyrische Sprache der Psalmen und des Hohenlieds selbst zu klangvollem Einsatz gebracht, wie in Navid Kermanis Geschlechterkampfhörspiel „Der Tod, eine biblische Liebe“. Dietmar Dath mischt sich unter die Jünger des Gleichnisbauers Jesus, als wären es junge, etwas begriffsstutzige Idealisten von heute („Vom Erlöser lernen“), Marlene Streeruwitz lässt drei Frauen mit dem Namen Maria aufeinandertreffen und aktuelle Geschlechterfragen und ewige Mutterängste im Rückblick auf die Gottesmutter erörtern. Sasha Marianna Salzmann nimmt sich des Themas Homosexualität an. Sie wird im Alten Testament als todeswürdiges „Greuel“ verworfen, aber es gibt auch die Worte des Königs David über seinen Freund Jonathan: „Wunderbarer war deine Liebe für mich als die Liebe der Frauen.“ Salzmann buchstabiert diese Andeutungen zu einer allerdings ziemlich schwülstigen Passion aus.

          Die Texte werden zelebriert

          Ins hurrikanverheerte New Orleans führt „Call Me Moses“ von Werner Fritsch - es ist der grimmige Monolog eines Holocaust-Überlebenden, der nun auch im „gelobten Land“ von Tod und Zerstörung umgeben ist. Faszinierend wird diese Zorn-Rede durch den eindringlichen Bass des jüngst verstorbenen Schauspielers Michael Altmann. In seinem langsamen, bedrohlichen Duktus wirken die Worte wie Geröll; dass dieser moderne Moses im „Privatradio Paradise Now“ auf Sendung sei, glaubt man gern. Nicht weniger charismatisch ist der Hiob-Monolog nach einer Textvorlage Thomas Harlans - Blixa Bargeld zelebriert den Text mit seiner ins Räudige verliebten Stimme.

          Hörspiel Bibelprojekt : „Paulus“

          Manche Autoren greifen Geschichten der Bibel ohne ihren christlichen Kontext auf. Anne Webers „Regen“ erinnert an moderne Katastrophenfilme, auch wenn das Sintflut-Hörspiel kammerspielartig bleibt. Arnold Stadler aber ist es sehr ernst mit dem Christentum. Sein Hörspiel ist eine Hommage auf Pasolinis „Evangelium nach Matthäus“. Die Handlung des Films, mithin die Passion Christi, wird rekapituliert, und mit analytischer Begeisterung spricht Stadler seine Kommentare: „Die haben Adventsgesichter“, schwärmt er über die Schauspieler.

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