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Eine Lektüre von „Mein Kampf“ : War Adolf Hitler ein guter Schriftsteller?

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Hass und Gemeinheit sprechen aus diesem Buch. Aber war es die „stilistische Katastrophe“, zu der es so oft erklärt wurde? Bild: dpa

„Mein Kampf“ bleibt verboten. Und Bayern will die vorbereitete kommentierte Ausgabe vielleicht doch noch unterbinden. Was fürchtet man? Und ist dieses Buch tatsächlich unfassbar schlecht geschrieben? Ein Lektüreversuch.

          Die Frage, unter der dieser Versuch steht, wird durch die Rezeptionsgeschichte von Hitlers „Mein Kampf“ und durch die gegenwärtige Problemlage vor Ablauf der urheberrechtlichen Sperrfrist (2015) geradezu erzwungen. Adolf Hitlers Bekenntnis- und Programmschrift erschien, in zwei Bände unterteilt, im Juli 1925 und Dezember 1926 (mit üblicher Vordatierung auf 1927) im Münchener Eher-Verlag. Der Absatz war zuerst gut, dann nachlassend. Nach dem frappierenden Wahlerfolg der NSDAP vom September 1930 stiegen die Verkaufszahlen aber stark an.

          Bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 wurden 241.000 Exemplare verkauft, danach schnellten die Vertriebszahlen vollends in die Höhe: Allein 1933 wurden fast eine Million Exemplare abgesetzt, bis 1939 mehr als fünf Millionen Exemplare teils verkauft, teils bei Schulabschlüssen, Eheschließungen, Parteiaufnahmen und ähnlichen Gelegenheiten verteilt. Bis 1944 waren es ungefähr zwölfeinhalb Millionen.

          Eine gewaltige Verbreitung. Aber wie stand es um die tatsächliche Rezeption? Wurde das Buch auch massenhaft gelesen? Mitnichten, lautet die gängige Antwort. „Mein Kampf“ gilt weithin als der am wenigsten gelesene Bestseller der deutschen Geschichte. Wie es zu dieser Einschätzung kam, ist in einer mehr als sechshundert Seiten zählenden Untersuchung nachzulesen, die ein früherer Mitarbeiter des Münchener Instituts für Zeitgeschichte, Othmar Plöckinger, 2006 vorgelegt hat („Geschichte eines Buches: Adolf Hitlers ,Mein Kampf‘ 1922-1945“).

          „164.000 Verstöße gegen die deutsche Grammatik“

          Demnach waren es nationalsozialistische Konkurrenten oder Gegner Hitlers, die früh die Behauptung in Umlauf brachten, nicht einmal führende Parteimitglieder hätten die Geduld gehabt, dieses angeblich schlecht geschriebene und törichte Buch zu lesen. Nach 1945 wurde dies zu einem wichtigen Punkt des Rechtfertigungsdiskurses: Man habe dieses Buch nicht gelesen, weil es praktisch nicht lesbar sei - stilistisch ungenießbar, inhaltlich konfus und von unerträglicher Monotonie.

          Diese Unlesbarkeitsthese wurde durch zeitgenössische Kritiken und die nachfolgende Historiographie plausibilisiert. Nicht alle, aber doch viele Artikel über „Mein Kampf“ aus den Jahren um 1930 ergehen sich in der Auflistung stilistischer und gedanklicher Unbedarftheiten oder von Schwulst und überführen diese in schroffe Abwertungen, mitunter in Totalverwerfungen, die in krassem Widerspruch zur Verbreitung des Buches und zu Hitlers politischem Erfolg stehen, vielleicht auch im Widerspruch zu Einsichten der Kritiker selbst.

          Lion Feuchtwanger hat in seinem Bayern-Roman „Erfolg“ (1930) ein karikaturhaftes Porträt Hitlers (im Roman Rupert Kutzner) als eines planlos agierenden Großsprechers gezeichnet. Dennoch war er bereit zu konzedieren, dass Hitlers Selbstverteidigung in der gerichtlichen Verhandlung des Putschversuchs „großartig“ war. Den Stil von „Mein Kampf“ fand Feuchtwanger indessen völlig inakzeptabel. Die „164.000 Wörter“ des Buches seien gleichbedeutend mit „164.000 Verstößen gegen die deutsche Grammatik oder die deutsche Stillehre“.

          Die Entfaltung einer atemberaubenden Anmaßung

          In der Historiographie nach 1945 setzte sich diese abwertende Charakterisierung fort und hält bis heute an. Es gibt kaum einen Historiker, der darauf verzichtet, neben dem Inhalt auch den Stil zu verwerfen. Man hat freilich den Eindruck, dass die Urteile über Hitlers Stil dem Prinzip folgen, dass nicht sein kann, was nicht sein darf: Hitler nämlich als der Urheber eines wirkungsfähigen Buches oder einer schriftstellerischen Leistung. Nun möchte man gerne glauben, dass Hitler dazu in der Tat nicht fähig war. Bekanntlich führt dieser Glaube zu der Frage, wie dann die Faszination zu erklären ist, die von Hitler ausging, und ob diese Wirkung nicht durch seine Schrift gestützt und gesteigert wurde.

          Die bisherigen Antworten der Historiker auf diese Frage waren für mich so wenig überzeugend, dass ich mich veranlasst fühlte, einen Selbstversuch zu machen. Den letzten Impuls gab eine Hitler-Tagung im deutsch-italienischen Forschungszentrum Villa Vigoni im Jahr 2009. So legte ich, da ich bis dahin keine Zeit gefunden hatte, zu den Büchern, die mich in den Urlaub nach Sardinien begleiten sollten, jenes Exemplar von „Mein Kampf“, das meine Schwiegereltern zu ihrer Hochzeit am 20. März 1942 erhalten und als historisches Dokument aufbewahrt hatten (den Namen aus der Widmung freilich herausgeschnitten). Ich gestehe, dass es mir unbehaglich war und mir bis heute wie eine Sünde wider alle Lebensart vorkommt.

          Hass und Gemeinheit sprechen aus diesem Buch. Unvergleichliche Verbrechen sind von ihm ausgegangen, und unermessliche Schande klebt an ihm. Man kann sich damit nicht sehen lassen, schon gar nicht im Park eines Ferienhotels unter Menschen, die ein paar unbeschwerte Tage am Meer erleben wollen. Ich habe es, um keinen Anstoß zu erregen, in das schwarz-goldene Hochglanzpapier eines Luxusuhrenmagazins eingeschlagen, habe mich unter einen abseits stehenden Olivenbaum gesetzt und mich in seinem lichten Schatten, mit einem moosgrünen Faber-Castell 8B zum Unterstreichen in der Hand, für einige Tage der Lektüre überlassen. Es wurde eine verblüffende Erfahrung: „Mein Kampf“ ist die Entfaltung einer atemberaubenden Anmaßung.

          Und was er nicht alles erkannt haben will

          Aus Hitler, so will dieser seine Leser glauben machen, spricht das Weltgericht. Zwar kommt er aus bescheidenen Verhältnissen und will eine schwere Jugend gehabt haben. Aber das Schicksal, so gibt er zu verstehen, hat ihn diesen Weg nur geführt, damit er rascher und besser als jeder andere begreifen lernte, was die Weltgeschichte bewegt. „Wiener Lehr- und Leidensjahre“ lautet der eingängig alliterierende Titel des zweiten Kapitels (den Hitler freilich nicht selbst erfunden hat).

          Fünf Jahre habe er sich unter ständigem Hungern in dieser „Phäakenstadt“ durchschlagen müssen, dabei aber „unendlich viel gelesen“ und häufig die Oper und das Parlament besucht. Wien, dieser „Brennpunkt verschiedenster Nationalitäten“, war der Ort, den er brauchte, um mit der „Genialität der Jugend“ alles „auf das Gründlichste zu durchdenken“ und sich jene bündige „Weltanschauung“ zu schaffen, die zum „granitenen Fundament“ seiner weiteren Entwicklung und seines gegenwärtigen Handelns werden konnte. So geht das weiter und wird, wenn man geschichtlich interessiert ist, nicht langweilig, sondern immer nur ungeheuerlicher: eine über fast achthundert Seiten sich erstreckende Aufblähung eines Einzelnen zum historisch-politischen Alleswisser und Alleskönner.

          Und was er nicht alles erkannt haben will: dass das Habsburgerreich nur noch eine „staatliche Mumie“ und ein Klotz am Bein Deutschlands war; dass der 1914 ermordete Thronfolger Franz Ferdinand schändlicherweise die „Slawisierung“ Deutsch-Österreichs betrieb; dass die deutsche Bündnispolitik verfehlt war, weil die k. u. k. Monarchie zum Untergang verurteilt und auf Italien kein Verlass war; dass die alldeutsche Bewegung zur nationalen Erneuerung nicht taugte, weil sie „bürgerlich, vornehm, gedämpft radikal“ blieb und es verschmähte, „Anhänger aus dem Kreise der breiten Masse“ zu gewinnen; dass im Parlament nur Repräsentanten des Durchschnitts, aber keine Führer saßen; dass die Masse „gleich dem Weibe“ am meisten die „rücksichtslose Kraft und Brutalität“ eines zielbewussten Führers liebt; dass „der Kampf der Sozialdemokratie gegen die nationale Wirtschaft nur den Boden für die Herrschaft des wirklich internationalen Finanz- und Börsenkapitals“ vorbereitet; dass die marxistische Lehre nur erfunden und ausgestreut wurde, um die „Herrschaft der Minderwertigen“ zu ermöglichen; dass die Juden das Unheil der Welt waren. Aber auch, dass es ein paar „geniale“ Politiker gab, von denen man lernen konnte, und dass zu ihnen die Gestalt des „wahrhaft genialen Bürgermeisters“ Dr. Karl Lueger gehörte, des „gewaltigsten deutschen Bürgermeisters aller Zeiten“, der wusste, was er von seinen Juden zu halten hatte.

          Vermengung von Wahrheiten und Phantasmen

          Und was er auf der Basis dieser ebenso erhellenden wie harten „Lehr- und Leidensjahre“ nicht alles zu leisten vermag: Er wird zum erfolgreichen „Bildungsoffizier“; er wird der Gründer und Programmatiker nicht nur einer neuen Partei, sondern einer „Bewegung“, die bald nach ihm benannt wird; er wird der Propagandachef dieser Bewegung, stiehlt den Kommunisten die rote Farbe und erfindet die Hakenkreuzstandarte; er wird der berühmteste Redner Deutschlands, der die größten Säle füllen kann; er verhandelt mit Generälen und Ministern über den Kurs des bayerischen Staats; er bringt, nachdem man seinen Putsch am 9. November 1923 durch eine „Meineidstat“ hat auflaufen lassen, durch seine grandiosen Verteidigungsreden vor Gericht die ganze bayerische Führungsmannschaft in Verlegenheit und erwirbt sich den Respekt der internationalen Presse.

          Rhetorisches Können: Hitler erwirbt sich mit seinen Reden den Respekt der internationalen Presse

          Der Historiker Thomas Weber hat „Mein Kampf“ zu Recht „Hitlers Bildungsroman“ genannt. In der Tat schildert Hitler sein Leben nach dem Muster klassischer Autobiographien und Bildungsromane, indem er, beginnend mit dem Geburtsort und dem Elternhaus, alle die Faktoren und Umstände anführt und gewichtet, die seine Entwicklung irgendwie mitbestimmt haben. Von den meisten Autobiographien und Entwicklungsromanen aber unterscheidet sich „Mein Kampf“ dadurch, dass der Held keine ernsthaften Krisen oder Abweichungen vom richtigen Kurs kennt. Schwierigkeiten und Widerstände schon, aber die überwindet er, indem sich jedes Mal „mit der ganzen Entschlossenheit seines Wesens“ und „einem unerschütterlichen Willen im Herzen“ dagegenstemmt und früh zum Rebellen, ja zum „Revolutionär“ wird: gegen den Vater, der ihn zum Beamten machen will; gegen die Akademie, die seine Berufung zum Maler und Baumeister nicht anerkennen will; gegen das unbegreifliche Schicksal, „dass nicht jeder Deutsche das Glück besitzt, dem Reich Bismarcks anzugehören“.

          Indem Hitler rekapituliert, wie er all diese Schwierigkeiten meisterte, wird sein Buch zum Heldenepos, dessen Verfasser man Bewunderung nicht versagen könnte, wenn man nicht durch die historische Biographik darüber informiert wäre, wie dürftig Hitlers Anfänge waren, wie liederlich seine Jugendjahre, wie zweifelhaft seine soldatischen Leistungen, wie zwielichtig der Beginn seiner politischen Karriere in der Revolutionszeit und wie abenteuerlich sein Kurs vor dem Putschversuch. Und zugleich gibt sich „Mein Kampf“ als eine politische Summe, die nichts den Elaboraten „bebrillter Theoretiker“ verdankt, sondern allein auf der eigenen Anschauung eines „unerbittlichen“ Realisten und „genialen“ Analytikers beruhen will. Hitlers Selbstbewusstsein ist so umwerfend, die Suggestivität seiner Suada, seiner Vermengung von Wahrheiten und Phantasmen so mächtig, dass man, je länger man liest, wohl glauben mag, dass dieses Buch nicht nur peinigend oder abstoßend wirken mochte, wie seine Kritiker versichern, sondern auch Bewunderung hervorrufen und Anhänger schaffen konnte.

          Die Einstellung der Leser bestimmt die Wirkung des Buchs

          Aber kann man „Mein Kampf“ überhaupt lesen? Joachim Fest, der das Buch wohl am besten charakterisiert hat, bezeichnet die Lektüre aufgrund der „gedrechselten, wurmartigen Perioden, in denen sich bildungsbürgerliche Paradiersucht und österreichischer Kanzleischwulst umständlich verbanden“, als „ermüdend“ und abstoßend. Auch versäumt er es nicht, jenen Satz anzuführen, der seit Walter Mehrings Essay „Mein Kampf mit der deutschen Sprache“ (1935) als Paradebeispiel für Hitlers wissensmäßige und stilistische Defizienz gilt: „Wer nicht selber in den Klammern dieser würgenden Natter sich befindet, lernt ihre Giftzähne niemals kennen.“ Rudolf Olden fügte dem 1936 hinzu, und Fest zitiert es: „In so ein paar Worten sind mehr Fehler, als sich in einem ganzen Aufsatz richtigstellen ließen. Eine Natter hat keine Klammern, und eine Schlange, die einen Menschen umklammern kann, hat keine Giftzähne. Wenn aber ein Mensch von einer Schlange gewürgt wird, so lernt er doch dadurch nie ihre Zähne kennen.“

          Das ist zweifellos richtig, verkennt aber das Wirkungspotential dieses Satzes vollständig. Es geht hier nicht um biologische Richtigkeit, über deren Fehlen sich die „Gelehrten“, wie Hitler herablassend zu sagen pflegte, ereifern mochten, sondern darum, dem aufnahmebereiten Leser zu verdeutlichen, was anhaltende materielle Not ist: ein Schicksal, das nicht nur erdrückend wirkt, sondern dem Betroffenen auch noch mit giftigen Bissen zusetzt. Im übrigen gibt es nicht allzu viele Bildvermengungen oder Bildbrüche (Katachresen) dieser Art, sonst müsste nicht immer wieder dieser eine Satz als Beispiel herhalten.

          Im „Vorwort“ schrieb Hitler, dass er sich mit seinem Buch „nicht an Fremde“ wende, „sondern an diejenigen Anhänger der Bewegung, die mit dem Herzen ihr angehören und deren Verstand nun nach innigerer Aufklärung“ über ihren Führer, seine Motive und Ziele strebe. Diese Adressierung sollte, obwohl sie natürlich nicht wertungsbestimmend sein darf, im Hinblick auf die Wirkung von Hitlers Buch berücksichtigt werden. Versucht man nämlich, „Mein Kampf“ mit den Augen eines tatsächlichen oder potentiellen Adepten zu lesen, klingt alles ganz anders, verwandeln sich Katachresen in starke Bildverdichtungen, sperrige Sätze in hingebungsvoll zu studierende Verlautbarungen. Auch hier gilt, was der römische Grammatiker Terentianus Maurus in die klassische Formel brachte: „Pro captu lectoris habent sua fata libelli“ - Je nach Fassungskraft (oder Einstellung) des Lesers haben Bücher ihr Schicksal (oder ihre Wirkung).

          Erstausgabe von Hitlers zweibändiger Kampfschrift, die dieses Frühjahr in einem amerikanischen Auktionshaus zur Versteigerung gelangte.

          Superlative und aufreizende Schimpfwörter

          Nun ist es aber gar nicht nötig, Hitlers Buch mit Sympathisantenaugen zu lesen, um es als wirkungsfähige schriftstellerische Leistung zu sehen. Die Perioden mögen „gedrechselt“ sein, aber sie sind grammatikalisch nicht falsch. Sie mögen sperrig sein, aber sie sind nicht unverständlich. Sie bieten Widerstand, aber sie mochten den „geneigten“ Leser, der sich durchgebissen hatte, mit dem Gefühl belohnen, etwas genau auseinandergesetzt bekommen zu haben. Hitlers vertrackte Schreibweise ist nicht Zeichen von Unvermögen oder Nachlässigkeit, sie folgt einem dezidierten Stilwillen. Dessen hauptsächliche Äußerungsformen sind dogmatische Umständlichkeit, die dem Gesagten den Anstrich des gründlich Durchdachten und sachlich Zwingenden geben will, und jene potenzierte Bildhaftigkeit, die Abstraktes anschaulich und emotional wirksam machen will.

          Dazu kommen Füllwörter, die das Gesagte bekräftigen, steigern, dramatisieren wollen, ebenso die Verwendung von Elativen, also absolut gesetzten Superlativen, die aber nicht aus einem ausgeführten Vergleich resultieren, sondern besagen wollen, dass man es mit Unüberbietbarem, nein: Unüberbietbarstem zu tun habe, mit dem „tödlichsten Feind des Deutschtums“ und dem mit „letzten und brutalsten Mitteln“ entgegentreten müsse. Das alles findet sich übrigens nicht nur bei Hitler, sondern auch in den Programm- und Propagandaschriften anderer militanter Gruppen und zudem in einem guten Teil der Weltanschauungsliteratur jener Zeit, kurz: überall da, wo es auf eindringliche oder gar erschütternde Behauptungen, auf mobilisierende oder gar enthemmende Direktiven ankam.

          Kennzeichnend für Hitlers Stil ist ferner die Tendenz zu rigoros vereinfachenden Konklusionen, die in plakativen Sentenzen ausgestellt werden, so etwa, wenn es am Ende einiger Abschnitte über den Kampf um Lebensraum heißt: „Im ewigen Kampfe ist die Menschheit groß geworden - im ewigen Frieden geht sie zugrunde.“ Und schließlich gehört zu Hitlers Stil der Gebrauch von aufreizenden Schimpfwörtern, wenn es darum geht, politische Prinzipien etwa als „Wohlfahrtsduseleien“ zu diskreditieren oder deren Repräsentanten als „Strauchdiebe“, „Lumpen“, „Jämmerlinge“, „Hohlköpfe“, „geistig abhängige Nullen“ oder „parlamentarische Schieber“ herabzusetzen.

          Hitlers dramatische Lebensauffassung

          Lesbarkeit, Interessantheit, Überzeugungskraft (wenn man sich nicht von vornherein dagegen sperrt) und suggestive Wirkung werden durch die rhetorische Struktur und typographische Gestaltung unterstützt. Ein gutes Beispiel findet sich im Wien-Kapitel: Hitler erinnert dort zunächst mit wenigen Sätzen an seine angeblich so schwere Zeit als Gelegenheitsarbeiter, um auf dieser Erfahrungsbasis ein allgemeineres soziales Problem zu erörtern, nämlich die Proletarisierung der vielen jungen Menschen, die damals aus dem ländlichen Raum in die Metropole strömten. So schildert er, wie ein „Bauernbursche“ in die Großstadt wandert, schwer Arbeit findet, allmählich das Selbstvertrauen verliert, in eine depressive Stimmung gerät und zum hilflosen Objekt von Ausbeutung wird.

          Den anderthalb Seiten, über die sich diese Schilderung erstreckt, folgen in einem getrennten Abschnitt zwei beglaubigende und pointierende Sätze: „Diesen Prozess konnte ich an tausend Beispielen mit offenen Augen verfolgen. Je länger ich das Spiel sah, um so mehr wuchs meine Abneigung gegen die Millionenstadt, die die Menschen erst gierig an sich zog, um sie dann so grausam zu zerreiben.“ Dem folgen zwei wiederum typographisch isolierte Sätze, die in einem grammatikalischen Parallelismus, der die propositionale Antithetik auffällig macht, die traurige Konklusion ziehen und das eigentliche Skandalon des geschilderten großstädtischen Entfremdungs- und Verelendungsprozesses benennen: „Wenn sie kamen, zählten sie noch immer zu ihrem Volke; wenn sie blieben, gingen sie ihm verloren.“

          Isolierte Sätze, die zuvor Dargelegtes oder Angedeutetes pointieren, Konklusionen ziehen, Einschnitte oder Entscheidungen markieren und den Leser für einen Moment einhalten lassen wollen, sind ein wichtiges Strukturierungsmittel, das Hitlers dramatischer Lebensauffassung und seinem Dezisionismus entsprach: „Jetzt aber kommt er erst noch in die Hohe Schule dieses Daseins.“ „Dort erhält er den letzten Schliff.“ „Ich stand manches Mal starr da.“ „Ich war vom schwächlichen Weltbürger zum fanatischen Antisemiten geworden.“ „So kam ich in das Lazarett Pasewalk in Pommern, und dort musste ich - die Revolution erleben.“ „Ich aber beschloss, Politiker zu werden.“

          Nicht selten auch eindrucksvolle Bilder

          Es wären noch weitere Wirkungsmittel anzuführen: gravitätische Vokabeln wie „ward“, „sintemalen“; sozialdarwinistische Pathoswörter wie „Herrenrecht“, „Faustrecht des Stärkeren“; gelegentlich ein exquisites Fremdwort wie „Marasmus“; affektiv erregende Komposita wie „Rassenbabylon“ (für Wien) und „Novemberschande“ (für die deutsche Revolution); die mehrfache Wiederaufnahme von Wörtern; die emphatisierende Veränderung der Wortstellung („nicht Herr sein zu können der eigenen Zeit“); die Bildung plakativer Antithesen („Blut“-„Staat“, „Volk“-„Dynastie“); die Arbeit mit Assonanzen („Gleiches Blut gehört in ein gemeinsames Reich“). Diese Liste dürfte lang genug sein, um erkennen zu lassen, dass Hitler über ein breites Register an rhetorischen und stilistischen Mitteln verfügte. Trotz mancher „Schnitzer“ war er kein Stümper, sondern ein wirkungsbewusster Schreiber, der sehr wohl in der Lage war, ein Buch mit einem eigenen rhetorisch-stilistischen Profil und mit beträchtlicher Wirkunsgkraft zu schreiben.

          Was folgt daraus? Vor allem dies: Man sollte den literarischen Verächtern von „Mein Kampf“ nicht abnehmen, dass das Buch eine komplette stilistische Katastrophe sei und deswegen keine große Resonanz finden könne. Der Behauptung Feuchtwangers, die „164 000 Wörter“ von „Mein Kampf“ - an anderer Stelle nannte er 140 000, tatsächlich sind es aber 230 590 - seien gleichbedeutend mit ebenso vielen Stilfehlern, hat schon Brecht in seinem „Tui-Projekt“ sarkastisch entgegengehalten: „Die Tuis machen sich lustig über den unwissenden Hu-ih. Sein Werdegang. Seine 53 000 Sprachschnitzer in seinem Buch ,Wie ich es schafftete’. Inzwischen siegt er draußen.“Fürstin Mechthilde Lichnowsky, eine späte Freundin des Sprach- und Ideologiekritikers Karl Kraus, arbeitete den ersten Band von „Mein Kampf“ Seite für Seite durch, füllte zwei Tagebuchhefte mit kritischen Kommentaren und kam in einem (unpublizierten) resümierenden Essay zu dem Befund, Hitlers Sprache sei „das Deutsch eines größenwahnsinnigen Commis. Das Deutsch der Reklame. Das Deutsch, für welches nur eine Bezeichnung einigermaßen den Nagel auf den Kopf trifft: Jüdischer Schmus!“

          Das hätte, bei allem Respekt vor Ihrer Durchlaucht, auch Hitler selbst auf ebendiese vertrackte Weise sagen können. Totalverwerfungen und Denunziationen gehen an der Sache vorbei. Auch im Fall Hitler sind aus Gründen der historischen Erkenntnis Differenzierungen geboten. In diesem Sinn bemerkte Joachim Fest, dass sich in Hitlers Buch „inmitten aller hochtrabenden Unordnung der Gedanken scharfsinnige Überlegungen finden, die unmittelbar aus tiefer Irrationalität hervortreten, nicht selten auch treffende Formulierungen oder eindrucksvolle Bilder“.

          Entlarvung statt Verleugnung

          Was bedeuten diese Beobachtungen für die gegenwärtige Debatte über die Frage, ob die kommentierte Ausgabe, die am Münchener Institut für Zeitgeschichte vorbereitet wird, abgeschlossen und gedruckt werden soll? Zum einen: Das Wirkungspotential von Hitlers Bekenntnis- und Kampfbuch sollte nicht unterschätzt werden. Dieses liegt, nach meiner Wahrnehmung, allerdings weniger in seinen Themen und Argumenten als vielmehr in der Kunst der Selbstinszenierung.

          Mit Ausnahme des Antisemitismus und der Wendung gegen das „internationale Finanz- und Leihkapital“ sind Hitlers Themen - Habsburgische Agonie und deutsche Bündnispolitik vor 1914, Kolonien, Volk ohne Raum - überholt, und die Argumente, mit denen er seinen Antisemitismus begründet und den Marxismus entwerten will, bleiben dürftig und können Wirkung nur dann gewinnen, wenn man sie Hitler unbesehen abnimmt, weil man in ihm einen Mann von divinatorischer Geisteskraft sieht. Und hierin ist ein beträchtlicher Teil des Wirkungspotentials zu sehen, das Hitler seinem Buch zu geben vermochte. Die Schilderung seiner Kindheit, seines intellektuellen Erwachens in ganz ungeistigen Verhältnissen, seines Rebellentums und seiner Beharrlichkeit; dann die Geschichte seines politischen Erwachens - all das ist durchaus dazu angetan, einem uninformierten Leser Respekt einzuflößen.

          Zum andern: Dieser Wirkungskraft von Hitlers Buch kann man nicht durch Verleugnung entgegentreten, sondern nur durch Aufklärung und Entlarvung. Den heroisch klingenden, magnetisch wirkenden Lebenslügen, die Hitler auftischt, müssen in historischen Kommentaren die biographischen Wahrheiten seiner liederlichen Jugendjahre entgegengesetzt werden. Ebenso muss das vexierende Konglomerat aus historischen Halbwahrheiten und phantastischen Projektionen, das Hitler als zwingende historisch-politische Erkenntnis offeriert, durch historisch-kritische Erläuterungen destruiert werden.

          Dieses Bekenntnis- und Hetzbuch unter Verschluss zu halten wird nach Ablauf der urheberrechtlichen Schutzfrist Ende 2015 schwer möglich sein. Man sollte dafür sorgen, dass es nicht unkommentiert erscheint, sondern mit Erläuterungen, die seine biographischen Angebereien in ihrer Lügenhaftigkeit und seine historisch-politischen Behauptungen in ihrer eklektizistischen Genese und Unstimmigkeit für jedermann erkennbar machen. Die Entscheidung der Bayerischen Staatsregierung, die historisch-kritisch kommentierte Ausgabe nicht weiter zu fördern und möglicherweise zu unterbinden, war meines Erachtens nicht der Weisheit letzter Schluss.

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