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Eine Lektüre von „Mein Kampf“ : War Adolf Hitler ein guter Schriftsteller?

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Hass und Gemeinheit sprechen aus diesem Buch. Aber war es die „stilistische Katastrophe“, zu der es so oft erklärt wurde? Bild: dpa

„Mein Kampf“ bleibt verboten. Und Bayern will die vorbereitete kommentierte Ausgabe vielleicht doch noch unterbinden. Was fürchtet man? Und ist dieses Buch tatsächlich unfassbar schlecht geschrieben? Ein Lektüreversuch.

          Die Frage, unter der dieser Versuch steht, wird durch die Rezeptionsgeschichte von Hitlers „Mein Kampf“ und durch die gegenwärtige Problemlage vor Ablauf der urheberrechtlichen Sperrfrist (2015) geradezu erzwungen. Adolf Hitlers Bekenntnis- und Programmschrift erschien, in zwei Bände unterteilt, im Juli 1925 und Dezember 1926 (mit üblicher Vordatierung auf 1927) im Münchener Eher-Verlag. Der Absatz war zuerst gut, dann nachlassend. Nach dem frappierenden Wahlerfolg der NSDAP vom September 1930 stiegen die Verkaufszahlen aber stark an.

          Bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 wurden 241.000 Exemplare verkauft, danach schnellten die Vertriebszahlen vollends in die Höhe: Allein 1933 wurden fast eine Million Exemplare abgesetzt, bis 1939 mehr als fünf Millionen Exemplare teils verkauft, teils bei Schulabschlüssen, Eheschließungen, Parteiaufnahmen und ähnlichen Gelegenheiten verteilt. Bis 1944 waren es ungefähr zwölfeinhalb Millionen.

          Eine gewaltige Verbreitung. Aber wie stand es um die tatsächliche Rezeption? Wurde das Buch auch massenhaft gelesen? Mitnichten, lautet die gängige Antwort. „Mein Kampf“ gilt weithin als der am wenigsten gelesene Bestseller der deutschen Geschichte. Wie es zu dieser Einschätzung kam, ist in einer mehr als sechshundert Seiten zählenden Untersuchung nachzulesen, die ein früherer Mitarbeiter des Münchener Instituts für Zeitgeschichte, Othmar Plöckinger, 2006 vorgelegt hat („Geschichte eines Buches: Adolf Hitlers ,Mein Kampf‘ 1922-1945“).

          „164.000 Verstöße gegen die deutsche Grammatik“

          Demnach waren es nationalsozialistische Konkurrenten oder Gegner Hitlers, die früh die Behauptung in Umlauf brachten, nicht einmal führende Parteimitglieder hätten die Geduld gehabt, dieses angeblich schlecht geschriebene und törichte Buch zu lesen. Nach 1945 wurde dies zu einem wichtigen Punkt des Rechtfertigungsdiskurses: Man habe dieses Buch nicht gelesen, weil es praktisch nicht lesbar sei - stilistisch ungenießbar, inhaltlich konfus und von unerträglicher Monotonie.

          Diese Unlesbarkeitsthese wurde durch zeitgenössische Kritiken und die nachfolgende Historiographie plausibilisiert. Nicht alle, aber doch viele Artikel über „Mein Kampf“ aus den Jahren um 1930 ergehen sich in der Auflistung stilistischer und gedanklicher Unbedarftheiten oder von Schwulst und überführen diese in schroffe Abwertungen, mitunter in Totalverwerfungen, die in krassem Widerspruch zur Verbreitung des Buches und zu Hitlers politischem Erfolg stehen, vielleicht auch im Widerspruch zu Einsichten der Kritiker selbst.

          Lion Feuchtwanger hat in seinem Bayern-Roman „Erfolg“ (1930) ein karikaturhaftes Porträt Hitlers (im Roman Rupert Kutzner) als eines planlos agierenden Großsprechers gezeichnet. Dennoch war er bereit zu konzedieren, dass Hitlers Selbstverteidigung in der gerichtlichen Verhandlung des Putschversuchs „großartig“ war. Den Stil von „Mein Kampf“ fand Feuchtwanger indessen völlig inakzeptabel. Die „164.000 Wörter“ des Buches seien gleichbedeutend mit „164.000 Verstößen gegen die deutsche Grammatik oder die deutsche Stillehre“.

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