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Zum Tod von James Salter : Eine kurze Geschichte der Sehnsucht

James Salter 1925 - 2015 Bild: dpa

Dem amerikanischen Schriftsteller James Salter brachte sein meisterhaftes Formbewusstsein nicht die verdiente Anerkennung. Jetzt ist er im Alter von neunzig Jahren gestorben.

          Die erste Kurzgeschichte, die James Salter veröffentlichte, trägt im Original einen deutschen Titel: „Am Strande von Tanger“. Sie erschien 1968 in der „Paris Review“. In einem Interview in derselben Zeitschrift verriet der Autor ein Vierteljahrhundert später, dass „Am Strande von Tanger“ ihm unter seinen Beiträgen zur Gattung der Kurzgeschichte der zweitliebste war. Die Geschichte spielt nicht am Strand von Tanger, sondern schildert einen Ausflug an den Strand von Sitges, einem Badeort südwestlich von Barcelona. Tanger liegt auf der anderen Seite des Mittelmeers. Inge, die Hamburgerin, die am Strand im Bikini die Hamburger Illustrierte „Stern“ liest und sich zwischen ihre ehemalige Mitbewohnerin Nico und deren Freund Malcolm drängt, äußert den Wunsch, nach Tanger zu reisen. Malcolm ist dort schon gewesen und kann sich für die Qualität des Strandes verbürgen. Er ist ein Schriftsteller, der als Bewunderer Max Webers eingeführt wird, als Modellbauer und Planer.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Den Besuch Kaiser Wilhelms II. in Tanger am 31. März 1905 bewertete Weber als charakteristische Fehlleistung der deutschen Außenpolitik, da dem öffentlichen Bekenntnis zur Souveränität des Sultans von Marokko der politische Wille nicht entsprach. Malcolms Marokkoreise ist ein Jugendstreich aus dem Gestenrepertoire seines literarischen Wilhelminismus, eines persönlichen Regiments der leeren Versprechungen. Als Souvenir brachte er kurze Hosen mit. „Er bereitet sich auf die Ankunft jenes großen Künstlers vor, der er eines Tages sein wird, wie er hofft, ein Künstler im wahren modernen Sinne, das heißt ohne Werk, aber überzeugt vom eigenen Genie. Ein Künstler, der sich von den Anforderungen des Handwerks befreit hat, ein Künstler der Konzepte, des Großmutes, sein Werk ist die Erschaffung der eigenen Legende.“

          So entzaubert er die Welt

          Eine Gestalt der Legende, ein Mensch, von dem man lesen muss, will jeder Held Salters werden. So nahm der Autor selbst, als er 1957 nach der Veröffentlichung seines Debütromans „The Hunters“ seinen Dienst in der Luftwaffe quittierte, das Ideal eines absoluten Heroismus, der vor aller Welt durch Weitererzählen beglaubigten einsamen Bewährung, mit ins Dasein des Zivilisten. Die Anerkennung der Kollegen, um die die Jagdflieger in „The Hunters“ kämpfen, genügte Salter nicht. Er wollte sich beim großen Publikum einen Namen machen. Der Traum vom Rendezvous mit dem Ruhm blieb Illusion. „All That Is“, sein letzter Roman, der 2013 nach 34 Jahren Pause herauskam, schaffte es auf die Bestsellerliste der „New York Times“ und verschwand schon in der Folgewoche wieder.

          Salter ernährte seine Familie mit Filmdrehbüchern, Reisereportagen und Prominenteninterviews. Im Auftrag der Illustrierten „People“ besuchte er 1975 Vladimir Nabokov in Montreux. Es muss wie Hohn auf Salter gewirkt haben, dass Nabokov ihm gegenüber wiederholte, was er 1967 in seinem Interview mit der „Paris Review“ gesagt hatte: Lolita sei berühmt, nicht er. Salter wollte sich von den Anforderungen des Handwerks nicht befreien. Martin Mosebach beschrieb in dieser Zeitung in seiner Rezension des Geschichtenbandes „Dämmerung“, der „Am Strande von Tanger“ enthält, einen Nihilismus, der auf jede Originalität der Erfindung verzichtet, als Unterpfand von Salters technischer Meisterschaft. Es verblüffe, „einen intelligenten und gebildeten Autor zu erleben, dessen wesentliches Ziel es ist, einer Tradition zu dienen und vorgegebene Formen bis zur Selbstverleugnung zu erfüllen“.

          „Am Strande von Tanger“ gefiel Salter, weil die Geschichte „sehr sorgfältig beobachtet zu sein scheint“. Man hat im Titel eine Anspielung auf die Ansichten der Festungsbauten von Tanger sehen wollen, die der Kupferstecher Wenceslaus Hollar 1669 anfertigte. Was macht die Form der Dreiecksgeschichte aus? Inges Erscheinen offenbart, dass Malcolm und Nico im Belagerungszustand leben. Der dritte Satz der Geschichte lautet: „Alle großen Alleen weisen aufs Meer.“ Der letzte: „Hamburg liegt nah am Meer.“ Eine kurze Geschichte der Sehnsucht: Perspektivische Verheißung mündet in kartographische Fixierung. So entzauberte James Salter die Welt. Am Freitag, neun Tage nach seinem neunzigsten Geburtstag, ist er in Sag Harbor auf Long Island gestorben.

          Quelle: F.A.Z.

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