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Eine Jahrhundertbiographie : Kafka? Was ist Kafka?

Spiegeleffekte eines Biographen: Reiner Stach in der vergangenen Woche in seiner Berliner Wohnung Bild: Pein, Andreas

Ein Meilenstein der deutschen Literaturgeschichte ist jetzt komplett: Reiner Stachs dreibändige Kafka-Biographie. Wie sie entstand und was sie fast verhindert hätte, erzählt der Autor beim Besuch.

          Wir gehen die Treppen hoch, sehr hoch. Eng ist das Treppenhaus in dieser stillen Straße in Berlin-Charlottenburg. Als Reiner Stach vor sechs Jahren hier einzog, brachte er aus Hamburg seine große Bibliothek mit, nicht gerade zur Begeisterung seiner damaligen Umzugshelfer. Nachdem einer von ihnen die Kisten „Kafka I-IV„ hinaufgeschleppt hatte, rief er dem neuen Mieter in breitestem Berlinerisch zu: „Nichts gegen gute Literatur! Aber wenn der Kafka mit zwanzig erschossen worden wäre, hätten wir hier ein Problem weniger.“

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Aber auch drei Meisterwerke weniger, die nicht einmal aus Kafkas Feder stammen. Heute erscheint wieder eines davon bei S. Fischer: „Kafka - Die frühen Jahre„, der dritte Band von Reiner Stachs Biographie des Schriftstellers: noch einmal mehr als sechshundert Seiten zu den bereits vorhandenen 1400 der bereits publizierten Teile, die eigentlich die letzten beiden sind. Stach hat sein Mammutwerk also nicht zu Ende, sondern zu Anfang gebracht; die jungen Jahre runden die Trilogie ab, Kindheit, Jugend, erste Berufsjahre, also die Zeit bis 1911, als für Kafka die Entscheidung gefallen ist, dass er nichts anderes sein will als Schriftsteller.

          Es blieben ihm noch dreizehn Jahre Lebens- und Schaffenszeit. Reiner Stach schrieb achtzehn Jahre an seiner Kafka-Biographie. Die Beschäftigung mit dem Werk des 1883 geborenen und 1924 gestorbenen Schriftstellers aber geht viel weiter zurück. Der 1951 geborene Literaturwissenschaftler las im Alter von 27 Jahren erstmals nicht nur die Romane und Erzählungen, sondern auch Kafkas Tagebücher und Briefe.

          Achtzehn Jahre Schreibarbeit

          „Das war in einer persönlichen Krisensituation“, erinnert er sich heute, „und ich hatte zunächst jede Distanz zu Kafka verloren.“ Seine daraus entstandene Dissertation trägt den Titel „Kafkas erotischer Mythos“. Sie war 1985 fertig. Zehn Jahre später, mit neuem Abstand, schlug er S. Fischer, Kafkas deutschem Verlag, eine Biographie des Dichters vor. Die Verlegerin Monika Schoeller lud ihn nach Frankfurt am Main zur Probelesung eines vorbereiteten Kapitels. „Danach waren alle konsterniert, und ich bekam den Vertrag sofort. Schon damals habe ich zu bedenken gegeben, dass es auf keinen Fall ein einzelnes Buch werde. Aber Frau Schoeller antwortete mir nur: ,Egal, weitermachen! Nehmen Sie sich den Raum, den Sie brauchen.'“

          Das tat Stach. 1996 begann er mit der Schreibarbeit, in einem Rentnerhotel auf Lanzarote, wo er sich für acht Wochen einquartierte. Er schrieb auf dem Balkon, und irgendwann fragte ihn ein anderer deutscher Gast: „Arbeiten Sie etwa hier?“ Als Stach ihm von seinem Vorhaben erzählte, kam die Frage: „Was ist Kafka?“ Da war klar, dass diese Biographie bitter nötig war. Der erste Band, über Kafkas mittlere Jahre, erschien 2002, der zweite über die letzte Zeit 2008. Nun hat es noch einmal sechs Jahre bis zum Finale gedauert, und es gab einen Moment, als der Abschluss in Frage stand. Von Beginn an war Stach von der S. Fischer Stiftung unterstützt worden, anders wäre die achtzehnjährige Arbeit nicht durchzuhalten gewesen.

          Doch Ende 2012, als die bereits mehrfach verschobene Manuskriptfertigstellung endlich absehbar war, stellte die Stiftung ihre Unterstützung für Stach ein. „Das war das Ende, ich hatte mich schon selbst verschuldet. Niemals hätte ich aus eigener Kraft die notwendigen letzten Monate finanziell überbrücken können, zumal ich die ja komplett auf die Arbeit am Buch verwenden musste.“ Die Literaturkritikerin Sigrid Löffler empfahl Stach an den Hamburger Mäzen Jan Philipp Reemtsma, der sich nach wenigen Tagen Bedenkzeit dafür entschied auszuhelfen. Sonst wäre eines der größten Biographienprojekte der deutschen Literaturgeschichte ein Torso geblieben.

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