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Veröffentlicht: 22.07.2007, 10:14 Uhr

Eine erste Potter-Lektüre Hilflos wie bei der Analysis-Prüfung

Der Schriftsteller Jochen Schmidt gab der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung die Zusage zur Harry-Potter-Rezension und bereute diese noch im selben Moment. Wenig verband ihn mit der Welt des Zauberlehrlings. Schmidt hat sich dennoch durchgebissen. Mit Gewinn.

von Jochen Schmidt
© dpa Am Samstag, zur Geisterstunde, im Kulturkaufhaus

Einmal war ich verliebt und flog zu ihr, um sie im Haus ihrer Eltern zu besuchen und von mir zu überzeugen, aus der Ferne versagten meine Mächte. Ihre Eltern, die noch Tito gesehen hatten, würde ich kaum beeindrucken können, aber auch die Tochter behandelte mich kühl.

Es dauerte, bis ich sie zum ersten Mal zärtlich erlebte, als nämlich eines Morgens der neue „Harry Potter“ auf dem Küchentisch lag. Sie stieß einen kleinen Freudenschrei aus und streichelte das Amazon-Päckchen mit einem Ausdruck in den Augen, den ich an ihr noch nie gesehen hatte. Die nächsten Tage verbrachte sie mit dem Buch, während ich den Eltern, die mich als Sextouristen betrachteten, bei der Gartenarbeit half. Abends tat ich so, als würde ich mich für magische Welten interessieren, und bat meine Freundin, mir davon zu erzählen, wobei ich mich als ahnungslos erwies. „Oh Gott, du hast ja keinen Schimmer von Elfen und Magie!“, stellte sie schließlich vorwurfsvoll fest, als handle es sich um weibliche Sexualität.

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Der Kopf schwirrt beim Anblick des Ziegels

Ach, hätte ich mich doch in der Okklumentik geübt, der Lehre vom Verschluss des Geistes, als der Anruf des Redakteurs vom „Sonntagspropheten“ kam, wie weit mein Englisch reiche und ob ich den neuen „Harry Potter“ besprechen wolle, und zwar in den zwölf Stunden nach seinem Erscheinen (und ohne zu verraten, wer stirbt! Meine Mutter sagt, um Harry wäre es nicht schade, der könne „nicht mal richtig küssen“). Ein Mega-Muggel wie ich sollte in nur einer Nacht lernen, wofür Harry Potter sieben Jahre hatte? Auf meinen Cruciatus-Fluch reagierte der Redakteur mit dem Sectumsempra-Fluch, und ich musste mitansehen, wie meine Lippen Worte der Zusage formten. Und jetzt sitze ich hier und pauke meinen Potter. Dafür werde ich den Redakteur irgendwann in einen Käfer verwandelt in ein unzerbrechliches Glas einsperren. Sicher, eine Faninitiative wird „Harry Potter“ wieder in 48 Stunden übersetzen, aber es sind fast 200 Beteiligte, und ich bin allein.

© reuters Video: Alarmstufe Potter bei den Buchversendern

Schon die Zusammenfassung der bisherigen Handlung auf Wikipedia liest sich wie der Loriot-Sketch mit Evelyn Hamann, bei dem sie den komplizierten Verlauf einer englischen Fernsehserie repetiert. „Peitschende Weide“, „Heulende Hütte“, „Verschwindekabinett“, „Raum der Wünsche“, „Todesser“, „Inferi“, „apparieren“, „Squib“, „Horkrux“, ich hatte noch so viel zu lernen. Die einzigen Figuren, die mich sofort ansprachen, waren die Dementoren, Geschöpfe, die alle guten Erinnerungen aus einem saugten, bis man kein Lebensglück mehr empfand. Ich kenne diese Dementoren, man bekämpft sie mit Saunagängen und Lithium. Harry hört beim ersten Zusammentreffen mit ihnen den Todeskampf seiner Eltern und bricht ohnmächtig zusammen.

Auch ich spürte ihre gefährliche Nähe beim Anblick des Ziegelsteins, den ich da durcharbeiten sollte. Schon bei den ersten Seiten schwirrte mir der Kopf: „My Lord, Dawlish believes an entire party of Aurors will be used to transfer the boy . . . I have succeeded in placing an Imperius Curse upon Pius Thicknesse . . .“

Erwachende Libido?

So hilflos habe ich mich nicht mehr gefühlt, seit ich für eine Analysis-Prüfung in nur einer Nacht den Beweis des banachschen Fixpunktsatzes lernen sollte. „At these words a sudden wail sounded, a terrible, drawn-out cry of misery and pain.“ Verdammt, war das mein Schrei gewesen? Hörte das Buch mit? Ich musste vorsichtig sein.

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