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Ein „Museum des Exils“ : Schade, dass Sie Tommy nicht erlebt haben

Die persönliche Begegnung reizte ihn: Thomas B. Schumann begann als Jugendlicher, Bücher zu sammeln - und dazu die Widmungen der Autoren. Bild: Andreas Rossmann

Am Anfang steht ein Besuch bei Katia Mann: In seinem Bungalow in Hürth bei Köln trägt Thomas B. Schumann Literatur der zwanziger Jahre, des Expressionismus und des Exils zusammen.

          Gleich hinter der Kölner Stadtgrenze geht es links in eine Seitenstraße, dann wieder links, dann rechts. Ein Wohnweg in Hürth: Bungalows auf beiden Seiten, rote Klinker oder weiß geschlämmt, jeder ein wenig anders, breite, offene Vorgärten. Das war, als Mittelstandsfamilien hier hinausgezogen sind, um sich den Traum vom Eigenheim zu erfüllen, mal eine bessere Wohngegend und ist noch immer eine gute - ruhig, kinderfreundlich, im Grünen. Nur wenn der Wind ungünstig steht, brummt der Autobahnring durch die Bäume. Etwas abseits, als wäre die Zeit, späte sechziger Jahre, stehengeblieben. Gepflegter Rasen, adrette Rabatte. Im Wohnzimmerfenster hängen weiße Gardinen.

          Dem dritten Haus zur Linken lässt sich nicht ansehen, dass es anders ist: dass hier keine Familie (mehr) wohnt, sondern wertvolle Papiere und Leinwände gehortet werden, dass es ein Schatzhaus ist und bald aus allen Nähten platzt. Auch Thomas B. Schumann sieht nicht aus wie ein Schatzhausmeister, nicht einmal wie ein Bankfilialleiter, eher - offenes Hemd, Schottenschal, lange, einzelne silberne Haare - wie ein ewiger Student und rastloser Privatgelehrter. Und das ist er beides auch. Denn Schumann sammelt Bücher. Nicht nebenbei wie ein Radiologe oder Patentanwalt, sondern rund um die Uhr. Büchersammeln ist sein Beruf und seine Berufung.

          Schon der Flur vermittelt davon mehr als eine Ahnung, wie er auf eine Vitrine voller Bücher zuläuft. Und das Wohnzimmer erst: Regale und Schränke, Kommoden und Etageren sind dicht bepackt, auf Tischen, dem Boden, vor dem Fernseher stapeln Bücher, nehmen Sofa und Stühle in Beschlag, nur zwei Sessel sind „unbesetzt“. Dazu Bilder, die in Dreier-, Vierer-, Fünferreihen an den Regalen lehnen und die Wände pflastern, Petersburger Hängung. Auch das erste Buch, der Grundstein für diesen Innenausbau des Hauses, ist noch da, doch Schumann erzählt zuerst die Geschichte dazu. Jene Urszene, die ihn, der schon als Kind „alles Mögliche, Bierdeckel, Matchboxautos“ gesammelt hat und von zwei ramponierten Bänden einer „allgemeinen Welthistorie“ von 1779, die er vor einem Antiquitätengeschäft in Bad Münstereifel fand und mitnehmen durfte, fasziniert war, zum Büchersammler machte. In die Wiege gelegt wurde ihm das nicht: „Mein Vater war Ingenieur, meine Mutter sammelte Antiquitäten, aber in Maßen; mein Großvater war Geschäftsführer des Walter Verlags in Olten, unter meinen Vorfahren finden sich Buchdrucker.“ Mehr Einfluss schreibt er seinem „skurrilen“ Deutschlehrer am Kölner Aposteln-Gymnasium zu, der die Schüler für Erich Kästner und Thomas Mann begeisterte.

          Das „Who’s who?“ der Literatur

          Als der fünfzehnjährige Thomas 1965 mit den Eltern in die Schweiz fährt, will er auch den Friedhof in Kilchberg besuchen und die Gräber von Conrad Ferdinand Meyer und Thomas Mann sehen. Und danach die Villa des Meisters: „Als wir nach einigem Fragen das Haus in der Alten Landstraße 39 gefunden hatten, hab’ ich, das war ein Impuls, einfach geklingelt und um ein Autogramm von Katia Mann gebeten. Das Hausmädchen kam noch mal zurück, um nach meinem Namen zu fragen, und brachte dann ,Die Buddenbrooks‘ mit einer persönlichen Widmung“, erzählt Schumann. Zurück in Köln, schreibt er einen Dankesbrief, Katia Mann antwortet, eine kleine Korrespondenz entspinnt sich, und als er ein halbes Jahr später wieder in Zürich ist, empfängt sie ihn, unterhält sich mit ihm und zeigt ihm das Arbeitszimmer und die Bibliothek, wo ein für seinen Lebensweg folgenschwerer Satz fällt: „Schade, dass Tommy nicht mehr lebt, er hätte sich gerne mit Ihnen unterhalten.“ Diesmal gibt es „Felix Krull“ als Geschenk, doch „nicht die Ausgabe des Aufbau-Verlags mit dem schlechten, sondern die von S. Fischer mit dem guten Papier“.

          „Mein Schlüsselerlebnis“, sagt Thomas B. Schumann. Der junge Mann hatte Blut geleckt, der Besuch in Kilchberg ihn beeindruckt. Die Aussicht auf das, was mit Thomas Mann nicht mehr möglich war, reizte ihn: die persönliche Begegnung, dokumentiert von einer Widmung. Keinem Autor näherte er sich ohne vorbereitende Lektüre, fast jeden schrieb er an. Kürschners Deutscher Literaturkalender wurde zum Wegweiser. Die Liste seiner Besuche liest sich wie ein „Who’s who?“: Heimito von Doderer lernte er noch kennen, Albert Vigoleis Thelen, Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt, Marie Luise Kaschnitz, Günther Anders - „eigentlich alle“, kürzt er die Aufzählung ab: „Insgesamt an die fünfhundert.“ Viele Geschichten knüpfen sich an die Begegnungen: Marieluise Fleißer traf er, noch bevor Fassbinder sie wiederentdeckt hatte, in Ingolstadt, „die lebte ganz bescheiden in einer Mietswohnung“, Walter Mehring in der Bar des Zürcher Schauspielhauses, Armin T. Wegner in dessen Wohnung in Rom, Arno Schmidt am Gartenzaun in Bargfeld.

          Später empfing ihn sogar Elias Canetti, der sich, um Anfragen abzuwimmeln, am Telefon gerne als sein Bruder ausgab: „Das war kurz nach dem Mauerfall, den ich in Berlin miterlebt hatte, dazu hat er mich ausführlich befragt. Ich musste ihm garantieren, dass ich zu seinen Lebzeiten niemandem davon erzähle.“ Selten wird er abgewiesen: „Bei Erich Maria Remarque in Ronco hatte ich mich verspätet, das hat er übelgenommen. Aber als ich ihm zwei Originalausgaben entgegenhielt, war er versöhnt.“ Andere trifft er bei Lesungen, immer hat er ein Buch zum Signieren dabei: Sartre in der Bonner Uni, Ungaretti im Italienischen Kulturinstitut in Köln, Gabriel Marcel beim „Aschermittwoch der Künstler“.

          „Plädoyers gegen das Vergessen“

          Nach dem Abitur jobbt Schumann in einer Buchhandlung und studiert Germanistik. In Antiquariaten und auf Trödelmärkten, die er in halb Europa durchstöbert, entdeckt er Autoren, von denen er auf der Universität nie gehört hatte, und hat bald eine Bibliothek mit Exilliteratur zusammengekauft: „In Holland war das besonders ergiebig, selten kostete ein Buch mehr als fünf Gulden.“ Namen wie Oskar Maria Graf, Richard Hülsenbeck oder Konrad Merz kannte damals kaum jemand. Irmgard Keun suchte er an ihrer Kölner Adresse und fand sie in der Bonner Landesklinik, wo sie auf Entzug war: „Ich hab’ sie ins Café eingeladen, sie hat sich erst mal einen doppelten Cognac bestellt.“

          Tagebuch hat Schumann über seine Begegnungen nicht geführt, doch früh in Zeitungsartikeln - auch für dieses Feuilleton - an vertriebene und vergessene Schriftsteller erinnert. Mehreren Verlagen hat er eine „andere Bibliothek“ vorgeschlagen, „interessant fanden das viele, aber alle haben abgewinkt: Das lässt sich nicht verkaufen.“ Seine „Plädoyers gegen das Vergessen“ kommen 1979 in einem Kleinverlag heraus, im Jahr darauf ediert er die Gedichte von Ernst Blass bei Hanser. 1995 gründet er seinen eigenen Verlag, die „Edition Memoria“, in der bis heute - „ich hab keinen Vertreter und mache alles selbst“ - dreißig Titel erschienen sind. Mit einem Lyrikband von Hans W. Cohn fing es an, „das war ein Tipp von Erich Fried“. Erben von ihm publizierter Autoren - so von Jo Mihaly oder Felix Gasbarra - haben ihm Nachlässe übertragen. Elisabeth Mann Borgese, der jüngsten Tochter des Nobelpreisträgers, deren Prosaband „2 Stunden“ er unter dem Titel „Der unsterbliche Fisch“ wieder auflegte, war er freundschaftlich verbunden. Da schließt sich ein Kreis.

          „Die Wand links sind Erstausgaben“, sagt Thomas B. Schumann im nächsten Zimmer und zieht ein Buch heraus, „Die Kapuzinergruft“ von Joseph Roth, verlegt 1938 in Holland bei De Gemeenschap, „und die Wand rechts sind Widmungsexemplare“. In seinem Arbeitszimmer gibt es keine Lücke, für den Schreibtisch bleibt nur eine schmale Fläche. Im Keller geht es weiter, den Raum, wo der Öltank stand, hat er dekontaminiert. „Ich kann auch nichts wegwerfen, selbst die Auktionskataloge hebe ich auf“, seufzt er vor einem schulterhohen Stapel.

          Seit fünfzehn Jahren sammelt Schumann auch Bilder von Exilkünstlern, „um die tausend sind es inzwischen“. Die Zahl der Bücher schätzt er auf „vierzig- bis fünfzigtausend“. Kartei führt er keine, er kennt jeden Standort. Und wie sieht er die Zukunft seiner Sammlung? Ein „Museum des Exils“ schwebt ihm vor, schon lange sucht er einen öffentlichen Träger. „Es gibt in Deutschland ein Bratwurst-, ein Pfefferminz- und ein Gießkannen-Museum, aber keines zum Exil.“ Verwandte Projekte wie das „Zentrum für Verfolgte Künste“ in Solingen sieht er kritisch: „Das Exil von 1933 bis 1945 war ein einschneidendes und singuläres Phänomen, das kann man nicht mit anderen Verfolgungssystemen wie dem der DDR zusammenführen.“ Die Hoffnung, ein Haus zu finden, hat er nicht aufgegeben. Was er in seinem Bungalow zusammengetragen hat, ist das Fundament dafür.

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