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Ein Kommentar zu „Moby Dick“ Das Tier sind wir

 ·  Zwölf Jünger des Wals: Eine Gruppe von Kulturwissenschaftlern arbeitet an einem neuartigen großen „Moby-Dick“-Kommentar. Er erscheint nun sukzessive in der „Neuen Rundschau“. Markus Krajewski erläutert im Gespräch das Projekt.

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© Cinetext Bildarchiv Herman Melvilles Roman wird in vielerlei Formen interpretiert: Hier ist Gregory Peck als Kapitän Ahab in der Verfilmung von 1956 zu sehen.

Zwölf Jahre lang werden in der „Neuen Rundschau“ von jetzt an Kommentare zu sämtlichen Kapiteln von Herman Melvilles „Moby-Dick“ erscheinen. Sie stammen von einer Forschergruppe, die bereits seit 2006 jährliche „Moby-Dick“-Konferenzen veranstaltet. Markus Krajewski, Professor für Mediengeschichte der Wissenschaften an der Bauhaus-Universität Weimar und neben Bernhard Siegert und Harun Maye einer der drei Initiatoren des Projekts, erzählt im Interview von dessen Genese und Zielsetzung. Es ist nicht zuletzt eine Herausforderung der traditionellen Literaturwissenschaft.
 

Herr Krajewski, wie kamen Sie zum Wal?

Alles begann mit einer Landhausphantasie: Ein Freund hatte einen Obstgarten mit einem Häuschen am Kyffhäuser, wo Harun Maye und ich irgendwann einmal planten, mit einer größeren Gruppe eine Landpartie zu veranstalten, weil wir dachten: Wir kennen hier und da ein paar kluge Leute, da wäre es interessant, mal ganz ungezwungen eine Lesegruppe zu einem literarischen Text am entlegenen Ort zu veranstalten, also eine Art Klausurtreffen am Kyffhäuser. Fehlte nur noch ein passender Text. Bibellektüre schied eher aus, „Gravity’s Rainbow“ war schon in Friedrich Kittlers Oberseminar genug ausgeschlachtet worden, also blieb eigentlich nur „Moby-Dick“, denn welcher andere Text hatte so viel an Modernität, klassischen Sujets und immerwährenden Fragen zugleich zu bieten? Aber weil das kleinste deutsche Mittelgebirge nicht viel Wasser um sich herum hat und weil Behemoth ungleich langweiliger zu sein schien als der Leviathan, wurde es dann nichts aus der Landpartie zum Kyffhäuser und der Plan schlummerte so vor sich hin, weil es eher das Meer sein sollte...

Also wie kam die Gruppe dann doch zusammen?

Der Plan schlummerte so lange, bis in Weimar im Jahre 2006 aus ganz anderen Gründen eine Tagung zu „Politischer Zoologie“ veranstaltet werden sollte. Da haben wir dann gemeinsam mit Bernhard Siegert, dem wir zwischenzeitlich von unserem Wal-Lesegruppenprojekt berichtet hatten, die Idee entwickelt, eine Art Vortagung zur politischen Zoologie zu machen, die unabhängig von der Hauptveranstaltung allein dem Wal gewidmet werden sollte. Ein Teil der Beiträger, die wegen der großen Tagung ohnehin nach Weimar kamen, wurde gefragt, ob ihnen etwas zum Wal einfiele, und so nahm der Plan rasch Form an. Einige von den Auswärtigen, ergänzt noch durch ein paar Personen, die ohnehin vor Ort waren, sollten ein Kapitel ihrer Wahl kommentieren, um dann in lockerer Atmosphäre, ohne den üblichen Tagungsehrgeiz, das Ganze einer kleinen Gruppe von Gleichgesinnten vorzutragen.

Und das wurde dann zum ständigen Walausschuss?

Weil die Tagung unsere Erwartung nicht nur wegen ihres familiären Charakters, sondern auch dank der unterhaltsamen Ergebnisse bei weitem übertraf und allen Beteiligten unerwartet großes Vergnügen bereitet hatte, war schnell die Verabredung getroffen, sich in einem Jahr wenn schon nicht in Marienbad, so doch an einem noch zu findenden Ort wiederzutreffen. Schließlich gab es ja noch rund 125 unkommentierte Kapitel.

Wie laufen die Treffen ab?

Von Jahr zu Jahr übernimmt einer aus der Kernmannschaft, die sich weitestgehend aus der ersten Tagungsrunde rekrutiert, die Verantwortung für die Jahrestagung, dann werden je nach Ort und Budget noch ein, zwei Gäste hinzugebeten, denen man zwischenzeitlich von dem Projekt berichtet hatte und von denen (bisweilen) ebenso hochkarätige Beiträge beigesteuert werden wie sie sich inzwischen als das normale Niveau jeder unserer Tagungen eingependelt haben. Das intellektuelle Niveau ist – man kann es anders gar nicht sagen – erschreckend hoch. Denn bei den zwanglosen Zusammentreffen ebenso wie bei den einzelnen Vorträgen, die als Richtwert eher 15 statt 45min haben sollten, hat sich ziemlich schnell ein Diskursniveau eingestellt, das alle Beteiligten Jahr für Jahr immer wieder zu Höchstleistungen motiviert. Manche von uns halten das jährliche Treffen gar für ihre wichtigste Tagung im Jahresverlauf. Auf jeden Fall ist es die lustigste. Die Festlegung, wer welches Kapitel übernimmt, erfolgt ein paar Wochen vor dem Treffen und orientiert sich an der Liste der bereits besprochenen und der noch offenen Kapitel. Jeder hat dann inklusive Diskussion eine Stunde Zeit, um seine Überlegungen zu präsentieren.

Ist das alles reines Privatvergnügen oder doch – zumindest finanztechnisch – an eine Institution angegliedert?

Bislang ist es den Beteiligten immer wieder gelungen, für diese inzwischen ins siebte Jahr gehenden Konferenzen Mittel aus ihren Institutionen aufzutreiben, die uns einmal jährlich ein zweitägiges Treffen erlauben, mal in Weimar, mal an anderen Orten wie Hamburg, Köln oder Greifswald. Allerdings sind diese Workshops tatsächlich echte Low-budget-Veranstaltungen.

Würden Sie das Projekt in einer bestimmten Schule verorten (Berliner Kulturwissenschaft, Weimarer Medienwissenschaft, Kölner Schule ...)?

Keine wirkliche Schulzugehörigkeit, weil die Teilnehmer dann doch zu unterschiedlich sind: von strengen Philologen bis zu Philosophen mit weitem Horizont ist alles dabei. Aber auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner, den man im besten Sinne „kulturwissenschaftlich“ nennen kann, würde man sich vermutlich rasch einigen.

Ist die „historisch-spekulative Methode“, die hier sehr demütig als bloß komplementäre Auslegungsart daherkommt, für Sie nicht viel mehr, nämlich die der Philologie heute eigentlich einzig angemessene Lektüreform?

Das ist eine vertrackte Frage, die ja schon beinahe dogmatische Überlegungen erzwingt. Wäre ich hauptberuflich in der Literaturwissenschaft, würde ich mir tatsächlich mehr historisch-spekulative Methode wünschen. Denn allgemein praktiziert scheint sie mir keineswegs zu sein.

Es ist also auch etwas Agonales darin? Freie, nicht komplexitätsreduzierende Kommentierung versus herkömmliche Hermeneutik oder gar Werkimmanenz?

Mit einer Antwort darauf macht man sich vermutlich Feinde.

Wie sind Ihre Beziehungen zur etablierten Melville-Forschung? Beteiligen sich auch Melville-Experten aus der Amerikanistik am Projekt? Oder ist das genau nicht das Ziel?

Sagen wir so: Es hat sich bislang noch nicht ergeben. Das liegt zum einen daran, dass sich in der Kernmannschaft kein Amerikanist befindet, und die gelegentlichen Gäste kamen eher aus anderen Disziplinen. Wir hatten zwischenzeitlich auch einmal Kontakt zu Daniel Göske, dem Kasseler Herausgeber der schönen Melville-Reihe beim Hanser-Verlag aufgenommen, sind da aber eher auf eine freundliche Skepsis statt auf große Neugierde oder unbedingten Kooperationswillen gestoßen.

Wie ist das mit der Sonderstellung des „Moby-Dick“? Sind im Poststrukturalismus gestählte Interpreten mit der Lizenz zum Assoziieren nicht in der Lage, aus jedem Roman den gesamten Überbau der Neuzeit herauszulesen? Anders gefragt: Ist die Komplexität des Grundtextes Voraussetzung für die Fruchtbarkeit der historisch-spekulativen Methode oder nur ein willkommenes Surplus?

Nein, absolute Grundvoraussetzung. Wie schon angedeutet: Nur wenige Bücher eignen sich meines Erachtens tatsächlich für eine derart intensive Lektüre, die ja dann nicht auf einen Stellenkommentar zielt, sondern versucht, einen aufregenden Gedanken, eine verborgene Lektüre, einen irrwitzigen Einfall des Autors aufzunehmen, um dies dann in ganz andere Kontexte zu übersetzen, weiterzudenken oder auszuphantasieren. Diese Fülle, diesen Reichtum, diesen Witz, diese Abgründigkeit muss ein literarischer Text erst einmal aufbieten. Versuch das mal mit einem Roman von Elke Naters, zum Beispiel.

Dereinst abgeschlossen, was wird das Ziel des Mega-Kommentars sein? Lust auf die Lektüre des „Moby-Dick“ machen? Lust auf die Interpretation des „Moby-Dick“ machen? Die „Moby-Dick“-Philologie in eine bestimmte, offene Richtung hin ablenken?

Zunächst und vor allem besteht das Ziel darin, einen Kniefall vor Herman Melville zu machen. Und klar geht es auch darum, die eigene Begeisterung von einem Roman zu vermitteln, den man vermutlich noch aus Kindertagen als eine Abenteuergeschichte kennt und nun mit wissenschaftlich geschulten Augen wiederliest, nicht ohne sie sich gehörig zu reiben, die Augen, ob des Humors, ob der Poesie, ob der großartigen Beschreibung eines buchstäblich untergegangenen Handwerks, ob der unerreichten Sprachkunst des Verfassers. Kurzum, natürlich sollen unsere Lektüren auch Lust auf „Moby-Dick“ machen, dem sie in jeder Zeile ihre Reverenz erweisen. Ein Reiz des Projekts liegt jedoch auch darin, zum einen den Roman über den Kommentar einzulesen, sprich: neue Leser des alten Textes zu gewinnen, oder aber den Kommentar über den Roman einzulesen, also die eigene, alte Lektüre am Original aufzufrischen, um dann zu sehen, was sich zu den einzelnen Passagen für Gedanken machen lassen.

Wie überrascht waren Sie über die Zusage der „Neuen Rundschau“, die Kommentare in ihrer Gesamtheit zu drucken? Und warum eigentlich nicht – um Alexander Roeslers Editorial aufzunehmen – als Online-Projekt?

Natürlich hatten wir zwischenzeitlich auch daran gedacht, das Ganze in eigener Handarbeit ins Web zu wuchten. Aber. Irgendwie war es dafür zu wertvoll, zu gut (bitte in aller Bescheidenheit zu verstehen), um irgendwann auf einer nicht mehr gepflegten Institutsseite zu verkümmern, und einen „Error 404“ des Webservers zu verursachen, weil irgendein System Administrator eine Rekonfiguration der Dateipfade vorgenommen haben würde. – Die Idee mit der „Neuen Rundschau“ kam spontan von Alexander Roesler, während ich ihm beim 125jährigen Jubiläum des Fischer-Verlags im Literaturhaus Frankfurt von unserem langsam wachsenden Berg an qualitativ beachtlichen Kommentaren berichtete und von unseren Überlegungen, das Ganze irgendwann einmal als Buch zu bündeln. Aber für ein derartiges „work in progress“, das eine Art vorläufige Endgültigkeit der jeweiligen Kommentare anstrebt, eignet sich eine Kultur-Zeitschrift wie die „Neue Rundschau“, die ja noch zu Lebzeiten von Herman Melville zum ersten Mal erschien, ungleich besser als ein Medium wie das Buch, ganz zu schweigen von der flatterhaften Nicht-Dauerhaftigkeit des Internet.

Die Kerngruppe der spekulativen Moby-Dick-Ausleger besteht aus Friedrich Balke, Matthias Bickenbach, Lars Friedrich, Markus Krajewski, Harun Maye, Ethel Matala de Mazza, Armin Schäfer, Bernhard Siegert, Leander Scholz, Niels Werber und Burkhardt Wolf, künftig verstärkt wohl noch durch Joseph Vogl.

Das Gespräch führte Oliver Jungen.

Quelle: F.A.Z.
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