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Veröffentlicht: 24.08.2006, 17:15 Uhr

Ein Gespräch über Handke Lob und Tadel des Verschweigens

Wo der eine für jene Wahrheit büßen muß, die er all die Jahre verschwieg, würgt der andere an den Halb- und Unwahrheiten, die er seit Jahren nicht verschwiegen hat: Eine Berliner Debatte über Handke wird zu einer über Grass.

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© picture-alliance/ dpa/dpaweb Abwägend: Juli Zeh

Wenn eine Debatte über den Berg ist, merkt man es daran, daß sie vor halbleeren Sälen spielt. Der Große Saal der Akademie der Künste im Berliner Hanseatenweg war aber zu zwei Dritteln voll, als sich am Mittwoch abend Volker Braun, Matthias Langhoff, Oskar Negt, Klaus Staeck und Juli Zeh trafen, um über ihren abwesenden Künstlerkollegen Peter Handke, seine Liebe zu Serbien und den Düsseldorfer Heine-Preis zu sprechen, den Handke nicht bekommen hat. Ist die Causa also noch aktuell? Grundsätzlich ja, im Konkreten kaum.

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Man merkte es an der ganz ungeheuchelten Gelassenheit, mit der die Teilnehmer des dritten „Akademie-Gesprächs“ unter Leitung des Journalisten Johannes Willms aneinander vorbeiredeten: der Soziologe Negt als Kritiker des Dichterblicks („der kann ja auch irren“), der Theatermann Langhoff als Handkes redlicher Pflichtverteidiger („vielleicht hat die Begegnung mit Milosevic seinen Geist verwirrt“), der Satiriker Staeck als Semantiker der Medienfigur Peter H. („diese Gesten, das war nicht mißzuverstehen“), der Lyriker Braun als Apokalyptiker des Kulturjournalismus („daß in einer Zeit ungeheurer Kriege dieser einzelne der Schreckensmann des deutschen Feuilletons wird, ist eine Verwahrlosung der Wahrnehmung“).

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Nur Juli Zeh, bei weitem die Jüngste und Reflektierteste auf dem Podium, versuchte eine Abwägung zwischen Handkes literarischen Texten und seinen öffentlichen Auftritten, zwischen dem poetischen Beobachter und dem politischen Meinungshaber. Dabei blieb freilich ungesagt, daß schon Handkes allererste Stellungnahme zum Bosnien-Krieg, die Anfang 1996 erschienene „Winterliche Reise“, über alles Dichterische hinaus politisch war, weil sie von den bosnischen Opfern ab- und zu den serbischen hinsah, weil sie statt von Srebrenica von Feldern, Weinbergen und Straßenmärkten sprach.

So hätte der Abend still dahinschwinden können, wenn nicht - ja, wenn nicht jener „Unnennbare“ (Willms), über den zu schweigen man sich anfangs vorgenommen hatte, doch noch genannt und sein Fall zur Sprache gebracht worden wäre: Günter Grass. War sein öffentliches Geständnis ein Fehler? Ja, meinte Juli Zeh, das „reißerische Interview“ habe es Grass' Gegnern leichtgemacht, und Staeck hätte am liebsten nie etwas von seines Freundes Mitgliedschaft in der Waffen-SS erfahren: „Ein vernünftiger Mensch müßte das eigentlich mit ins Grab nehmen.“

Meinte der Akademiepräsident wirklich, was er da sagte? War es nicht gerade das Projekt seiner Generation, die deutsche Schuld und Schande aufzudecken, bevor sie mit den Vätern in die Erde sank? Von „Sündenstolz“ orakelte Johannes Willms, als er die Debatte schloß. Diesen Stolz mag Grass mit seinem Antipoden Handke gemeinsam haben. Aber wo der eine für jene Wahrheit büßen muß, die er all die Jahre verschwieg, würgt der andere an den Halb- und Unwahrheiten, die er seit Jahren nicht verschwiegen hat.

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