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Ein Gespräch mit Marcel Reich-Ranicki : Es war viel leichter, als ich mir das vorgestellt hatte

  • -Aktualisiert am

Marcel Reich-Ranicki am 30. Mai 2008 in seinem Frankfurter Büro Bild: F.A.Z.-Helmut Fricke

In diesem Sommer ist es fünfzig Jahre her, dass der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki nach Deutschland übersiedelte. Wie kam er in dem Land zurecht, das ihn einst hatte umbringen wollen; wie begegnete man ihm hier? Und wie wurde er zu dem, als den wir ihn heute kennen?

          In diesem Sommer ist es fünfzig Jahre her, dass der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki nach Deutschland übersiedelte. Wie kam er in dem Land zurecht, das ihn einst hatte umbringen wollen; wie begegnete man ihm hier? Und wie wurde er zu dem, als den wir ihn heute kennen?

          Lieber Herr Reich-Ranicki, Sie sind jetzt fünfzig Jahre in der Bundesrepublik. Das ist viermal so lang, wie das Dritte Reich gedauert hat.

          Es gibt eine Sache, über die habe ich im Buch „Mein Leben“ schon geschrieben. Aber die Sache ist sehr wichtig: Einige meiner Mitschüler, mit denen ich das Abitur am Fichte-Gymnasium in Berlin gemacht habe, haben ein Treffen mit den noch lebenden sieben, acht Schülern organisiert. Das war in den sechziger Jahren und für mich ein großes Erlebnis. Eine unerhörte Überraschung. Die haben mich natürlich aufgefordert zu kommen. Meine Schwester fand das überhaupt nicht gut. „Wozu gehst du da hin, was willst du mit den Leuten zu tun haben?“ Ich sagte, die interessieren mich sehr. Sie haben mir persönlich nichts angetan. Sie haben die drei Juden in der Klasse tadellos behandelt. Ich will sie sehen. Ich will hören, was sie jetzt dazu sagen.

          Marcel Reich-Ranicki am 30. Mai 2008 in seinem Frankfurter Büro Bilderstrecke

          Und wie verlief das Treffen?

          Es war eine große Enttäuschung für mich. Ich sagte: „Meine Lieben, ich will euch eine Frage stellen. Ich habe an euch alle, im Warschauer Getto, nach dem Getto, gedacht und immer wieder gedacht. Sollte ich überleben und euch einmal treffen, dann müsste ich euch eine Frage stellen: Wie war das möglich, dass ihr uns, den wenigen Juden der Klasse, nichts angetan habt? Das hätte ich gern gewusst. Ihr standet alle - natürlich kann euch das keiner vorwerfen - unter dem Einfluss der antisemitischen Propaganda mit diesen ,Stürmer'-Kästen, in denen Juden zu Untermenschen erklärt wurden. Und ihr habt uns ganz normal behandelt, wie alle anderen Schüler auch. Wir wurden nicht schikaniert, wie war das möglich?“ Da sagte der Schüler Axhausen: „Da siehst du eben, dass du es falsch gesehen hast. Diese Propaganda war gar nicht so stark. Wir standen gar nicht unter ihrem Einfluss. Wir wussten, dass der Wolfgang Harig, Schalscha und du, dass ihr alle sehr anständige Schüler wart. Schalscha war ein glänzender Hundertmeterläufer. Du warst der beste Schüler in Deutsch.“

          Haben die beiden überlebt?

          Harig weiß ich nicht. Der ist nach Australien ausgewandert.

          Haben Sie sich jemals so einen Stürmerkasten angeguckt?

          Ja.

          Was denkt man dann?

          Ich war ja schon an antisemitische Werbeaktionen gewöhnt. Widerlich.

          Aber waren Sie da nicht entsetzt?

          Das war typisch für diese Verhältnisse. Mein Bruder, der Zahnmedizin studierte, hatte einen Freund, Walter Bolte, der auch Zahnmedizin studierte und oft zu uns nach Hause kam. Viel Geld hatte er offenbar nicht, an dem Abendessen war ihm gelegen. Darüber haben wir nie mit ihm gesprochen, was sich da abspielt. Er sagte, das sei doch nicht ernst zu nehmen: Bücher werden verbrannt. Drei, vier Monate später sagte er bei uns am Tisch, wir waren alle da: „Na ja, ich habe mich entschlossen, der Armee Hitlers beizutreten.“ Ich fragte: „Welcher Armee?“ Er sagte: „Der SS.“ Wir waren entsetzt.

          Kam er je wieder?

          Zu uns kam er nicht in Uniform. Es war schon eine merkwürdige Zeit.

          Ernst Jünger, den Sie nicht mögen, hat einmal beschrieben, wie er durch Paris ging und ihm ein Jude mit dem Stern entgegenkam. Er fand das so schrecklich, dass er vor dem Juden salutierte und ihm eine Ehrbezeugung machte. Und dieser Jude hat sich später gemeldet und gesagt: Ja, das stimmt. Sind Sie jemals auf etwas gestoßen, mit dem Ihnen jemand signalisiert hätte: Ich kann das nicht akzeptieren, was hier passiert?

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