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Ein deutsches Jahrhundert im Roman : Der Untergang des Hauses Ruge

Der Außenseiter: Eugen Ruge hat keine literarischen Vorbilder und glaubt nicht daran, dass man die Wirklichkeit erzählen kann. Er hat es trotzdem versucht Bild: F.A.Z.

Sein ganzes Leben hat Eugen Ruge für eine Buch geprobt: Sein spätes Debüt „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ blickt vom Innersten der DDR auf das ganze deutsche Jahrhundert.

          Der Weg Zum Höft ist schwer zu finden. Dabei hatte der Mathematiker die Lage seines Hauses am Telefon mit derselben Exaktheit beschrieben, mit der er auch später im Gespräch seine verwickelte Familiengeschichte darlegen wird. Sich durchzufragen hat aber auch keinen Sinn, wie sich rasch herausstellt, denn die Anschrift fast aller in Gager lautet: Zum Höft. Das Fischerdorf an der hagenschen Wieck mit seinen wenigen hingewürfelten Häuschen liegt, zumindest von Frankfurt aus gesehen, so ziemlich am entferntesten Eck des Landes: an der Südostküste Rügens, dort, wo nicht einmal mehr der Rasende Roland, die berühmte Schmalspurbahn der Insel, hält, südlich noch von Göhren. Dann endlich, als der Fahrer schon verzweifelt auf Radwegen umherirrt, taucht hinter viel Gestrüpp inmitten von Obstbäumen auf einmal ein kleines malerisches Häuschen mit Reetdach auf, das Refugium von Eugen Ruge.

          Sandra  Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          An diesem weltvergessenen Ort hat der Siebenundfünfzigjährige mit dem grauen Kinnbärtchen die letzten drei Jahre an seinem Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ geschrieben, der in diesen Tagen erscheint. Es ist ein Lebenswerk mit einer besonderen Entstehungsgeschichte, und dieses Haus auf dem Mönchgut spielt darin eine zentrale Rolle. Von Eugen Ruges Mutter in den siebziger Jahren mit eigenen Händen errichtet, tauschte sie für seinen Bau auf dem Schwarzmarkt in der DDR Materialien ein, die sie sich auf abenteuerlichsten Wegen organisiert hatte. Im Tausch für Holz, Zement oder Glas bot sie auch Aal vom Rügener Fischer Eberling.

          Dem Stoff nicht gewachsen

          Seinen Gast bittet der Autor zunächst ebenfalls zu Aal und Weißbrot auf seine Terrasse, von der sich der Blick auf den in der Sonne gleißenden Bodden öffnet. Der Fisch, den wir essen, stammt frisch vom Hafen, die Stühle, auf denen wir sitzen, aus alten DDR-Zeiten. Von dieser DDR, diesem seltsamen Land, in das Eugen Ruge als Vierjähriger 1958 mit seinen Eltern aus dem Ural übergesiedelt war und das er, ein Jahr vor dem Fall der Mauer, mit einem gefälschten Ausreiseantrag wieder verließ, handelt sein Roman. „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ erzählt vom Niedergang einer Familie. Es ist seine Familie, die Ruges, eine DDR-Vorzeigefamilie, deren Urahn Niklas Ruge tatsächlich aus Rügen stammt.

          Das Haus mit der kleinen Stube im Erdgeschoss und der Schlafkammer oben ist das Einzige, was dem Autor von seiner einst einflussreichen Familie geblieben ist. Zuletzt war er sogar bereit, das Haus selbst zu opfern, es zu verkaufen, um endlich zu Ende zu bringen, was ihn seit zwanzig Jahren umtreibt. Immer wieder war er daran gescheitert, die Geschichte seiner Familie, die auch eine Geschichte Deutschlands ist, eine Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts und eine des Leids und des Unglücks, zu fassen zu bekommen. Dem Stoff war er lange Zeit nicht gewachsen. Er musste erst zum letzten Überlebenden seines Clans werden und an einem eigenen Tiefpunkt ankommen, um dieses Schicksal so aufschreiben zu können.

          Zum großen Ganzen gefügt

          Die Entstehungsgeschichte erklärt, warum der Roman, obwohl es Ruges Debüt ist, nichts von der Aufgeregtheit und Unsicherheit eines Anfängers ausstrahlt. Ruge hat zuvor über vieles geschrieben, über das Grünen-Politikerpaar Bastian/Kelly ebenso wie über Wendeverlierer, über Monica Lewinsky oder Ibrahim Böhme. Die meisten seiner Theaterstücke, Hörspiele oder Filmexposés erscheinen jedoch im Rückblick wie Etüden für dieses eine Buch, Fingerübungen, die unbefriedigend blieben. Nun hat sich alles zu einem großen Ganzen gefügt.

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