16.02.2006 · „Was! Will! Sie! Denn!?“ Dieser Satz aus dem unendlich anregenden Märchen „Vom Fischer und seiner Frau“ bringt die Absurdität der Gier besser zum Ausdruck als alle lehrhafte Erörterung. Man muß ihn hören.
Es war im Grunde immer recht angenehm, als Kind krank zu sein. Denn das bedeutete neben erhöhter Zuwendung auch die Erlaubnis, den ganzen Tag Märchenplatten zu hören. Den stärksten Eindruck machte auf mich die Geschichte „Vom Fischer und seiner Frau“, und zwar weniger wegen des gewiß wertvollen, zeitlos gültigen moralischen Gehalts (man soll nicht gierig sein); es war vielmehr die Stimme des glücklich wieder vom Angelhaken gelassenen Fisches, der da zuletzt den treuen und ein wenig zu willfährigen Fischer fragt: „Was! Will! Sie! Denn!?“
Den Namen des Sprechers habe ich mir nicht gemerkt, als Kind interessiert man sich nicht für dergleichen. Was ich aber weiß, das ist, daß es ein sonor dröhnender, ganz und gar durchdringender, göttlich zorniger Klang war, der auch vom schlimmsten Sturmpeitschen nicht übertönt werden konnte, wie es zuletzt über der See herrschte, in welcher der Fisch schwamm. Sogar für den, der es nicht hatte kommen sehen, also auch für mich, signalisierte er: Jetzt ist die Frau des Fischers zu weit gegangen, die Geduld des Fisches ist erschöpft: „Was! Will! Sie! Denn!?“
Diesen Satz, man muß ihn hören!
Ich könnte mir vorstellen, daß der verstorbene Schauspieler und Lautkünstler Martin Benrath das wunderbar hätte besorgen können (und hat es am Ende auch? Ich weiß nur noch soviel, daß auf der Hülle der wohl immer noch im Elternhaus liegenden, heute natürlich heillos zerkratzten Platte in zur Mitte hin kleiner werdenen Großbuchstaben „Europa“ stand).
Was also will jene Ilsebill, die, wie es im vorpommerschen Original heißt, „nich so will, as ik wol will“? Der Fischer schämt sich, es zu sagen: „Sie will werden wie der liebe Gott.“ Erst heraus aus der armseligen Hütte, ein Haus muß her, dann ein Schloß, dann will sie König, Kaiser und Papst werden, all dies wird ihr gleichmütig gewährt, der Fisch sagt immer nur, geh nur hin, sie hat es schon. Heute kommt mir die Frau selber vor wie ein krankes Kind: Ich will dies, ich will das. Hätte sie nicht selber jedesmal an die See gehen und den Fisch fragen können?
Es heißt immer, man darf Kindern nichts vorkauen, ihre Phantasie soll angeregt werden. Schon richtig. Aber diesen einen Satz dieses unendlich anregenden Märchens - das natürlich auf die Frage hinausläuft: Darf man Gott versuchen? - muß man hören, und zwar, wenn möglich, in jener wunderbaren Stimme, welche die Absurdität dieser wie jeder Gier besser zum Ausdruck bringt als alle lehrhafte Erörterung. Dann weiß man, was falsche Lebensentscheidungen sind; dann weiß man, daß man sich irgendwann zufriedengeben muß.