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eBook Zögert nicht, handelt!

06.12.2008 ·  Was in Japan schon ein lukrativer Trend ist, sorgt in Deutschland noch für Stirnrunzeln: Wird das eBook halten, was es verspricht? Wer morgen am elektronischen Buchmarkt führen will, muss heute investieren. Doch die Traditionsverlage zögern.

Von Hubert Spiegel
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Mica Naitoh gehört zu den erfolgreichsten Schriftstellerinnen Japans. Aber ihre Bücher werden nicht gedruckt und in keiner Buchhandlung verkauft. Naito schreibt „mobile-phone-novels“, Romane, die auf dem Mobiltelefon gelesen und für das Mobiltelefon geschrieben werden, in einem Stil, der von der SMS geprägt ist.

Damit werden Auflagen in Millionenhöhe erreicht, der japanische Markt wächst rasant und hatte bereits 2006 ein Volumen von zweiundachtzig Millionen Dollar erreicht. Die „mobile-phone-novels“ seien ein „Gottesgeschenk“ für die geplagten Verlags, hieß es daraufhin im „Economist“. Dabei hat die Branche eher Anlaß, die Götter wieder zu fürchten, wenn sie solche Geschenke bringen.

Dass sich „phone novels“ hierzulande jemals durchsetzen könnten, dürften die meisten deutschen Verleger für völlig unwahrscheinlich halten. Aber deutsche Verleger konnten sich bis vor wenigen Wochen auch noch nicht vorstellen, dass der vor zehn Jahren als vermeintliche Totgeburt gestartete eBook-Reader, das digitale Lesegerät, das wichtigste Thema des Jahres 2009 für sie werden könnte. Die Buchbranche hat über Jahre in zwei Kernbereichen umgekehrt proportionales Wachstumsverhalten gezeigt: Man hat immer mehr Titel auf den Markt geworfen und immer weniger Phantasie entwickelt. Anders gesagt: Man hat immer mehr gedruckt und immer weniger gedacht.

Mutig in die Zukunft?

Als besonders phantasieanregend gelten unter solchen Umständen Zahlen, wie sie jetzt auf der bislang größten eBook-Konferenz im deutschsprachigen Raum in München präsentiert wurden. Gleich dreimal wurde den hundertfünfzig Teilnehmern aus deutschen Verlagshäusern, die der Einladung der Akademie des Deutschen Buchhandels gefolgt waren, von verschiedenen Referenten die jüngste Statistik des amerikanischen eBook-Marktes vorgelegt, denn dessen Wachstumskurve zeigt rasant nach oben: In nur drei Jahren hat sich der Umsatz nahezu vervierfacht. Das sollte gehirnstimulierend wirken. Wie ein Mantra wiederholten viele Referenten wie der bei Bertelsmann für Medientechnologie zuständige Johannes Mohn, Ralf Müller von DroemerKnaur oder Christian Guggemos von ciando ihre Aufforderung, sich der Herausforderung zu stellen und die Chancen wahrzunehmen. Das war kein Pfeifen im Keller - diejenigen, die sich im Keller wähnen, pfeifen nicht einmal mehr. Das sind vor allem die Buchhändler.

Ob nun Johannes Mohn verkündete, dass die Medienindustrie insgesamt gerade die größte Veränderung seit ihrem Bestehen durchlaufe, oder Mike Röttgen vom Dienstleister arvato Systems haarklein darlegte, warum das eBook eine nahezu vollständige Neuorganisation der Arbeitsabläufe in den Verlagen verlange, immer war die Botschaft dieselbe: Zögert nicht zu lange! Abwarten bringt nichts! Handelt jetzt!

Nicht wieder die anderen das Spiel übernehmen lassen

Dabei ist die abwartende Haltung durchaus verständlich. Niemand weiß, ob die neuen Lesegeräte in Deutschland so gut einschlagen werden wie auf dem amerikanischen Markt, den Amazon mit seinem Kindle zu mehr als achtzig Prozent beherrscht. Wann der Kindle nach Deutschland kommt, ist ebenso unklar wie die Fragen, wie gut der im nächsten Frühjahr lieferbare Sony Reader ankommen wird oder ob es Libri und der konkurrierenden Börsenvereinstochter Libreka gelingen wird, Online-Plattformen aufzubauen und zu etablieren, die es mit Amazon aufnehmen können.

Wo die einen zurecht die traditionell kleinteiligen deutsche Marktstrukturen in Gefahr sehen, warnen die anderen davor, die Fehler der Musikindustrie zu wiederholen und einem fremden Riesen das Feld zu überlassen, wie es geschehen ist, als Âpple mit seinem iPod die Musikindustrie düpierte, die sich wenig später am Rand des Ruins befand.

Internet-Piraterie als große Gefahr

Im letzten Jahr hat die amerikanische Musikindustrie fast ein Viertel ihres Umsatzes mit digitalen Inhalten gemacht, 2005 waren es erst neun Prozent. Aber auch der Zuwachs reicht keineswegs aus, um die Verluste auszugleichen, die im traditionellen Geschäftsfeld auflaufen. Wohin soll die Verlagsbranche schauen, um sich zu orientieren, aus wessen Fehlern kann sie lernen, wessen Erfolge kopieren?

Die zentralen Fragen sind allesamt mehr oder weniger offen: Was darf ein eBook im Vergleich zum Hardcover kosten? Welche Marktsegmente können besonders stark vom eBook profitieren und welche nicht? Wird Belletristik überhaupt eine nennenswerte Rolle spielen oder wird das digitale Lesegerät überwiegend von professionellen Lesern im Sachbuch- und Wissenschaftsbereich genutzt werden? Wird es beim derzeitigen Nebeneinander mehrere Formate wie PDF und E-PUB bleiben oder wird sich ein gemeinsamer Standard etablieren? Und schließlich, das blutrünstige digitale Schreckgespenst schlechthin, die Raubkopierer: Wie und mit welchem Aufwand lässt sich der illegale Download verhindern?

Vollkommener Schutz ist nicht möglich

Die Angst vor der Piraterie ist groß, die Hoffnung auf technische Lösungen eher gering. Während die einen wie Norbert Hofherr von ciando die Hürden so hoch wie möglich machen wollen, sagen andere wie Roland Schild von Libreka, dass völliger Schutz nicht möglich und Kriminalisierung der Raubkopierer das beste Mittel sei.

Johannes Mohn, immer bemüht, die digitale Welt als Gesamtphänomen ins Blickfeld seiner Zuhörer zu rücken, befürchtet, dass der nachlassende Respekt vor geistigem Eigentum dessen Schutz bald schon zu einem Thema machen wird, das für die ganze Gesellschaft von Bedeutung ist: „Wenn die Gesellschaft will, dass weiterhin kulturelle Inhalte entstehen und produziert werden, wird sie dafür sorgen müssen, dass die Menschen, die das tun, auch weiterhin entlohnt werden.“

Nicht nur ein Markt für die Massenbücher

Während Sachbuchverlage wie Campus, Walter de Gruyter und Springer bestens gerüstet sind, weil sie Fachbücher und Zeitschriften seit Jahren digital vertreiben, stehen Häuser wie Fischer, Hanser oder Suhrkamp vor schwierigen Entscheidungen und großen Investitionen, wenn sie auch nur einen Bruchteil ihrer Backlist als eBook anbieten wollen.

Genau das scheint aber das Gebot der Stunde: Anne Stirnweis von Amazon berichtete, dass der Anteil der Belletristik am eBook-Absatz stark wächst, und Dagmar Lagings Erfahrungen beim Springer Verlag zeigen, dass eBook-Käufer keineswegs nur auf Bestseller und Novitäten versessen seien. Aber noch ist das digitale Geschäft mit der Longlist mühsam und teuer.

Zwischen hundertfünfzig und sechshundert Euro muss ein Verlag aufwenden, wenn er einen gedruckten Titel zusätzlich als eBook anbieten will. Amazon tut dies mittlerweile mit mehr als zweihundertausend Titeln und hat damit 2008 in den Vereinigten Staaten grob geschätzt soviel umgesetzt wie Japans „Phone Novels“ schon vor zwei Jahren.

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Jahrgang 1962, Redakteur im Feuilleton.

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