16.08.2004 · Immer kann jeder, der die wenigen Grunddaten von Kierkegaards Leben kennt, gerade und vor allem seine Tagebücher irgendwo aufschlagen - und ist darauf sofort im Existieren drin.
Ein Lieblingsbuch ist ja doch ein Buch, das man gerne immer wieder liest, so wie man ja seine Liebste gerne immer wieder sieht. Die "Dämonen" von Doderer gehören zu diesen Wiedergängern aus dem Bücherregal. Das Lieblingsbuch muß einem gut bekannt und doch auch wiederum unbekannt geblieben sein. Eine Liebe ohne Reize ist wie ein Mensch ohne Geheimnis - und damit bin ich mittendrin, denn solche Wie-Sätze schrieb gerne der dänische Philosoph Sören Kierkegaard.
Der mir liebste Kierkegaard ist der Tagebuchschreiber. Seine "Tagebücher" liegen in fünf Bänden in der gebundenen Gesamtausgabe seiner Schriften vor, das heißt, sie liegen nicht mehr vor, weil man die gesammelten Tagebücher heute nur noch antiquarisch bekommen kann, was eine große Schande ist.
Wie ein Papagei im Käfig Kierkegaards
Das Lieblingsbuch hat allen anderen Büchern etwas voraus: Man muß nicht erst hineinkommen, denn man ist immer schon irgendwie drin. Beim Tagebuch kommt hinzu, daß man nicht einmal immer von vorne anfangen muß, sondern irgendwo losgehen kann, denn das Irgendwo im Tagebuch ist immer der Ort, wo gerade das Leben reflektiert wird. Das trifft nun in ungeheurem Maße auf die Tagebücher Kierkegaards zu. Denn ihr Verfasser ist nicht viel durch die Welt gereist, sondern die meiste Zeit seines kurzen Lebens in seinen großen Zimmern und auf den Bürgersteigen im kleinen Kopenhagen herumgelaufen und hat sich dabei und danach enorme Gedanken darüber gemacht, was es denn bedeutet, daß er existiert.
Der große argentinische Schriftsteller Julio Cortázar, der mit "Rayuela - Himmel und Hölle" auch ein Lieblingsbuch geschrieben hat, meint darin: Kierkegaard lesen heißt letztendlich, sich wie ein Papagei im Käfig Kierkegaards fühlen. Immer also kann jeder, der die wenigen Grunddaten von Kierkegaards Leben kennt, gerade und vor allem seine Tagebücher irgendwo aufschlagen - und ist darauf sofort im Existieren drin. Wenn auch scheinbar nichts Fürchterliches passiert, so ist doch bei Sören Kierkegaard das Existieren immer ein dramatisches Existieren, weil die Unheimlichkeit der Existenz - und die Existenz ist sehr unheimlich, wenn man sie ernst nimmt - der eilenden Reflexion - und Kierkegaard ist sehr schnell, wenn er nachdenkt - die Luft zu nehmen scheint. Und das gehört ja zu den Reizen der Liebsten dazu: daß man immer bei ihnen ein wenig atemlos wird.