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Veröffentlicht: 02.04.2015, 10:49 Uhr

E-Book-Kolumne „E-Lektüren“ Die Wortwelt von Homers Erben

E-Books sind im Alltag angekommen. Deswegen stellen wir künftig einmal im Monat die interessantesten digitalen Neuerscheinungen vor. Den Anfang machen Erich Mühsam, Pippi Langstrumpf und die Hanser Box.

von Elke Heinemann
© dpa Das Buch verliert nicht durch das E-Book, es gewinnt - und die Leser mit ihm.

Ich wurde früh mit literarischen Werken beschenkt, die strenggenommen keine Kinderbücher sind. Während ich mit Alice durchs Wunderland stapfte oder mich mit der kleinen Seejungfrau vor der Meerhexe gruselte, las mein Vater „Pippi Langstrumpf“ und lachte sich schlapp. Ich las dann auch „Pippi Langstrumpf“ und lachte mich schlapp. Die wichtigsten Geschichten, Märchen und Gedichtbände meiner Kindheit stehen noch heute in meiner Bibliothek. Außerdem trage ich sie neuerdings dauernd mit mir herum, denn es gibt sie als E-Books. An jedem Ort der Welt kann ich mich wundern, gruseln oder schlapp lachen, ohne kiloschwere Buchpakete mitzuschleppen.

Sie wollen Papier beim Umblättern rascheln hören, einen monochromen Leinenband mit Lesebändchen in Händen halten und kein kaltes elektronisches Lesegerät? Auch ich bin bekennend bibliophil und hoffe, dass unsere Nachfahren dereinst immer noch schön gemachte Bücher hegen und pflegen werden. Aber warum auf zusätzliche E-Lektüren verzichten? Weil BND, NSA und imperialistische Megakonzerne uns bei jedem Download im Netz ausspionieren? In sozialen Medien wird freiwillig viel mehr offenbart, als es ein noch so exzentrischer Literaturgeschmack erahnen lassen könnte.

Mühsam, anarchoschwarz

Ich liebe gute Literatur. Und ich will sie lesen können, jederzeit und überall. Das Buch verliert nicht durch das E-Book, es gewinnt. Rund zwei Drittel aller deutschen Verlage bieten Digitalversionen ihrer Bücher an, vom ultimativen Beziehungsratgeber bis zum preiswürdigen Roman. Ich habe mir jüngst ein literarisches Monumentalwerk vorgenommen, das sogar eine eigene Internetpräsenz besitzt: Die Tagebücher, die der Räterevolutionär, Schriftsteller und Lebemann Erich Mühsam von 1910 bis 1924 geführt hat, erscheinen seit 2011 im Verbrecher Verlag.

33747599 © Heidi Scherm Vergrößern Unsere Kolumnistin Elke Heinemann, Jahrgang 1961, lebt als Schriftstellerin und Publizistin in Berlin

Fünfzehn edle Bücher in anarchoschwarzem Leinen sind bis 2018 geplant. Dazu edle E-Books mit anarchoschwarzem Cover, in denen der Fließtext mit dem kommentierten Personen- und Sachregister verlinkt ist, das sich wiederum als PDF-Datei zum Download auf der projekteigenen Website findet. Dort kann man die Typoskripte mit Mühsams fliehender Handschrift vergleichen und Kommentare der Herausgeber Chris Hirte und Conrad Piens zur Schwabinger Boheme jener Zeit lesen, die mit Wikipedia verlinkt sind. Wenn mir aber danach ist, lasse ich alles links liegen, gebe mich Mühsams bissiger Lebensbeschreibung hin, konzentriere mich, ganz gleich, ob analog oder digital, auf Geldnöte, Geschlechtskrankheiten, politische, ästhetische und sexuelle Obsessionen des Dichters.

Auch Lesen ist heute cool

Dabei bin ich kein Early Adopter technischer Innovationen. Als meine Familie das erste Fernsehgerät anschaffte, das anlässlich der Mondlandung und vergleichbar relevanter Ereignisse eingeschaltet wurde, begann ich gerade mit Dauerlesen. Kinder von heute schauen ständig in irgendeinen Screen. Sie lernen Pippi Langstrumpf durch eine interaktive App des traditionsreichen Kinder- und Jugendbuchverlags Oetinger kennen und backen mit ihr auf dem Tablet-PC die verrücktesten Kuchen der Welt. Wer Astrid Lindgrens Geschichten über das starke Mädchen aus der Villa Kunterbunt gedruckt lesen will, kann sie als kostenlose PDF-Datei in der Ursprungsübersetzung von Cäcilie Heinig von der Website des Verlags herunterladen - oder/und sich auf die wunderbaren Pippi-Langstrumpf-Sonderausgaben im Retrolook der schwedischen Originale aus dem Jahr 1945 freuen, die demnächst bei Oetinger erscheinen.

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