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E-Book-Kolumne „E-Lektüren“ : Am Ende der Welt spielt die Menschenart keine Rolle

  • -Aktualisiert am

Der Autor David Safier hat ein Theaterstück aus dem Warschauer Getto wiederentdeckt und selbiges nun in deutscher Übersetzung und angeblich „minimalinvasiver“ Bearbeitung herausgegeben. Bild: Marcus Kaufhold

Das lässt einen nicht kalt: Jonathan Franzen geht auf Kreuzfahrt in die Antarktis und David Safier hat ein Theaterstück aus dem Warschauer Getto wiederentdeckt.

          Fast eine halbe Million Menschen jüdischen Glaubens lebten Mitte 1941 eng zusammengedrängt im Warschauer Getto. Wer das gerade einmal drei Quadratkilometer große Gelände verließ, riskierte, erschossen zu werden. Ein Jahr später deportierten die Deutschen den Großteil der Bewohner in das Vernichtungslager Treblinka, wo sie zu Hunderttausenden ermordet wurden. Im Rest-Getto kam es im April 1943 schließlich zu einer der heroischsten Aktionen gegen den faschistischen Aggressor.

          Der bewaffnete Aufstand war allerdings zum Scheitern verurteilt und hatte die Sprengung des gesamten Bezirks durch die SS zur Folge. All dies ist von solcher Monstrosität, dass jede Bezugnahme auf das Warschauer Getto heute nur im Bewusstsein dieses Infernos möglich ist, stets imprägniert mit einer kaum fasslichen Tragik, die wie ein schwarzes Loch alles Leben, alle Hoffnung, allen Sinn einsaugt. Man steht vor dem absoluten Nichts, der Negation des Menschlichen.

          Eine Liebeskomödie, die den Leser lächeln und frösteln lässt

          Den Bewohnern, auch wenn sie täglich mit dem Mangel, der Enge und der Rechtlosigkeit konfrontiert waren, war freilich noch Anfang des Jahres 1942 nicht bewusst, welches Schicksal vor ihnen lag. Der für die Selbstverwaltung zuständige Judenrat versuchte, das Leben in dem völlig überfüllten Bezirk den Umständen entsprechend gut zu organisieren, richtete Suppenküchen und Krankenstationen ein, vermittelte Schlafplätze in oft überbelegten Zimmern

          Auch das religiöse und das kulturelle Leben wurden aufrechterhalten, schon um nicht den Verstand zu verlieren und den Barbaren etwas entgegenzusetzen. Es gab Bibliotheken, Konzerte und gleich mehrere Theater. Im großen Femina-Theater wurde am 26. Januar 1942 eine Holterdipolter-Liebeskomödie voller Bezugnahmen auf das Gettoleben uraufgeführt, die der künstlerische Leiter dieses Theaters, Jerzy Jurandot, geschrieben hatte. Sie lässt den heutigen Leser lächeln und frösteln zugleich.

          Liebe vor dem Hintergrund des Gettoalltags

          Der mit komischen Stoffen äußerst erfolgreiche Autor David Safier, der mit „28 Tage lang“ (2014) aber auch einen erstaunlichen Roman über den Widerstandskampf im Warschauer Getto vorgelegt hat, war bei seinen Recherchen auf die Komödie gestoßen. Er hat von Jurandots Tochter die Rechte an dem literarisch nicht herausragenden, mentalitätsgeschichtlich aber hochinteressanten Stück erworben und selbiges nun in deutscher Übersetzung und angeblich „minimalinvasiver“ Bearbeitung herausgegeben.

          Es handelt sich um einen klassischen Volkstheater-Plot, bei dem sich zwei jungvermählte, ungleich kombinierte Paare – jeweils eine chaotische Künstlernatur und ein biederer Charakter – über Kreuz ineinander verlieben. Das aber geschieht vor dem Hintergrund des Gettoalltags, denn beiden Paaren wurde dieselbe Wohnung zugewiesen. Schon dass die jungen Menschen Hals über Kopf geheiratet haben und weitere es ihnen nachtun, ist eine Bezugnahme auf die äußeren Umstände: „Vielen ist es sogar egal, wen sie heiraten.“ „Die wollen eben nicht die Zeit mit der Suche nach der großen Liebe verschwenden.“ „Dafür ist nun mal nicht die Zeit.“

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          Der Humor ist uns eigenartig vertraut. Freundliche Witze über das Porträt der Schwiegermutter, das schließlich hinter dem Bett seinen idealen Platz findet, über eine so schlecht gearbeitete Gipsbüste, dass jeder jemand anderen in ihr erkennt, über das Leiden am Ordnungssinn respektive an der chronischen Unordnung des Partners, über eine knausrige Vermieterin oder lärmempfindliche Nachbarn, das funktioniert heute so gut wie damals. Auch Tempo, Missverständnisse und Kalauer sind genretypisch: „Und da liegt der Hund begraben.“ „Er hat auch einen Hund?“ „Nein, eine Tochter.“ „Die Tochter ist begraben?“ „Aber wo! Die singt.“

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