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E-Book-Kolumne „E-Lektüren“ : Am Ende der Welt spielt die Menschenart keine Rolle

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Und doch kann man dieses Stück mit seinen Operettenanleihen natürlich nicht lesen, ohne zugleich an die Verortung zu denken. Ein heiteres Lied über die nicht enden wollende Liste von Sammelaktionen – „was fürs Tier, die Wäscherei / für religiöse Feierei/ für die Künstler und Artisten/ für die Armen auf den Listen / gegen Typhus, zur Entlausung / und im Winter zur Behausung“ – stellt uns indirekt die allgemeine Not vor Augen. Und gerade das hoffnungsvolle Happy End, bei dem alle ihren idealen Partner erhalten und Tagen voller Leidenschaft entgegensehen, versetzt einen Stich. Da wäre es vielleicht nicht nötig gewesen, einen Prolog und einen Epilog hinzu zu erfinden, in dem Safier die Protagonistin Ada überdeutlich auf die alles überwölbende Tragik Bezug nehmen lässt: „Die meisten von uns sterben noch im gleichen Jahr.“ Ein wenig ärgerlich ist es, dass die Namen der männlichen Hauptpersonen – Marian und Edmund – mehrfach durcheinandergeraten.

Man muss es Safier hoch anrechnen, diese Komödie bekannt zu machen, denn solche Einblicke in das Gettoleben justieren den meist täterzentrierten Blick neu, weil die jüdischen Bewohner hier einmal nicht in der anonymen Masse innerhalb eines historiographischen Narrativs aufgehen. Mitten im Horror wird damit der Liebe und der Lebensfreude wenigstens ein kleines Zimmer reserviert.

Der Schriftsteller Jonathan Franzen hat sich auf Kreuzfahrt in die Antarktis begeben.
Der Schriftsteller Jonathan Franzen hat sich auf Kreuzfahrt in die Antarktis begeben. : Bild: AP

Auf ganz andere Weise lesenswert ist auch der Bericht des Schriftstellers und manischen Vogelbeobachters Jonathan Franzen über eine „Lindblad“-Edelkreuzfahrt in die Antarktis. Der geschickt verdichtete Text ist zugleich eine Erzählung über die Einsamkeit des Menschen und die Bedeutung von Zugehörigkeit. Das Geld für die Fahrt entstammt einer unerwarteten Erbschaft, für die sich der Autor mit der eingeflochtenen Lebensgeschichte seines unglücklich verheirateten und von mehreren Schicksalsschlägen getroffenen Onkels Walt revanchiert, zumal Franzens Mutter die späte Liebe ebenjenes Durchhalte-Onkels war – eine Art familiärer Bogen über den Problemzweig der Franzens hinweg.

Auf dem Schiff nimmt sich der Autor inmitten all der betuchten Gäste mit Shackleton-Fimmel als Sonderling wahr, der lieber mit eiserner Ausdauer auf dem Vorderdeck verharrt, um keinen einzigen Vogel zu verpassen, als an geselligen Angeboten teilzunehmen. Tatsächlich erspäht Franzen einen Kaiserpinguin, „vielleicht die wunderbarsten Vögel der Welt“, und setzt alles auf eine Karte: Er meldet seine Sichtung, woraufhin eine Expedition gestartet wird.

„Vielleicht die wunderbarsten Vögel der Welt“

Sollte er sich geirrt haben, könnte in diesem Moment Franzens gesamte Reputation auf dem Schiff in sich zusammenbrechen, aber die Sichtung war korrekt. Die Anerkennung ist so groß wie folgenreich: „Vierzig Jahre lang war ich gewohnt, mir in großen Gruppen wie das Problem vorzukommen. Plötzlich der spielentscheidende Held zu sein, wenn auch nur für einen Tag, war eine ganz neue, verwirrende Erfahrung.“

Mehr und mehr wandelt sich die Reise nun zur „Zauberberg“-Erfahrung, steht der Erzähler als letzter Mensch dem erhabenen Anderen gegenüber, in dem seine Art keine Rolle spielt, zumindest nicht auf die übliche, kultivierende Weise. Dass all das Verwunschene vor seinen Augen allerdings durch den Menschen gefährdet ist – Stichwort Klimawandel, Stichwort Krillfischerei –, weiß Franzen aber sehr genau. Er stellt sich zuletzt die Frage, was das für das eigene Leben bedeutet. Soll man im Namen der Biodiversität keine Kinder mehr bekommen? Das könne es nicht sein, resümiert der Autor und ist mit seinem letzten Satz plötzlich nah an der Haltung Jurandots: „Selbst in einer Welt, in der alles stirbt, wächst immer neue Liebe nach.“

David Safier, Jerzy Jurandot: „Die Liebe sucht ein Zimmer“. Rowohlt Rotation, 2,99 Euro.

Jonathan Franzen: „Das Ende vom Ende der Welt“. Aus dem Englischen von Wieland Freund. Rowohlt Rotation, 2,99 Euro.

Quelle: F.A.Z.

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